Welche Sehnsucht uns ins Grüne treibt Jenseits der „Natur-Kathedralen“

21.08.2013

Ob Gipfelkreuz, Berggottesdienst oder meditatives Bogenschießen: Für viele Menschen ist die Natur ein ganz besonderer Schlüssel zum spirituellen Erleben.

Uns Menschen der Spät-, Hoch- und Postmoderne zieht es in die Natur. Wir wollen hinaus, ins Grüne! Egal, ob wir mit den Kindern eine kleine Wanderung in den Bergen machen, in fescher Radl-Kleidung mit Freunden durch die Schluchten schießen, mit dem Gleitschirm über den Baumwipfeln baumeln – oder lieber mit einem Buch in der Hand alleine auf einer Wiese sitzen: Wir leben unsere Sehnsucht nach der Natur in vielen Formen aus. 

So vielfältig und unterschiedlich die Ausdrucksformen: Gespeist werden sie aus einer uns gemeinsamen, tiefen Sehnsucht. Diese ist existenziell. Der katholische Philosoph Charles Taylor erklärt das behutsam und zutreffend: An besonderen Orten, in einer bestimmten Aktivität oder einem ganz speziellen Zustand finden wir Erfüllung, Sinnhaftigkeit; da ist das Leben bereichernder, profunder. Dieser Raum und Rahmen ist für viele moderne Menschen die Natur. Aber warum? Taylor nähert sich einer Antwort auf diese Frage in seinem Wälzer „Das säkulare Zeitalter“ durch einen langatmigen philosophischen Spaziergang, der jedoch dort hinführt, wo auch schon die Existenzialisten sehr viel abgründiger und verzweifelter unsere „Geworfenheit“ verorten: in der inneren Zerrissenheit der modernen Existenz.

Wie wohltuend dagegen die schöne Natur!. Gibt es eine bessere Projektionsfläche für unsere innere Sehnsucht nach der Ewigkeit als die Natur, gerade wenn man nicht ein „frommer Katholik“ oder praktizierender Christ ist? Im Gegenteil: „Wenn ich mit dem Kanu die Loisach hinunterfahre, dann ist das wie eine Pilgerschaft durch die Kathedrale der Natur“ – „Wenn ich im Karwendelgebirge unterwegs gewesen bin, dann spüre ich mich Gott auch wieder in der Kirche näher“: Das sind Erfahrungen, die Menschen einen persönlichen Zugang zum Übernatürlichen ermöglichen. Gerade für alle, die selten vor dem Tabernakel knien, die „mit Sakramenten nichts anfangen können“, öffnen sich hier die Horizonte. Mitnehmen, was uns zum Menschen macht Selbst militante Materialisten geben zu: Ein Blick in den nächtlichen Sternenhimmel lässt einen heilige Schauer erspüren. Und wer nach der fünften Hütten-Nacht und der zehnten Mountainbike-Runde durch das Dachauer Hinterland spürt, dass es doch noch mehr geben muss im Leben als dieses Staunen und Radeln über die Projektionsfläche, der kann im Grünen spirituelle Erfahrungen machen, die uns selber aus der „Geworfenheit“ holen, die uns selber an den richtigen Platz stellen, den wir als Kinder Gottes auf dieser Erde haben. Mitten in Gottes grüner Schöpfung nehmen wir dann mit, was uns auch im Alltag, in der Familie, in der Arbeit zum ganzen Menschen macht.

Anian Christoph Wimmer


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