Talk am Turm mit Charlotte Knobloch „Ja, was sagen denn die Rabbiner dazu?“

13.11.2020

Charlotte Knobloch möchte Frauen im jüdischen Leben stärken. Und sie verrät, wie ihr der Volksempfänger half, die letzten Kriegsjahre fern der Heimat zu überstehen.

Charlotte Knobloch im Gespräch mit Carola Renzikowski und Leopold Haerst im Studio des "Münchner Kirchenradio" © SMB
Charlotte Knobloch im Gespräch mit Carola Renzikowski und Leopold Haerst im Studio des "Münchner Kirchenradio" © SMB

Gut, dass Charlotte Knobloch 1985 keine Wette einging: War sie sich doch so sicher, dass die „wirklich streng orthodoxen Rabbiner“ der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern noch nicht bereit seien für eine Frau an der Spitze. Aber dann gaben sie das Okay für ihre erste Amtszeit. Inzwischen sind daraus neun geworden.

Doch ein bisschen wurmt es die mittlerweile 88-jährige Präsidentin schon, nicht mehr für die  Gleichberechtigung von Frauen im jüdischen Leben erreicht zu haben. Die Männer müssten anerkennen, „dass wir nicht nur für Haus und Hof zuständig sein können“, sagte Charlotte Knobloch im „Talk am Turm“ der Pfarrei Christus Erlöser in München-Neuperlach. Aus der Live-Veranstaltung wurde coronabedingt ein Dreier-Gespräch im Studio des Münchner Kirchenradios, moderiert von Carola Renzikowski und Leopold Haerst.

Vor den Nazis versteckt

Die 1932 geborene Münchnerin hat viel zu erzählen: wie sie als kleines Mädchen erstmals „den Begriff Jude“ hörte und dass dies etwas Negatives bedeutete. Bis heute zuckt sie zusammen, wenn sie ihn vernimmt: „Weil es für mich ein großes Schimpfwort ist.“ - Wie sie früh ihre Mutter verlor, weil die Nazis die zum Judentum konvertierte Christin so sehr bedrohten, dass sie sich von Knoblochs Vater trennte und ging. - Wie sie im Alter von zehn Jahren von Kreszentia Hummel, dem einstigen Dienstmädchen ihres Onkels, in einem fränkischen Dorf als deren uneheliches Kind ausgegeben wurde und so den Naziterror überlebte. In ihr Geheimnis waren nur die katholische Familie und der Pfarrer eingeweiht. „Ich habe gewusst, ich darf nichts tun, was mich verrät. Das wollte ich auch für meine Beschützer tun.“ 

Was ihr half, die drei Jahre zu überstehen? Die Tiere auf dem Bauernhof und der Volksempfänger. So hießen damals die Radioapparate in Deutschland. „Bei den Nachrichten war ich eine sehr aufmerksame und sehr interessierte Zuhörerin. Ich habe den ganzen Russlandfeldzug mitbekommen, und als Stalingrad fiel, war das für mich zum ersten Mal ein gewisser Hoffnungsschimmer, und ich habe mir das als Kind so vorgestellt, dass gleich der Frieden kommt. Das hat aber sehr lange gedauert.“

Wir können dableiben

Zurück in München, traf sie auf ihre früheren Peiniger, von denen sie bespuckt und beschimpft worden war. „Die waren ja alle da und haben sich als Judenfreunde dargestellt.“ Sie wollte nur noch weg, zusammen mit ihrem Mann. Die Koffer für die Auswanderung in die USA waren schon gepackt. Doch dann kamen ihre ersten beiden Kinder zur Welt. Die Pläne wurden immer wieder zurückgestellt. Erst 2006 bei der Einweihung  der neuen Münchner Synagoge Ohel Jakob, für die sich Knobloch maßgeblich eingesetzt hatte, kam sie zu der Überzeugung: Wir können dableiben. Vielleicht wird es ja wieder normal, dass jüdische Menschen in Deutschland leben.

Natürlich kommt sie auch auf ihre Zeit als Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland zu sprechen, auf die Rolle der Frau in ihrer Religion und Kultur, und auf den wieder erstarkten Antisemitismus. Was aus der Erinnerungskultur wird, wenn die letzten Zeitzeugen nicht mehr am Leben sind? Knobloch ist optimistisch. „Die heutigen jungen Leute haben Wissen und Grundlagen und stellen auch provokative Fragen, wenn sie etwas nicht verstehen. Das sind die, auf die ich zähle in einer Zeit ohne Zeitzeugen.“ (Carola Renzikowsk)

Seit 2016 lädt die Neuperlacher Pfarrei Christus Erlöser zweimal jährlich zu einem „TALK AM TURM“ ein: ein Gespräch mit bekannten Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur oder Religion, die aus ihrem Leben erzählen, von ihren Wegen und Umwegen, von ihren Sorgen und Hoffnungen, von ihrer Sicht auf Gott und die Welt. Zu Gast hatten die Moderatoren Carola Renzikowski (freie Journalistin) und Leopold Haerst (Diplomtheologe) bisher den Politiker Alois Glück, den Unternehmer Claus Hipp, die Frauenrechtlerin Sr. Lea Ackermann, den Palliativmediziner Marcus Schlemmer u.a.. – Coronabedingt musste der TALK AM TURM mit der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Dr. Charlotte Knobloch am 12. November 2020 ohne Publikum stattfinden und wurde in das Radiostudio des Katholischen Medienhauses St. Michaelsbund verlegt.


Das könnte Sie auch interessieren

Kerze in Dunkelheit
© Sergio Yoneda - stock.adobe.com

München gedenkt erster Deportation jüdischer Bürger

Bei einer Gedenkveranstaltung im Münchner Stadtteil Milbertshofen-Am Hart ist an die erste Deportation Münchner Juden am 20. November 1941 erinnert worden.

20.11.2020

© Erzbistum München und Freising

Heiligengedenken im Stream

Auf dem Freisinger Domberg ist am Wochenende deutlich weniger Betrieb als in den vergangenen Jahren beim Korbiniansfest: denn die beliebte Wallfahrt zum heiligen Korbinian findet heuer fast...

18.11.2020

Weiße Rose
© imago images / IPON

Gedenken an Novemberpogrome vor 82 Jahren

Auch heute müssen Juden in Deutschland Ausgrenzung und Übergriffe erfahren. Neben dem Erinnern ist es Politikern und Religionsvertretern wichtig, gegen Hetze und Verschwörungsmythen vorzugehen.

09.11.2020

Ein Handybildschirm mit der Login-Seite des sozialen Netzwerkes Facebook
© imago

Facebook verbietet künftig Holocaust-Leugnung

Nach jahrelanger Debatte will das soziale Netzwerk nun stärker gegen antisemitische Inhalte vorgehen, die den Holocaust leugnen oder verfälschen. Lob kommt vom Jüdischen Weltkongress.

13.10.2020

Eine Frau steht nach dem Anschlag vor der Synagoge in Halle und betrachtet die Kerzen und Blumen.
© imago

Anschlag auf Synagoge jährt sich

Das Attentat in Halle vor einem Jahr löste bundesweit Entsetzen aus. Seither wollen Justiz und Politik verstärkt gegen Antisemitismus vorgehen. Der jüngste Anschlag in Hamburg zeigt die Dringlichkeit....

08.10.2020

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren