Bertelsmann-Studie Jedes zweite Kind hat Angst vor Armut

19.02.2019

Laut einer Studie hat jedes zweite Kind in Deutschland Angst vor Armut. Wie eine Caritas-Expertin dieses Ergebnis einordnet, lesen Sie hier.

"Auch wenn die finanziellen Ressourcen der Familie wenig Spielraum ermöglichen, scheinen Eltern nicht bei den Bedarfen der Kinder zu sparen", so die Studie.
"Auch wenn die finanziellen Ressourcen der Familie wenig Spielraum ermöglichen, scheinen Eltern nicht bei den Bedarfen der Kinder zu sparen", so die Studie. © JackF - stock.adobe.com

Berlin/Gütersloh/München – In Deutschland hat laut einer repräsentativen Studie der Bertelsmann-Stiftung jedes zweite Kind Angst vor Armut: Der Anteil der 8- bis 14-Jährigen, die sich immer, oft oder manchmal Sorgen über die finanzielle Lage ihrer Familie machen, liegt bei über 50 Prozent, wie die Zeitungen der Funke Mediengruppe (Dienstag) vorab über die Ergebnisse der Untersuchung berichteten.

Für Sabine Schuster vom Caritasverband der Erzdiözese München und Freising bedarf es erst eines genauen Blicks in die Studie, um daraus Rückschlusse auf Kinderarmut ziehen zu können. Denn es sei eben ein Unterschied ob Kinder "oft und immer" oder nur "manchmal" Angst vor Armut hätten, so die Fachreferentin für Soziale Arbeit. Die beiden erstgenannten Angaben sprächen tatsächlich für belastende und prekäre Verhältnisse, in denen die Kinder aufwachsen müssten. Mache sich ein Kind aber "manchmal" Sorgen um Armut, sei dies nicht gleich als "schlecht" einzuordnen. So sei es durchaus sinnvoll, wenn Kinder im Familienalltag mitbekämen, "dass Geld eine begrenzte Ressource ist", betont Schuster.

Grundsätzlich nehme auch das Armutsrisiko in einer reichen Stadt wie München zu, mehr Menschen würden sich - etwa im Hinblick auf die Mietproblematik - Sorgen um die Zukunft machen. "Die Kinder bekommen das natürlich mit oder erleben es selbst zuhause, wenn sich die Eltern Gedanken um die Miete machen", erklärt Schuster. Das Armutsrisiko für Alleinerziehende liege etwa in München bei 42 Prozent, so die Fachreferentin. Die Caritas versuche den Familien mit Beratungs- und Entlastungsangeboten - wie beispielsweise durch Nachhilfeangebote - unter die Arme zu greifen und sich auch auf politischer Ebene für sie einzusetzen.

Gymnasiasten fahren eher in den Urlaub

Laut der Bertelsmann-Studie geht es den meisten der befragten Kinder auf den ersten Blick gut. Für mehr als 96 Prozent gelte: Es gebe genug zu essen, Platz zum Spielen, in den Wohnungen mindestens ein Badezimmer und mindestens einen Computer in der Familie. Einen ungestörten Arbeitsplatz dagegen hätten nur neun von zehn Kindern, ein eigenes Schlafzimmer nur acht von zehn.

Immerhin 88 Prozent waren schon mal auf Familienurlaub, wie die Zeitungen weiter unter Berufung auf die Untersuchung berichten. Ein Vergleich nach Schultypen zeige allerdings, dass der Anteil der Schüler, die mit ihren Eltern Urlaub gemacht und die ein eigenes Zimmer haben, in der Gruppe der Gymnasiasten überproportional hoch sei - im Gegensatz zu Haupt- und Realschülern, Sekundarschülern und Gesamtschülern.

Wie sehr Eltern bemüht sind, ihren Kindern eine auch materiell sorglose Kindheit zu ermöglichen, zeige die Frage nach Konsumgütern: Mehr als 95 Prozent der Kinder sagten demnach, sie hätten "etwas Schönes zum Anziehen", genug Geld für Klassenfahrten, zwei gute Paar Schuhe, ein Fahrrad, einen Roller oder Inline-Skates und alles, was sie für die Schule brauchen. Immerhin 82 Prozent der Kinder besitzen den Angaben zufolge Markenkleidung. "Auch wenn die finanziellen Ressourcen der Familie wenig Spielraum ermöglichen, scheinen Eltern nicht bei den Bedarfen der Kinder zu sparen", zitieren die Zeitungen die Studienautoren.

Keine Lobby für Kinder und Jugendliche?

Die Autoren beklagen den Angaben zufolge, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland nicht regelmäßig befragt und an politischen Entscheidungen beteiligt würden. Notwendig sei "eine neue, umfassende und repräsentative Erhebung der Bedarfe von Kindern und Jugendlichen".

Für die Studie "Children"s Worlds+ Eine Studie zu Bedarfen von Kindern und Jugendlichen in Deutschland" befragten Forscher der Universität Frankfurt gemeinsam mit der Bertelsmann-Stiftung im Schuljahr 2017/2018 rund 3.450 Kinder und Jugendliche zwischen acht und 14 Jahren. Rund 44 Prozent der beteiligten Kinder wuchsen in einer Familie auf, in der zu Hause Deutsch gesprochen wird, in rund 41 Prozent der Fälle wurden Deutsch und eine andere Sprache gesprochen. Bei den restlichen 15 Prozent wurde hauptsächlich eine andere Sprache als Deutsch gesprochen. Knapp jedes fünfte Kind lebte mit einem alleinerziehenden Elternteil zusammen, ähnlich viele Kinder wuchsen als Einzelkinder auf. (kna/ksc)

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