25 Jahre Berliner Mauerfall Kardinal Marx: Dank denen, die zum Fall der Mauer beigetragen haben

09.11.2014

"25 Jahre Berliner Mauerfall. Beiträge der katholischen Kirche in Deutschland. Eine Ermutigung zum Atmen mit beiden Lungenflügeln" – Anlässlich dieses von der Deutschen Bischofskonferenz in Berlin veranstalteten Symposiums würdigte der Vorsitzende der DBK, Kardinal Reinhard Marx, den Einsatz der Kirchen beim Zusammenbruch der DDR.

7.000 Leuchtballons ziehen noch bis in die Abendstunden den alten Grenzverlauf durch Berlin nach, dann fällt auch diese symbolische Grenze wieder und löst sich im Abendhimmel auf (Bild: imago)

Berlin – "Die Kirchen in der DDR waren gezwungen, in eigener Verantwortung ihren Weg zu gehen: Zu keiner Zeit waren sie fremdbestimmt oder ferngelenkt aus der Bundesrepublik. Vielmehr hat wohl gerade der repressive Charakter der DDR-Kirchenpolitik dazu beigetragen, dass sich unter Protestanten wie Katholiken knorrige Persönlichkeiten herausgebildet haben, die die Position ihrer Kirchen gegenüber dem Staat behaupteten."

Mit rund 300 Teilnehmern und Diskussionsteilnehmern aus dem In- und Ausland lenkte das Symposium der Bischofskonferenz am 8. November 2014 den Blick auf den Mauerfall und den damit verbundenen europäischen Kontext. Kardinal Marx hob hervor, dass zum Fall der Mauer, zum Sturz der SED-Diktatur und damit auch zur Möglichkeit der Wiedervereinigung verschiedene Kräfte beigetragen hätten. Dazu zählten neben der desolaten Verfassung der Wirtschaft in der DDR, die autoritäre und repressive Politik der Staatspartei, eine Staats- und Gesellschaftsordnung, die keinen Respekt vor den Freiheitsrechten der Bürger kannte und die fehlende demokratische Legitimation der Regierung. "Es waren also viele Faktoren, die – mit dem Rückenwind von Perestroika und Glasnost aus der Sowjetunion – den 9. November 1989 möglich gemacht haben. Aber nichts geschieht von selbst. Geschichte ist nicht determiniert. Und das heißt: Es bedurfte, um den geschichtlichen Umschwung herbeizuführen, derjenigen, die sich konkret und aktiv für die Überwindung der Mauer und eines Systems der Unfreiheit engagiert habe., Jenen Männern und Frauen, die in der DDR als Oppositionelle und Dissidenten gewirkt haben, muss deshalb heute besonderer Dank gesagt werden. Und auch all jenen, die im revolutionären Herbst 1989 auf die Straße gegangen sind. Sie haben Mut gebraucht, weil sie nicht wissen konnten, wie die Führung auf die Proteste reagieren würde", so Kardinal Marx.

In Deutschland sei es vor allem die evangelische Kirche gewesen, "der große Verdienste für den gelungenen Wandel zukommen. Zum einen, indem sie Schutzräume für die Opposition eröffnet hat. Zum anderen, indem sie das mühsame Geschäft der Moderation zwischen den Aufbegehrenden und der Staatsmacht auf sich nahm. Und zum dritten, indem sie einen Geist des friedlichen Austrags der Konflikte zu evozieren vermochte", sagte Kardinal Marx. Er fügte hinzu: "Man mag, wie stets nach Revolutionen, auch Kritisches über das Verhalten mancher Kirchenleute in der Diktatur sagen. Und es ist gut und wichtig, dass die Aufarbeitung nach dem Untergang des Kommunismus auch die Rolle der Kirchen intensiv beleuchtet hat. Aber das historische Verdienst an der friedlichen Revolution vermag – so scheint mir – durch nichts infrage gestellt zu werden, was im Nachhinein an problematischem Verhalten und an Versagen zutage gefördert wurde." Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz würdigte die Rolle der katholischen Kirche in Polen, die über eine "längere Zeitspanne als manifeste Oppositionskraft in Erscheinung getreten ist. Um dies richtig einzuordnen, darf aber nicht übersehen werden, dass die polnische Kirche eine historisch verbürgte Verkörperung des nationalen Willens nach Unabhängigkeit und Freiheit darstellte, wie es sie so in anderen Ländern mit anderer Geschichte nicht geben konnte."

Kardinal Marx hob hervor, dass es trotz der Teilung Deutschlands immer eine lebendige Verbindung zwischen den Kirchen im Westen und im Osten gegeben habe: "Der Eiserne Vorhang war nie so undurchlässig, dass nicht doch irgendeine Art von Austausch, sei es von materiellen Dingen, sei es in menschlicher, intellektueller und geistlicher Art stattgefunden hätte." Der Untertitel des Symposiums in Berlin, "Eine Ermutigung zum Atmen mit beiden Lungenflügeln", gehe auf ein Wort von Papst Johannes Paul II. zurück, mit dem er deutlich machen wollte, „dass das neu vereinte Europa lernen möge, mit beiden Lungenflügeln zu atmen. Damit ist auf die großen Kulturräume der europäischen Zivilisation angespielt, die gemeinsam Europa ausmachen: den Westen und den Osten, die lateinisch geprägten Länder und die östlichen, vor allem durch die Orthodoxie bestimmten Regionen. In diesem Wort des Papstes wird die Differenzierung Europas wahrgenommen und zur Sprache gebracht. Und zugleich wird der Zusammenhang der Kulturräume ins Wort gefasst. Wie die Lungenflügel in einem gesunden Körper zusammenwirken, so sollen – und dies ist ja zunächst einmal eine Hoffnung – der Westen und die östlichen Traditionen in eine Interaktion treten", so Kardinal Marx. Dazu trage auch diese Veranstaltung in Berlin bei: den Fall der Mauer in einem europäischen Kontext zu interpretieren und mit den Gesprächspartnern aus dem Ausland eine gemeinsame Sicht der historischen Ereignisse zu gewinnen.

Bei verschiedenen Diskussionseinheiten sprachen Zeitzeugen von ihrer Erfahrung über den Mauerfall. Beim Forum "Der Fall der Berliner Bauer und seine Folgen" erinnerte der frühere Bischof von Erfurt, Bischof Dr. Joachim Wanke, an die Hoffnungen der Menschen nach dem Mauerfall. Der Botschafter der Republik Polen, Dr. Jerzy Marga?ski, zeigte die Konsequenzen des Mauerfalls in seiner polnischen Heimat auf. Der Chef des Bundespräsidialamtes, Staatssekretär David Gill, schilderte die friedliche Revolution aus seiner eigenen Erfahrung, als er im Herbst 1989 zu den friedlichen Demonstranten in Ostdeutschland gehörte. Die Zeit und Herausforderungen nach dem Mauerfall erörterte Bischof Dr. Tomo Vuksic, Militärbischof in Bosnien und Herzegowina.

Beim Forum "Das Ende des Kommunismus. Anfang von was?" wurde der Kommunismus als Ideologie und Herrschaftspraxis diskutiert: Was hat der Kommunismus mit den Menschen gemacht, wie hat er ihre Identitäten geformt und deformiert? Mit dem früheren Staatsminister und Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Prof. Dr. Hans-Joachim Meyer, diskutierten Prof. Dr. Myroslav Marynovych, Vizerektor der Ukrainischen Katholischen Universität Lemberg, und die Berliner Autorin und Regisseurin Freya Klier.

Das dritte Diskussionsforum "Mit beiden Lungenflügeln atmen. Europäische Perspektiven 25 Jahre nach dem Mauerfall. Ecclesia in Europa" wurde von einer Diskussion zwischen Kardinal Marx, Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble und Bischof Dr. Boris Gudziak, Bischof der katholischen Ukrainer in Frankreich, geprägt. Dabei ging es um Europa als politischen und geistigen Lebensraum nach der Überwindung der Teilung des Kontinents: Ist die europäische Integration die Antwort auf die überhitzte Nationalstaatlichkeit und die Anfälligkeit der Völker für extreme Ideologien, wie sie für das 20. Jahrhundert typisch waren? Welche Werte müssen, welches Menschenbild muss in einem solchen Europa leitend sein, sodass auch die bereits angesprochene kulturelle Differenzierung einen angemessenen Rahmen finden kann?

Kardinal Marx bedauerte dabei, dass es zwischen den kulturellen Großregionen in Europa noch immer eine große Unkenntnis untereinander gebe: "Tatsächlich würden wir in Europa bestenfalls nebeneinander herleben, wenn wir uns diese Traditionen und die ihnen zugrunde liegenden Erfahrungen nicht gegenseitig verstehbar machten. Es geht hier also nicht um etwas bloß Wünschenswertes, sondern um eine grundlegende Bedingung des zukünftigen Zusammenlebens. Manche Krise der letzten 25 Jahre dürfte dies deutlich gemacht haben", so Kardinal Marx. "Unsere Antwort auf diese Situation muss sein: Wenden wir uns einander zu! Bemühen wir uns um eine Kultur des Zuhörens anstatt der vorschnellen gegenseitigen Schuldzuweisungen! Gegen die Erfahrung der Überwältigung durch politische und ökonomische Prozesse gilt es, eine Praxis der Beteiligung und der Solidarität zu setzen." (PM DBK)


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