Welthunger-Index Kampf gegen weltweiten Hunger geht zu langsam

12.10.2020

Im Interview spricht Welthungerhilfe-Präsidentin Marlehn Thieme über die Ansätze der Welthungerhilfe, das Ziel "Null Hunger bis 2030" und wie dieses durch Corona und den Klimawandel gefährdet wird.

Kinder beim Mittagessen
Kindertagesstätte in Indien während eines kostenlosen Mittagessens. © Claire Arni/ Welthungerhilfe

Berlin/Bonn – In Berlin hat die Welthungerhilfe am Montag ihren Welthunger-Index vorgestellt. Angesichts von Corona, Kriegen und Wirtschaftskrisen hält der aktuelle Report fest: "In vielen Ländern verbessert sich die Situation zu langsam, in manchen verschlechtert sie sich sogar." Mit dem Tschad, Osttimor und Madagaskar wird die Situation in drei Ländern als "sehr ernst" eingestuft, weitere acht Länder - Burundi, die Zentralafrikanische Republik, die Komoren, den Kongo, Somalia, Südsudan, Syrien und Jemen - ordnet der Index "vorläufig" in diese Kategorie ein. 

Frau Thieme, im aktuellen Welthunger-Index wird die Situation in elf Ländern als "sehr ernst" eingestuft. Wo schaut die Welthungerhilfe besonders hin?

Marlehn Thieme: Die Entwicklungen im Sudan und Südsudan, Kongo und Syrien sehen wir mit großer Sorge. Im Sudan vernichten große Überschwemmungen Felder und Tiere von Menschen, die ohnehin täglich ums Überleben kämpfen. Im Kongo und Syrien führen bewaffnete Konflikte zu Hunger und Vertreibung. Für die Mehrzahl der Länder mit einer ernsten Hungersituation braucht es vor allem Friedensbemühungen, um die Ernährungslage der Bevölkerung zu verbessern. Nur politische Lösungen können da grundlegend helfen.

Welthunger-Index

Der Welthunger-Index wird seit 2006 jährlich von der Welthungerhilfe sowie der irischen Organisation Concern Worldwide veröffentlicht. Die auf Basis von Datenmaterial der Vereinten Nationen erstellte Rangliste soll Auskunft geben über den Anteil an Unterernährten, an Auszehrung und Wachstumsverzögerungen bei Kindern unter fünf Jahren sowie über deren Sterblichkeitsrate. Im Vergleich zum Jahr 2000 ging der Index-Mittelwert für alle erfassten Länder von 28,2 auf 18,2 zurück. Weiterhin sind jedoch fast 690 Millionen Menschen unterernährt. Im Jahr 2018 starben 5,3 Millionen Kinder vor ihrem fünften Geburtstag an den Folgen von Hunger.

Hand aufs Herz: Ist das Ziel "Null Hunger bis 2030" angesichts von Corona und immer häufigeren extremen Wetterereignissen überhaupt noch erreichbar?

Thieme: In der Tat ist die Welt nicht auf Kurs, um den Hunger bis 2030 zu besiegen. Wir müssen unsere Anstrengungen deutlich erhöhen und in zentralen Bereichen wie dem Klimaschutz und auch der Handelspolitik gegensteuern. Dazu gehört auch ein Umdenken, wie wir unsere Nahrung produzieren und exportieren. Aber wir werden weiter für dieses Ziel kämpfen und den betroffenen Menschen im globalen Süden eine Stimme geben.

Hunger in der Welt, das ist eine Botschaft aus Studien wie dem Welthunger-Index, lässt sich nur durch gemeinsame Anstrengungen der Staatengemeinschaft besiegen. Tatsächlich jedoch sinkt die Akzeptanz für Multilateralismus massiv. Was meinen Sie: Werden beispielsweise die USA in absehbarer Zeit - vielleicht nach den Wahlen - eine Kursänderung vornehmen?

Thieme: Die großen Herausforderungen wie etwa den Klimawandel oder eine Pandemie wie Covid-19 können wir nur gemeinsam erfolgreich bewältigen. Das hat sich in den letzten Monaten sehr deutlich gezeigt. Am Horn von Afrika verlieren Menschen ihre gesamte Existenz durch Überschwemmungen, obwohl sie nicht zu den Verursachern der Klimakrise gehören. Die wirtschaftlichen Auswirkungen von weltweiten Lockdowns machen ebenfalls nicht vor Ländergrenzen halt. Die Einsicht, dass wir in der "Einen Welt" aufeinander angewiesen sind, wird sich langfristig durchsetzen.

Eine Forderung lautet, Nahrungsmittelkonzerne für Umweltschutz und Einhaltung von Menschenrechten haftbar zu machen. Glauben Sie, dass sich Konzerne wie Nestle oder Coca-Cola dadurch beeindrucken lassen?

Thieme: Gesunde und ausreichende Ernährung ist ein Menschenrecht. Doch gerade im Anbau landwirtschaftlicher Exportprodukte im globalen Süden wird dieses Recht oft nicht ausreichend geschützt. Daher haben wir einen Food Security Standard entwickelt, der Unternehmen dabei hilft, dieser sozialen Verantwortung gerecht zu werden. Tchibo hat angekündigt, dieses Instrument einzusetzen, und auch andere Unternehmen haben großes Interesse daran.

Seit Sonntag läuft wieder die "Woche der Welthungerhilfe". Was kann ich als Verbraucher gegen den Hunger in der Welt tun?

Thieme: Jeder kann bereits beim Einkaufen viel bewirken: regionale Produkte bevorzugen und nur das in den Einkaufswagen legen, was auch wirklich verbraucht wird. Allein in Deutschland landen jährlich 11 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Auch beim Fleischkonsum sollten wir uns einschränken und die Zahl der privaten Flugreisen überprüfen. (kna)


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