Interview mit Kardinal Reinhard Marx "Jetzt bin ich in Bayern zu Hause"

25.07.2018

Als gebürtiger Westfale lebt und arbeitet Kardinal Reinhard Marx seit über zehn Jahren in der Erzdiözese München und Freising. Im Gespräch mit der Münchner Kirchenzeitung erklärt er, was er unter Heimat versteht und welche Rolle sein Glaube dabei spielt.

Kardinal Reinhard Marx nahm sich ausgiebig Zeit für das Gespräch mit der Münchner Kirchenzeitung.
Kardinal Reinhard Marx nahm sich ausgiebig Zeit für das Gespräch mit der Münchner Kirchenzeitung. © Kiderle

MK: Herr Kardinal, Ihr bischöflicher Wahlspruch lautet „Ubi spiritus Domini ibi libertas“ („Wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit“) Würden Sie dem Satz auch zustimmen, wenn man Freiheit durch Heimat ersetzen würde?
KARDINAL MARX: Freiheit und Heimat sind sehr unterschiedliche Begriffe. Freiheit, das ist eine innere Erfahrung, die ich mache. Ich bin als Mensch geschaffen, der frei und verantwortlich zugleich ist. Jesus sagt im Lukas-Evangelium auf die Frage, wie die Menschen Rettung erlangen können: „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen“ (Lk 13,24). Da denken dann manche, das Christentum sei etwas Beengendes. Doch die Tür ist Jesus selbst. Und wenn man sich einmal für ihn entschieden hat, wenn man also durch diese Tür hindurchgegangen ist, dann findet man die große Freiheit, die große Weite des Lebens. Heimat ist da, wo ich aufgewachsen bin, wo ich mich zuhause fühle. Heimat ist vielleicht auch da, wo ich in meiner Sprache und meiner Kultur lebe. Ich hoffe sehr, dass es in meiner Heimat möglich ist, frei zu leben. Ich persönlich habe meine Heimat oft wechseln müssen. Es ist wunderbar, in Geseke zu sein, wo ich aufgewachsen bin mit all den Freunden, den Klassenkameraden, den Verwandten und vielen, die ich getraut oder getauft habe. Aber jetzt bin ich in Bayern zu Hause. Gerade für jemanden wie mich, der viel durch die Welt reist, ist Heimat ein Begriff, der sich immer wieder neu herausstellt. Die Freiheit indessen nehme ich mit, sie ist überall.

MK: Als gebürtiger Westfale leben Sie schon seit über zehn Jahren in Bayern. Was an Reinhard Marx ist bis heute westfälisch geblieben und wo ist er schon zum Bayern geworden?
KARDINAL MARX: Das müssten wohl eher andere beurteilen. Ich kann sagen, dass ich sehr gerne in Bayern bin und mich ausgesprochen wohl fühle. Ich denke, dass ich nach zehn Jahren auch weitgehend inkulturiert bin – auch wenn ich die bairische Sprache wohl nicht mehr perfekt erlernen werde. Man kann die Lebens-erfahrung, die man als Kind gemacht hat, nicht noch einmal machen. Aber ich konnte sehr viele frohe und bereichernde Erfahrungen machen – Bayern hat mir viel gegeben! Hier als Bischof wirken zu dürfen, ist für mich großartig. Ich denke an unzählige wertvolle Begegnungen und interessante Gespräche mit den Menschen oder an die traditionsreiche kirchliche Wirklichkeit. Mich begeistern die Vielfalt der Landschaft und die besondere bayerische Lebensart in unserem wunderschönen Erzbistum. Ich hänge an Westfalen, fest ins Herz geschlossen habe ich auch Trier und die Mosel, aber die Alpen, die Seen und die Stadt München, das ist schon ein Höhepunkt. Natürlich bleibe ich bei all dem vom Charakter her der Reinhard Marx, der im Städtchen Geseke groß geworden ist und dort seine Prägung erfahren hat. Ich gehöre zugleich zu den Menschen, die nie aufhören wollen zu lernen. Man sollte immer weitergehen und neugierig sein auf das, was kommt. Diese Neugierde habe ich behalten.

MK: Können Sie sich beim Blick ins betörend schöne Voralpenland vorstellen, dass da einer steht und nicht an Gott glaubt?
KARDINAL MARX: Wir müssen die Realität unseres Landes anschauen, unserer Stadt München und des ganzen Erzbistums. Gerade im Umkreis von München, aber auch im ganzen Erzbistum haben wir viele Zugereiste, darunter auch viele, die nicht getauft sind. Soweit ich weiß, haben wir im Augenblick im Gebiet des Erzbistums etwa 45 Prozent Katholiken, dazu kommen Protestanten und andere christliche und auch nicht-christliche religiöse Gruppen, aber auch viele konfessionslose Menschen. Wie diese gläubig sind oder nicht, das weiß ich nicht. Klar, ich persönlich kann mir nur schwer vorstellen, dass jemand in einer so schönen Landschaft lebt und sagt, es gibt keinen Gott. Aber ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass jeder alles teilt, was ich glaube.

MK: Aber jemand, der sagt, er glaube an nichts, der glaubt ja doch an etwas, oder?
KARDINAL MARX: Das weiß ich nicht, dazu müsste man mit dem Betreffenden erst einmal sprechen. Was heißt glauben? Wenn wir auf andere Menschen zugehen und sagen „ich weiß sowieso, was Glaube bedeutet, und du wirst das sicherlich so übernehmen“, dann ist das kein Gespräch. Nach Firm-Gottesdiensten komme ich mit vielen ins Gespräch, die sonst vielleicht nicht im Gottesdienst sind. Da versuche ich zu verstehen, was diese Menschen bewegt, wie und ob sie einen Weg zum Glauben finden möchten, ob sie sich öffnen wollen für das Geheimnis des Lebens, für das Geheimnis der Schöpfung, für das Geheimnis Gottes. Das kann man in einer kurzen Predigt nicht immer alles entfalten, aber ich spüre in den Gesprächen danach, dass es einem immer wieder gelingen kann, die Menschen neugierig zu machen auf das Abenteuer des Glaubens. Unser Glaube bleibt ja nicht immer gleich: Er ist ein Weg, auf dem es Gewissheit und Bestärkung, aber zugleich auch Verunsicherung und Zweifel gibt. Viele, besonders auch Kinder und Jugendliche, fragen mich: Wie kann ich mir Gott vorstellen? Es ist immer aufs Neue spannend, darauf einzugehen.

MK: Wie hängen Ihrer Meinung nach die Begriffe „Heimat“ und „Glaube“ zusammen?
KARDINAL MARX: Für mich persönlich sehr eng: In meiner Heimat Westfalen waren Glaube und Heimat aufs Engste miteinander verknüpft. Ich habe dort in meiner Kindheit den Glauben kennengelernt. Die ersten fremden Städtenamen, die wir gehört haben, waren nicht New York und London, sondern Jerusalem und Bethlehem. In einer solchen christlichen Kultur sind wir einfach mit Selbstverständlichkeit in den Glauben hineingewachsen. In meiner Generation gab es überhaupt niemanden, der aus dieser Kultur des Glaubens hätte ausscheren können. Meine Kindheit war in den 1950er Jahren. Diese Welt des Glaubens, die überzeugenden Priester, die wir in Geseke hatten, mit ihrer wirklich kraftvollen katholischen Präsenz, das alles war für uns zutiefst selbstverständlich. Insofern hängen für mich meine Heimat- und Kindheitserfahrung und die erste Erfahrung des Glaubens eng zusammen. Aber das ist eben nicht bei allen meinen Altersgenossen so geblieben.

MK: Daraus ergeben sich sicher auch interessante Diskussionen?
KARDINAL MARX: Ich denke, da geht es mir wie allen Priestern. In meiner Heimatstadt ist es wie überall. Wir Menschen entwickeln uns weiter. Wenn der Glaube nur eine Kindheitserfahrung ist, an die man sich zwar erinnert, zu der aber im weiteren Leben nichts Neues hinzukommt, dann kann er unwichtig werden. Das ist dann keine bewusste Abkehr, sondern der Glaube verdunstet, verliert sich.

MK: Bräuchten wir mehr Rituale?
KARDINAL MARX: Rituale können natürlich helfen, Voraussetzung dafür ist aber, dass die Menschen zunächst grundsätzlich verstehen, worum es im christlichen Glauben geht. Wir können versuchen, ihnen zu helfen zu verstehen, dass die Begegnung mit Jesus von Nazareth, das Gebet und die Gemeinschaft des Glaubens ihrem Leben ein neues Licht und eine neue Hoffnung geben können. Aber sie selbst müssen letztlich diese Erfahrung machen, wir können ihnen das nicht ersetzen. Was die Menschen in einer freien Gesellschaft heute nicht mehr einfach akzeptieren, ist, dass jemand anderer für sie weiß, was sie tun sollen, dass jemand ihnen sagt, wie sie ihr Leben führen sollen, dass jemand sagt, wie der liebe Gott über sie denkt. Wir stehen da vor einer Herausforderung, die die Kirchengeschichte wahrscheinlich seit der Urkirche nicht in dieser Dimension erfahren hat.

MK: Herr Kardinal, inwiefern kann Kirche dann Heimat sein?
KARDINAL MARX: Ich sage den Jugendlichen oft, selbst wenn ihr in New York oder in Moskau eine katholische Kirche betretet, das Weihwasser nehmt, euer Kreuzzeichen macht und das ewige Licht seht, dann seid ihr da „dahoam“. Wenn wir zur Eucharistie zusammenkommen, dann spüren wir: Das ist die Messe, die ich schon gefeiert habe, als ich die Erstkommunion empfangen habe. Zugleich gibt es in Dorf und Stadt kaum ein stärkeres Element für die Heimaterfahrung als die Erfahrung des gläubigen Lebens und der Heimatkirche. Oft sagen mir Eltern oder Großeltern auch in München: „Schau mal, da ist der Dom, da ist St. Max, das ist für mich Heimat. Hier gehöre ich hin, und in dieser Kirche habe ich geheiratet, meine Kinder taufen lassen oder zur Erstkommunion geführt.“

MK: Kennen Sie persönlich eigentlich auch das Gefühl von Heimweh?
KARDINAL MARX: Ja, absolut. Ich war immer sehr umtriebig, habe in Paris studiert und war überall in der Welt unterwegs, aber ich war dabei immer auch sehr heimatverbunden. Beispielsweise habe ich mich auch intensiv mit der Heimatgeschichte befasst. Ich habe etwa 1971 in einem Arbeitskreis eine Schallplatte aufgenommen mit alten Heimattänzen, Heimatmelodien, Blasmusik und Prozessionen für die nachfolgenden Generationen. Die Sammlung hieß „Rund um den blauen Kolk“ und ist später auch auf CD erschienen. Ich habe dazu die Texte gesprochen. Es gibt drei spezielle Tänze, die nur in meiner Heimat getanzt werden – ich weiß heute noch, wie sie gehen. Für das Gotteslob habe ich sogar einen eigenen Anhang verfasst, der nur für Geseke bestimmt war. Damals kannte ich kein Heimweh. Als ich als Bischof nach Trier ging, habe ich es dann gespürt. Das erste Jahr ist mir sehr schwergefallen; als für mich klar war, dass ich nicht mehr zurückgehe und nicht mehr verfügbar bin für eine Hochzeit oder spontan Freunde besuchen kann. Besonders stark war das Heimweh, wenn Freunde zu Besuch kamen, die in ihrem Dialekt gesprochen haben, und wir Heimatlieder gesungen haben. Nach zwei Jahren war das Heimweh vorbei und ist so nie wiedergekommen. Ich hätte nicht gedacht, dass das ein so starkes Gefühl sein kann, ein Gefühl der Sehnsucht und des Schmerzes, dass dieser Lebensabschnitt endgültig zu Ende ist.

MK: In welchen Situationen spüren Sie Heimat besonders intensiv?
KARDINAL MARX: Wenn ich im Erzbistum Gottesdienst feiere. Dadurch, dass ich hier nicht geboren bin, bin ich nicht an einen einzelnen Ort gebunden. Und wenn ich durch das Erzbistum fahre, gerade an schönen Tagen, oder wenn ich alle zwei Jahre im Erzbistum den Urlaub verbringe, dann fühle ich mich schon sehr daheim. Die spezielle Heimaterfahrung aber, das gebe ich zu, wo ich mich einfach hinsetze und nichts mehr denken muss, einfach nur da bin, das habe ich eigentlich nur, wenn in Geseke Schützenfest ist. Da sitze ich und alles ist gut.

MK: Glaube und Tradition sind in Bayern aufs Engste miteinander verknüpft und spielen bis heute eine wirklich große Rolle. Wie erleben Sie Ihr Erzbistum in diesem Zusammenhang?
KARDINAL MARX: Ich empfinde es als eine große Bereicherung, wenn beides zusammengeht. Besonders Menschen, die zugezogen sind, haben mir schon geschildert, wie sie die besondere Tradition in Bayern als Stütze für ihren Glauben erfahren. Natürlich sagen die Pfarrer, man müsse darauf achten, dass wir die heimatlichen Traditionen auch mit dem Geist des Evangeliums erfüllen. Das ist völlig richtig, Traditionen sollten eine Gelegenheit sein, die Botschaft von Jesus Christus zu verkünden. Und das fällt natürlich in einer Landschaft wie dieser leichter, das fällt auch in den wunderschönen Kirchen, die wir haben, leichter. Und bei den Festen, wenn ich da etwa an die Gebirgsschützen oder an das Fronleichnamsfest denke. Jede Firmung ist für mich ein Ausdruck dafür, dass in dieser Landschaft und in dieser Heimat der lebendige christliche Glaube ein großer Wert ist.

MK: Welche Traditionen liegen Ihnen besonders am Herzen?
KARDINAL MARX: Da will ich keine herausheben, es geht um den ganzen Jahreskreis. Aber wir müssen sehen, dass Bayern eben nicht nur dörflich-ländliche Wirklichkeit ist, sondern dass mehr als ein Drittel der Gläubigen des Erzbistums in München lebt. Viele davon sind in den letzten Jahrzehnten zugezogen. Wir dürfen nicht so tun, als seien die, die hier sind, praktisch alle als Urbayern auf die Welt gekommen. Und wir sollten auch nicht ein solches etwas einseitiges Bild des Erzbistums verbreiten. Wichtig ist, das ganze Kirchenjahr so zu feiern, dass es auch für unsere Zeit verständlich bleibt. Das Fronleichnamsfest, die Erstkommunion, die Firmung, das alles gehört für viele zum Lebensrhythmus dazu. Mir sind die Feste besonders wichtig, bei denen es die Gelegenheit gibt, Gottesdienst zu feiern und die Liturgie den Menschen nahezubringen.

MK: Im Jahr des Glaubens, das Papst Benedikt XVI. von Oktober 2012 bis November 2013 ausgerufen hatte, haben Sie sehr viele unterschiedliche Gruppen in allen Regionen des Erzbistums besucht. Wie haben Sie damals den Glauben im Erzbistum erlebt und wie erleben sie ihn heute?
KARDINAL MARX: Ich glaube, es ist noch eine zu kurze Zeitspanne, um sagen zu können, das hätte sich stark verändert. Die Herausforderung ist geblieben: Wir müssen für die kommenden Generationen den Glauben so vermitteln, dass er tatsächlich zu einer persönlichen Beziehung wird, zu einem Schatz, aus dem man leben kann. Und das kann man eben nicht „machen“. Kirche, Priester, Seelsorgerinnen und Seelsorger dürfen sich nicht so unter Druck setzen und glauben, es läge an ihnen allein, den Glauben in die Menschen einzupflanzen. Deswegen habe ich manchmal auch Probleme mit dem Begriff „den Glauben weitergeben“, so, als wäre er ein Gegenstand, ein Buch, eine Sache, die man einfach übergeben kann. Man kann ihn nur lebendig bezeugen, wie etwa auch die Liebe, die Hoffnung oder die Freude. Wenn sich jemand nicht freut, dann kann ich nicht die Freude in ihn hineingeben. Aber ich kann ihm helfen, indem ich meine eigene Freude ansteckend vermittle. Natürlich sind die Mitgliedszahlen weiterhin rückläufig. Doch ich bin immer wieder erstaunt, wie vielfältig und überzeugend das Glaubensleben in unserem Erzbistum ist. Das stimmt mich sehr hoffnungsfroh. Gerade zu Firmungen kommen viele Jugendliche, die begeistert sind. Dennoch mache ich mir auf der anderen Seite keine Illusionen. Ich habe auch schon Gottesdienste besucht, bei denen ich nicht angemeldet war, und da habe ich dann gesehen, dass es eben nicht jeden Sonntag so aussieht. Allerdings darf man die positiven Erfahrungen nicht kleinreden, etwa die vielen jungen Menschen, die sich als Ministranten engagieren. Stellen Sie sich einmal vor: Im Sommer werden jetzt etwa 50.000 deutsche Ministrantinnen und Ministranten nach Rom pilgern. Ich sehe durchaus, was an großer Freude und Engagement in unserem Erzbistum da ist!

MK: Wer soll den Glauben verkünden? Sehen Sie da hauptsächlich die Hauptamtlichen?
KARDINAL MARX: Alle. Jeder ist eine Mission und jeder hat einen Missionsauftrag, die Eltern und Großeltern an erster Stelle. Wenn ich an frühere Zeiten denke, dann würde ich heute sagen, dass das Verhältnis der Eltern zu den Kindern fast überall intensiver geworden ist. Das macht mir große Freude. Die Eltern nehmen sehr Anteil an dem, was die Kinder erleben, und die Kinder sind umgekehrt offener im Gespräch mit ihren Eltern, als das in früheren Generationen der Fall war, auch mit den Großeltern. Das ist eine große Chance. Mein Vater hätte nie in seinem Leben, auch wenn ich ihn liebe und verehre, an einem Elternsprechtag teilgenommen. Das wäre für ihn völlig unvorstellbar gewesen. Oder mein Großvater: Als ich zehn Jahre alt war, ist er mit 90 Jahren gestorben. Er war für uns ein Patriarch. Ich sehe ihn noch vor mir, mit der langen Pfeife oder Zigarre auf seinem Bauernhof. Den haben wir verehrt, der war ein lieber Mann, aber eine wirklich emotionale Beziehung konnte nicht entstehen, weil wir nur alle paar Monate auf den Bauernhof kamen. Und heute sehe ich bei der Erstkommunion oder der Firmung die Eltern und Großeltern mit ihren Kindern und Enkeln und ich merke, da ist ein enger Bezug. Eltern und Großeltern sind die ersten Zeuginnen und Zeugen für das Leben und damit auch für den Glauben. Und natürlich sind auch die Priester und Hauptamtlichen, im Grunde die ganze Gemeinde, dafür verantwortlich, wie der Glaube gelebt wird. Ich sage bei Firmungen oft, ihr müsst euch nun selbst auf den Weg machen. Der Ball liegt bei euch im Spielfeld. Was Eltern, Großeltern und die Kirche mitgeben können, haben sie euch mitgegeben, sie haben euch mit Jesus von Nazareth bekannt gemacht, das ist das größte Geschenk Gottes an diese Welt! Wie ihr die Freundschaft mit ihm entfaltet, das liegt an euch.

MK: Seit Kurzem gibt es im Erzbistum Pilotgemeinden, die von einem Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen geleitet werden. Kann man da schon über erste Erfahrungen berichten?
KARDINAL MARX: Dafür ist es noch zu früh. Die Weihbischöfe kümmern sich besonders darum und berichten mir darüber. Ich glaube, wenn man Pfarrverbände nicht immer noch größer machen will, dann muss man neue Wege ausprobieren, ohne damit den priesterlichen Dienst zu relativieren. Vielleicht müssen wir intensiver über das Priestertum nachdenken. Ein Priester muss ja nicht immer der große Administrator sein, sondern er ist der geistliche Leiter, der geistliche Begleiter, der den Menschen hilft, Jesus zu finden. Das ist seine zentrale Aufgabe und nicht die Leitung des Pfarrbüros und die Verwaltung der Finanzen.

MK: Sehen Sie eine Gefahr darin, dass Traditionen immer mehr in Vergessenheit geraten oder bestenfalls noch nostalgischen Charakter haben? Oder dass Menschen sich angesichts einer diffusen politischen und gesellschaftlichen Situation in Altvertrautes retten?
KARDINAL MARX: Es besteht immer die Gefahr, religiöse Traditionen zu benutzen für die eigene Selbstbehauptung. Eine wirklich lebendige Tradition ist eine Einladung an viele, mitzugehen auf dem gemeinsamen Weg. Ich habe den Eindruck, dass gerade unsere Pfarreien, unsere Vereine und viele andere Gruppen offen sind für die, die neu dazukommen und so die Traditionen leben. Ich kann ja viele Zukunftsängste der Menschen verstehen und nehme sie ernst. Sie sehen viele Menschen in unser Land kommen, die einen anderen Glauben haben oder nicht gläubig sind. Manche Dörfer haben sich in den letzten 20, 30 Jahren dadurch so stark verändert, dass sich viele fragen, ob das noch das Dorf ist, in dem sie groß geworden sind. Gerade weil die Welt so diffus und unübersichtlich geworden ist, hat die Kirche eine so unglaublich wichtige Aufgabe. Christus kommt von vorne auf uns zu, nicht aus der Vergangenheit. Wir behalten das im Herzen, was früher war, und sind zugleich offen für alles, was sich neu anreichert in unsere Tradition hinein. Eine Tradition, die sich nicht erneuert, stirbt ab.

Münchner Kirchenzeitung (MK): Wie wichtig sind äußerliche Zeichen des Glaubens? Wir haben Gipfelkreuze, Wegkreuze, Kreuze in öffentlichen Gebäuden …
KARDINAL MARX: Sie sind von unschätzbarem Wert! Es ist eine große Freude und Ermutigung, wenn wir einen Bildstock sehen, ein Marterl, ein Gipfelkreuz. Ich persönlich gehe da nicht vorüber, ohne zu beten. Das erhoffe ich mir für alle, die ein Kreuz anschauen. Deswegen war und bin ich immer für das Kreuz im öffentlichen Raum. Wichtig ist es, dass diese äußeren Zeichen zu einer inneren Haltung beitragen. Das ist eine Herausforderung für uns alle, das kann der Staat nicht von oben herab verordnen. In meine Kritik ging es nie um das Ob, sondern das Wie und die Begründung. Ich hätte es gut gefunden, wenn man vorab mit allen gesellschaftlichen Gruppen, auch mit den Atheisten oder Vertretern anderer Religionen, gesprochen hätte, damit möglichst alle nachvollziehen können, wofür das Kreuz steht: dass es ein Zeichen ist, das verbinden kann im Blick auf die Würde jedes Menschen. Aber da ist die Diskussion ja auch weitergegangen. Ich möchte im Herbst zu Gesprächsrunden im Erzbistum einladen, wo wir in den Regionen das Thema des Glaubens in der Öffentlichkeit ansprechen wollen.

MK: In den vergangenen Jahren standen Kirchen, Politik und Gesellschaft vor der großen Herausforderung, Menschen aus anderen Kulturkreisen hier aufzunehmen und ihnen hier auch eine Heimat anzubieten. Ist das Ihrer Einschätzung nach gelungen?
KARDINAL MARX: Das ist ein Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen sein wird. Ich habe dazu schon viele sorgenvolle Briefe von Menschen bekommen. Integration ist eine schwierige Aufgabe, da habe ich keine Illusionen. Ich danke allen, die sich darum bemühen! Ich habe kürzlich mit einem Lehrer gesprochen, der erzählte, er habe ein traumatisiertes Mädchen an der Schule. Es habe dabei zugesehen, wie sein Vater in Syrien umgebracht wurde. Der Lehrer sagte, es sei ein weiter Weg, bevor dieses Mädchen in den nächsten zwei Jahren überhaupt richtig damit anfangen kann zu lernen. Wir sollten Verständnis haben für solche Schicksale und uns die Biographien der Menschen anschauen. Umgekehrt dürfen wir zugleich erwarten, dass Menschen, die zu uns kommen, sich auf unsere Lebenswelt einstellen. Es ist eine Begegnung – und wir machen die Erfahrung: Je mehr Begegnung da ist, umso weniger Angst, Misstrauen und Fremdenfeindlichkeit gibt es. Die Frage der Migration wird uns weiter begleiten. Schauen Sie nur auf die große Not in der Welt. Ich halte es für falsch, wenn manche glauben, man solle sich nur in der Festung Europa einmauern und sich so die Armut der Welt vom Leib halten. Wir müssen breiter ansetzen und helfen, dass Menschen in ihren Ländern bleiben können. Dass sie dort in Frieden leben können und eine gerechte Chance auf Teilhabe bekommen. Und da engagieren wir uns ja auch mit unseren Hilfswerken.

Kardinal Reinhard Marx im Gespräch mit MK-Chefredakteurin Susanne Hornberger
Kardinal Reinhard Marx im Gespräch mit MK-Chefredakteurin Susanne Hornberger © Kiderle

MK: Die politische Lage ist derzeit sehr schwierig und unübersichtlich. Welche Aufgaben kommen hier der Kirche zu? Welche Botschaft hat sie für die Menschen?
KARDINAL MARX: Eine Botschaft der Hoffnung. Es gibt immer einen Weg nach vorn. Die Botschaft, jeden Hass, jeden Nationalismus, jede Gegnerschaft und Feindschaft von Menschen zu überwinden. Daran festzuhalten, dass jeder Mensch Bild des lebendigen Gottes ist, dass jeder bei uns menschenwürdig behandelt und respektiert wird und dass wir versuchen, miteinander zu leben, auch wenn wir unterschiedliche Meinungen haben. Wir brauchen eine Kultur des Respekts, und das schließt alle Menschen ein. Die entscheidende Grundlage hierfür ist für mich der christliche Glaube.

MK: Im Zusammenhang mit der Flüchtlingsfrage ging es vielfach auch darum, auszuloten, wie kompatibel der muslimische Glaube mit den christlichen Werten sein kann. Wo sehen Sie hier einen gemeinsamen Nenner?
KARDINAL MARX: Viele Menschen schreiben mir dazu Briefe, darunter sind sehr viele, die sich für Islamkenner halten, was ich nicht beurteilen kann. Das Erste ist: Wir müssen miteinander reden. Nicht wir entscheiden über die Werte der anderen, sondern wir müssen mit ihnen sprechen, um herauszufinden, was ihre Werte und Überzeugungen sind. Zuerst sind wir Menschen, und dann kommt der Glaube. Ich kann doch nicht sagen: Weil du Muslim bist, bist du für mich eine Bedrohung. Das ist wider den christlichen Glauben. Abgesehen davon sind nicht alle Angehörigen einer Religion gleich. Es gibt zum Beispiel manche, die sind gar nicht religiös. Manchmal wird so getan, als seien alle Muslime Fanatiker. Ja, die gibt es auch, aber deswegen kann ich nicht alle unter Generalverdacht stellen. Für uns gibt es wichtige Punkte, an denen wir festhalten: Menschenwürde, Respekt, Nächstenliebe, Solidarität mit den Schwachen und Armen. Und ich kann nicht einfach unterstellen, dass die Muslime, die mir begegnen, diese Werte nicht teilen. Vielleicht teilen ja auch einige Christen diese Werte nicht.

MK: Wie ist ein gedeihliches Zusammenleben zwischen Christen und Nichtchristen beziehungsweise Nichtgläubigen in Zeiten zunehmender Säkularisierung Ihrer Meinung nach möglich? Kann es trotzdem eine gemeinsame Wertebasis geben?
KARDINAL MARX: Wir müssen voreinander Respekt haben. Schon in der eigenen Familie sind oft Gläubige und Nichtgläubige zusammen, Kirchgänger und Nichtkirchgänger. Oder es gibt Konfessionsverschiedenheit in Familien. Alle Menschen sind Bild des lebendigen Gottes und deswegen gibt es eine gemeinsame Grundlage des Menschseins, ansonsten ist unsere plurale offene Gesellschaft gefährdet. Wir können nicht zurück in einen Staat oder eine Gesellschaft, in der alle eine Religion und eine Kultur haben. Die offene Gesellschaft, die frei und demokratisch ist, bringt Vielfalt hervor. Wer die Tatsache, dass Menschen sich frei entscheiden können, als Bedrohung sieht, der will eine Gesellschaft, in der die Dinge vorgeschrieben werden. Das wäre ein Rückschritt. Wir als Christen sollten unsere Botschaft der gleichen Würde, die Vielfalt ermöglicht, überzeugt und überzeugend einbringen.

MK: Da der Begriff Heimat in der Nazizeit schweren Schaden genommen hat, war das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Heimat lange Zeit recht schwierig. Vor zehn, 15 Jahren kam es dann zu einem entspannteren Umgang damit. Seit dem Erstarken der AfD hat sich wieder ein Wandel vollzogen. Was denken Sie, dürfen wir Deutschen eine Heimat haben, die wir lieben?
KARDINAL MARX: Absolut! Ich brauche keine neuen Parteien, ich brauche keine rechten oder linken Ideologien, um meine Heimat zu lieben und trotzdem weltoffen zu sein. Für mich ist Heimat ein vollkommen normales Wort, das man auch gern benutzt. Liebe zur Heimat hat nichts mit Abgrenzung und Nationalismus zu tun. Das ist ein Unterschied!

Die Autorin
Susanne Hornberger
Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de


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