Antisemitismus Jeder muss hinschauen

19.08.2019

In jüngster Zeit haben etliche antisemitische Übergriffe die Öffentlichkeit aufgerüttelt. Das genügt nicht, meint Susanne Hornberger. Es müsse mehr geschehen.

"Hinschauen, eingreifen – Zivilcourage beweisen."
"Hinschauen, eingreifen – Zivilcourage beweisen." © imago images - Future image

Dunkle Wolken ziehen auf. Wolken, von denen wir dachten, sie hätten sich längst verzogen. Hass, Pöbeleien, tätliche Angriffe auf Juden. So geschehen in der jüngsten Zeit, mitten in München. Ein Rabbiner und seine zwei Söhne wurden von zwei Menschen angepöbelt und bespuckt. Im Treppenhaus eines Wohnhauses in der Isarvorstadt, in dem Juden leben, haben Unbekannte einen Davidstern an die Wand geschmiert. Derartige Angriffe auf Juden und ihren Glauben werden nicht nur in München und Bayern, sondern in ganz Deutschland häufiger.

Nicht einfach hinnehmen

Das Land Brandenburg beispielsweise zählte in den in den Jahren 2014 bis 2018 492 antisemitische Übergriffe – also Straftaten, Volksverhetzungen, Schmierereien. Unfassbar, unerträglich, ungeheuerlich. Das schockiert und schreckt auf, es muss aufschrecken. Und ist nicht hinzunehmen. Nun gibt es unterschiedliche Überlegungen. Der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat gefordert, den Umgang mit Diskriminierung und Antisemitismus zum verpflichtenden Teil der Lehrerausbildung zu machen. Das ist erstmal ein guter Vorschlag, wenn er denn kommt, wird die Umsetzung aber noch Zeit in Anspruch nehmen.

Was sofort und von jedem machbar und zu leisten ist: Jeder ist verantwortlich, das heißt, jeder kann und muß hinschauen, zuhören und bei Angriffen einschreiten. Zivilcourage ist gefragt, wir benötigen ein Miteinander nicht ein Gegeneinander in unserer Gesellschaft. Bei antisemitischen Pöbeleien und Angriffen ist ein Wegschauen mehr als gefährlich. Man sollte es sich vielleicht mal anders vorstellen: Wenn man selbst als Christ, weil man sichtbar ein Kreuz an der Kette trägt, oder ein Priester in seinem Ornat, aufgrund ihres Glaubens angepöbelt, bespuckt, tätlich angegriffen werden. Manchmal hilft es vielleicht, sich einfach in den Menschen hineinzudenken. Dann wird man hoffentlich sensibler.

Zivilcourage zeigen

Sensibel aber zielstrebig geht Ludwig Spaenle an die Sache. Er ist der Antisemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung. Spaenle setzt sich schon lange für eine „Kultur des Hinschauens“ ein und hat nun der Öffentlichkeit eine Strategie vorgestellt, deren Grundlage eine international vielfach anerkannte Antisemitismus-Definition ist. Darin heißt es unter anderem: „Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“ Dies ist die Richtschnur, um antisemitische Hetzer zu erkennen und zu bekämpfen – beispielsweise kann dies bei der Polizeiausbildung angewendet werden.

So haben Politik und Verwaltung auf Spaenles Anregung hin diese Definition auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene bereits vielfach übernommen. Neu ist, dass diese Antisemitismus-Definition mehr als 50 Vereinen und Verbänden angenommen haben oder diese unterstützen. Darunter finden sich übrigens das Landeskomitee der Katholiken oder die Caritas. Das alles ist wunderbar, ein Fortschritt, zweifelsfrei. Was bleibt, ist die Frage bei jedem von uns: Was machst Du, wenn eine andere Person Juden diskriminiert! Da muss sich jeder an der eigenen Nase packen. Also: Hinschauen, eingreifen – Zivilcourage beweisen.

Audio

Der Kommentar zum Nachhören

Die Autorin
Susanne Hornberger
Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

Auch im 15 Kilometer entfernten Landsberg fielen Schüsse.
© imago images/xcitepress

Antisemitischer Anschlag Kirchen verurteilen Tat von Halle

Die deutschen Bischöfe haben den Anschlag in Halle auf das Schärfste verurteilt. Papst Franziskus gedachte in einem Gebet der Opfer.

10.10.2019

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder spricht in der Münchner Hauptsynagoge Ohel Jakob.
© Bayerischer Rundfunk

Gegen Intoleranz Söder auf Solidaritätsbesuch in Münchner Synagoge

Nach mehreren antisemitischen Vorfällen setzt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ein Zeichen der Solidarität und besucht ein Gebet in der Münchner Hauptsynagoge Ohel Jakob. "Ihre Sorgen sind...

18.09.2019

Vor zehn Jahren wurde Dominik Brunner getötet, weil er Zivilcourage zeigte.
© smb

Vorbild für Zivilcourage Gedenken an Dominik Brunner

Die Münchner Stadtgesellschaft hat an den Mann erinnert, der vor zehn Jahren am Bahnhof Solln ums Leben kam. Dominik Brunner wurde von zwei Jugendlichen getötet, weil er sich schützend vor eine Gruppe...

13.09.2019

Volkspartein und Katholische Kirche stehen im Regen - Sie verlieren an Zuspruch.
© andreas160578 - pixabay

Landtagswahl in Sachsen und Brandenburg Volksparteien und Katholische Kirche vor gleichem Problem

Die Volksparteien in Deutschland haben ein Problem. Das gleiche wie die katholische Kirche. Ein Kommentar von Christian Moser.

02.09.2019

München am Mittag Von Streichholzschachteln zu Altären

Die Ausstellung „Heimat“ im Kloster Beuerberg bietet nicht nur etwas für die Augen, sondern auch für die Finger. Wie vor ein paar Tagen, als kleine Altärchen aus Streichholzschachteln gebastelt...

19.08.2019

Terry Swartzberg mit der München-Kippa
© SMB/Stöppler

Jüdisches Leben Eine Kippa für München

Der jüdische Aktivist Terry Swartzberg hat eine München-Kippa entworfen. Damit will er ein Zeichen setzen.

19.08.2019

© imago images - Future Image

München am Mittag Allianz gegen Antisemitismus

Für eine Kultur des Hinschauens hat sich der bayerische Antisemitismus-Beauftragte Ludwig Spänle ausgesprochen. Nur mit Prävention könne ein weiteres Anwachsen der Judenfeindlichkeit verhindert...

14.08.2019

Archivbild: Ludwig Spaenle und Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, im Juni 2018
© imago/ZUMA Press

Kultur des Hinschauens Antisemitismusbeauftragter Spaenle wendet sich an Verbände

Der Anitsemitismusbeauftragte der Bayerischen Staatsregierung, Ludwig Spaenle, will die Zivilgesellschaft bei der Bekämpfung von Judenfeindlichkeit einbinden.

14.08.2019

Mann mit Kippa
© Rafael Ben-Ari - stock.adobe.com

Antisemitismus "Große Beunruhigung" in jüdischer Gemeinde

Zwei antisemitische Vorfälle haben in München für Bestürzung gesorgt. Ein Rabbiner und seine beiden Söhne wurden beleidigt sowie bespuckt und in einem Wohnhaus gab es eine Davidstern-Schmiererei....

07.08.2019

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren