Pfarrgarten in Garmisch Kaiserliche Blumen und Kräuter

02.10.2020

Der Garmischer Pfarrgarten ist kein gewöhnlicher Garten: Seine Bepflanzung orientiert sich an einem Erlass von Kaiser Karl dem Großen, mit 73 Nutzpflanzen und Heilkräutern sowie 16 verschiedenen Obstbäumen.

Der Pfarrgarten in Garmisch
Der Pfarrgarten in Garmisch © Josef Konitzer

Garmisch-Partenkirchen - Stauden ausschneiden, Unkraut zupfen und Laub zusammenrechen, die ganz normalen Herbstarbeiten sind zurzeit im Garmischer Pfarrgarten zu erledigen, der auch öffentlich zugänglich ist. Allerdings ist es ein ganz besonderer Garten: Die ungefähr 1.000 Quadratmeter große Anlage folgt einem historischen Vorbild: der Capitulare de villis, der Höfe- und Dörferverordnung, die Kaiser Karl der Große um das Jahr 800 erlassen hat. Sie enthält auch eine lange Liste mit 73 Nutzpflanzen und Heilkräutern sowie 16 verschiedenen Obstbäumen, die der Herrscher auf seinen persönlichen Gütern gepflanzt sehen wollte.

„Wahrscheinlich hat er sich da einiges von den Klöstern abgeschaut“, erklärt Günther Hensel. Zusammen mit anderen ehrenamtlichen Helfern hat der gelernte Gärtner die karolingische Gartenanlage 2013 wiederhergestellt. Die soll nämlich „nach mündlicher Überlieferung“ seit ungefähr dem Jahr 1200 nahezu durchgehend gepflegt worden sein und sich immer am selben Fleck befunden haben: zwischen dem Pfarrhaus und der alten Sankt Martinskirche.

Symbolisch aufgeladen

„Einen urkundlichen Beleg gibt es dafür aber nicht“, erläutert Josef Ostler vom Garmischer Geschichtsverein. „Ein Nutzgarten am Pfarrhof war einfach zu selbstverständlich, um darüber etwas Schriftliches zu hinterlassen.“ Von daher sei es nicht ausgeschlossen, dass seit der Erhebung zum Pfarrsitz im 13. Jahrhundert immer Beete und Bäume neben der Kirche standen. Diese sogenannten Karlsgärten dienten zum einen der Versorgung mit Gemüse und Kräutern, waren aber auch symbolisch aufgeladen: „Die Aufteilung in vier Beete ergibt ein Kreuz und in der Mitte ist ein Brunnen“, erläutert Günther Hensel. Das Wasser versinnbildlicht das Leben, das aus dem Leiden Christi hervorgeht. Die unterschiedlichen Beete verweisen dagegen auf die vier Elemente und Himmelrichtungen, standen also für die Schöpfung. 

Im Garmischer Pfarrgarten sind viele der 73 Blumen und Kräuter zu finden, die auch in der Karlsordnung stehen. Oft verweisen sie auf Heilige, biblische Geschichten oder Glaubenswahrheiten. So steht der immergrüne Buchsbaum für das ewige Leben, die Madonnenlilie erinnert an die Gottesmutter. Besonders wichtig ist Günther Hensel der Beifuß. Der ist dem heiligen Martin zugeordnet, dem Garmischer Kirchenpatron. Das Attribut oder Erkennungszeichen des heiligen Martin ist die Gans. Und jetzt kommt der Beifuß ins Spiel: „Denn der wird dem Gänsebraten zugegeben, der traditionell am Martinstag gegessen wird, und ihn verdaulicher macht“, erklärt Hensel.

Grüner Daumen

Ein ganzes Beet voll ist im Garmischer Pfarrgarten mit diesem und anderen im Mittelalter hochgeschätzten Kräutern bepflanzt und der heiligen Hildegard von Bingen gewidmet. Zwei andere Beete tragen die Namen des ehemaligen Pfarrers Franz Sand und seiner Haushälterin Pepi Kriesmair. Sie haben den Garten bis 2006 recht genau nach der karolingischen Ordnung gepflegt. Günther Hensel erinnert sich noch an die prächtigen Blumen, die sie aus den Rabatten holten, um damit die Kirche zu schmücken: „Die beiden hatten einfach einen grünen Daumen.“ Auch reichlich Gemüse haben die beiden gezogen, so wie das Karl der Große vorgesehen hat. „Das haben wir aber leider bei der Wiederbepflanzung weglassen müssen, weil sonst der Aufwand zu groß geworden wäre.“

Auch wenn Gärtner Hensel immer zwischen acht und zehn ehrenamtliche Helfer zur Verfügung stehen, die Pflanzen und Beete in Schuss halten. Einer der Nutznieser des kleinen Paradieses ist der heutige Garmischer Pfarrer Josef Konitzer, der von seinem Büro aus einen Blick auf die kreuzförmige Anlage hat und die für ihn ein „spiritueller Kraftort“ ist. Und er betont, dass sie allen offensteht. Auch im Herbst ist der Pfarrgarten stimmungsvoll, selbst wenn die viele Pflanzen jetzt dürr werden und sich für den Winter rüsten. In der gegenüberliegenden alten Martinskirche stehen sie aber immer im Saft und oft sogar in voller Blüte. Auf die Wände hat ein unbekannter spätgotischer Künstler zahlreiche Blumen und Kräuter gemalt, die auch in einem klassischen Karlsgarten wachsen. Sie haben ihm wahrscheinlich direkt vor der Kirchentür Modell gestanden.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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