Nachahmenswert Inwieweit Jesus ein Vorbild für uns ist

28.06.2019

Nicht nur zur Nachahmung lädt Jesus uns ein, sondern zu seiner Nachfolge, meint Pfarrer Bodo Windolf.

Die Jesus-Darstellung wird dem Umkreis von Peter Candid zugeschrieben und befindet sich in der Kirche St. Johannes Evangelist in Hohenkammer.
Die Jesus-Darstellung wird dem Umkreis von Peter Candid zugeschrieben und befindet sich in der Kirche St. Johannes Evangelist in Hohenkammer. © EOM/HA Kunst/Wolf-Christian von der Mülbe

Jesus als Vorbild – ich möchte mich dem Thema mit einer Vorüberlegung nähern: Jesus ist gewiss Vorbild auf eine andere Weise, als es uns gute Eltern, engagierte Lehrer, faszinierende Mitmenschen sind. Bevor Jesus mir Vorbild ist, ist er mein Erlöser. Nicht zunächst zur Nachahmung, sondern zur Nachfolge lädt er mich ein. Doch das vorausgesetzt, fordert er dann sogar selbst dazu auf, in der Nachfolge auch sein Nachahmer zu werden: „Wenn ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen.“ (Joh 13,14) Aus der Fülle des Nachahmenswerten will ich nur vier Punkte
herausheben.

Dank

In allen Evangelien wird deutlich, wie sehr der Dank die alles andere orchestrierende Grundmelodie des Lebens Jesu war. Jesus weiß sich durch und durch beschenkt. „Alles, was du mir gegeben hast, ist von dir.“ (Joh 17,7) Am deutlichsten wird es im Abendmahlssaal wenige Stunden vor Jesu gewaltsamen Tod. Nicht mit seinem Schicksal hadernd, sondern dankend teilt er sich, sein Leben und Sterben, als „Brot des Lebens“ an die Seinen aus. Eucharistie, Danksagung, ist daher die zentrale christliche Feier. Dankbarkeit als Grundhaltung kommt aus der Bereitschaft, nichts in meinem Leben einfach als selbstverständlich zu nehmen. Sie kommt aus dem immer neuen Staunen über das Kleine und Große, das mein Leben ermöglicht und bereichert. Sie kommt, wie Matthias Claudius dichtet, aus der Freude, „wies Kind zur Weihnachtsgabe, dass ich bin, bin! Und dich schön menschlich Antlitz habe“. Wer dankbar ist, weiß sich beschenkt. Wer sich
beschenkt weiß, weiß sich geliebt. Wer sich geliebt weiß, erfährt jenes Glück, das allein die Liebe gewährt.

Gehorsam und Freiheit

Es gibt nicht eine einzige Stelle in den Evangelien, an der uns Jesus im Gestus eines auf Autonomie und Selbstbestimmung bedachten Menschen begegnet. Diese prometheische Haltung des modernen, aufgeklärten Menschen ist ihm zutiefst fremd. Ganz und gar aus dem Willen des Vaters zu leben – „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat.“ – „Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ – ist ihm so sehr Grundhaltung, dass wir ihn ohne diesen Aspekt grundlegend missverstehen würden. Das Paradoxe ist, dass Jesus innerhalb dieses demütigen Gehorsams auf eine Weise souverän und selbstbestimmt auftritt, frei von jeder Art Menschenfurcht, in einer Hoheit und Freiheit, die ihresgleichen sucht. In ihm gehören Freiheit und Gehorsam untrennbar zusammen, ist Gehorsam die unverzichtbare Grundlage seiner Freiheit. Als HERR hat er gedient, Gott und seinen Mitmenschen. Wie heilsam und befreiend für uns selbst und unsere Umgebung diese zugleich demütige und freie Grundhaltung ist, erlebe ich durchaus immer wieder in meiner seelsorglichen Praxis.

Pfarrer Bodo Windolf leitet die Pfarrei Christus Erlöser in München-Neuperlach.
Pfarrer Bodo Windolf leitet die Pfarrei Christus Erlöser in München-Neuperlach. © privat

Vergebung

Über kein Thema hat Jesus häufiger und eindringlicher gesprochen als über Vergebung und Versöhnung. Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal, also grenzenlos sind wir aufgerufen zu verzeihen. Vergeben und Vergebung empfangen sind gewichtiger Teil des Vater unsers. Die Friedenstifter werden von ihm selig gepriesen. All das gipfelt in der Aufforderung: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lk 6,36) Aber Jesus lehrt es nicht nur, sondern er lebt es, zuletzt, als er sterbend seinen Peinigern vom Kreuz herab verzeiht. Jeder, der schon einmal zutiefst verletzt wurde, weiß, wie schwer Vergebung sein kann. Bisweilen wird, besonders unter Christen, auch zu schnell von „Du musst vergeben“ gesprochen. Den Gefühlen über erlittenes Unrecht darf, ja muss zuerst einmal Raum gegeben werden. Sonst ist echte Vergebung gar nicht möglich. Deswegen dürfen wir uns selbst und anderen zugestehen, dass Vergebung bisweilen ein langer und schmerzlicher Weg ist. Ich denke: Vor Gott entscheidend ist, dass ich verzeihen will, selbst wenn ich es momentan noch nicht kann; dass ich mich nicht in meinen Groll verbeiße, denn das zerstört letztlich mich selbst. In diesem Sinn mag gelten, was Marie von Ebner-Eschenbach schrieb: „Wir sollen immer verzeihen: dem Reuigen um seinetwillen, dem Reuelosen um unseretwillen.“

Liebe

Zuletzt sei die Liebe genannt, in Bezug auf die Jesus so deutlich wie nirgends sonst sich selbst als Vorbild vor Augen stellt: „Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben.“ (Joh 13,34) Das Neue ist hier ohne Zweifel nicht das Liebesgebot als solches, sondern der Maßstab der Liebe: Nicht eine Allerweltsliebe, wie sie menschlicher Vernunft und unserem Gutdünken gerade noch zuträglich erscheint, ist das Maß, sondern die keine Grenze setzende Liebe Jesu. Wir alle wissen: Im Grunde ist es ein utopisches Gebot. Wer von uns könnte von sich sagen, dass er auch nur in die Nähe dessen gekommen wäre, was es heißt, zu lieben, wie Jesus geliebt hat? Genau so wenig werden wir irgendwann einmal sagen können: So, jetzt endlich habe ich sie erreicht, diese Liebe. Aber nicht das Erreichen, sondern das Nach-ihr-Streben ist es, was Jesus hier ganz offensichtlich von den Seinen fordert. Diese Liebe nach seinem Maß will immer wieder neu versucht und eingeübt werden, vor allem da, wo es am schwersten fällt; wo ich einfach keinen Weg zu einer solchen Liebe sehe, weil ich zu schwer enttäuscht, verletzt, missachtet wurde von einem Menschen. Das Nie-Aufgeben, das Gebet um eine solche Liebe, die Bitte um den Heiligen Geist, der diese Liebe in Person ist, sollte unser täglicher Begleiter sein. Übrigens hat Jesus diesen Satz angefügt: „Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ (Joh 13,35) Ist etwas davon in den Familien und Gemeinden, in denen wir zu Hause sind, spür- und erlebbar? Wie sehr wünsche ich Ihnen das!


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