Silvesterpredigt Kardinal Marx: „Geht das neue Jahrzehnt mit Fantasie an“

31.12.2019

In seiner Jahresabschlusspredigt im Liebfrauendom fordert der Erzbischof von München und Freising neues Denken in Kirche und Gesellschaft. Dazu müssten alte Schablonen beiseitegelegt werden.

Kardinal Marx während seiner Silvesterpredigt 2016.
Kardinal Marx während seiner Silvesterpredigt 2016. © Kiderle

München – „Geht das neue Jahrzehnt mit Fantasie an“, ermutigte Kardinal Reinhard Marx zum Jahreswechsel die Gläubigen, „bringt neuen Schwung in eure Familien, Freundschaften und Beziehungen.“ Ein neues, ganzheitliches Denken forderte der Erzbischof von München und Freising, der zugleich Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist, auch in Kirche und Gesellschaft. „Ich weiß, wie groß die Probleme des vergangenen Jahrzehnts waren, und sie werden künftig nicht kleiner werden“, stellte er in seiner Jahresschlusspredigt am Silvesterabend, Dienstag, 31. Dezember, im Münchner Liebfrauendom fest.

Mit Zuversicht, dass Gott neue Möglichkeiten erschließt

Doch Christen sollten ein Zeugnis der Hoffnung ablegen, „dass wir mit Gott trotz oder gerade wegen dieser Herausforderungen in die Zukunft gehen“. Dazu müssten jedoch „alte Schablonen und Besitzstanddenken“ beiseitegelassen werden: „Wenn die Kirche, wenn Europa und die ganze Welt im neuen Jahr einen Weg gehen wollen, dann nicht in einer Verteidigungshaltung, sondern in der Zuversicht, dass Gott uns neue Möglichkeiten erschließt – ohne Angst, ohne Enge, sondern mit großem Mut und mit großer Lust, Neues zu denken.“

Jesus hat Gesellschaft und Religion verändert

Mit Jesu Wirken, so der Erzbischof in seiner Predigt, sei „ein völlig neuer Ton in Gesellschaft und Religion“ gekommen. Wenn Jesus Menschen geheilt und aufgerichtet, wenn er Sünden vergeben habe, habe er damit viele Menschen verblüfft, viele aber auch verärgert. Christus selbst sei zornig über diejenigen gewesen, „die in verbohrten Vorurteilen sitzen, die die gewohnten Bahnen nicht verlassen und denen das Leid anderer gleichgültig ist, die ihre eigenen menschlichen Traditionen höher stellen als den Willen Gottes“, nahm der Kardinal Bezug auf die Heilung eines Kranken mit einer verdorrten Hand durch Jesus, über die im Markus-Evangelium berichtet wird.

Wirklicher Fortschritt hat ganzen Menschen im Blick

„Wir haben die Brücken der Tradition nicht abzubrechen, wir haben sie zu begehen an die anderen Ufer“, mahnte der Erzbischof an. „Denn Gott wirkt, wo Brücken gebaut werden, wo Vergebung passiert, wo Versöhnung geschieht, wo Geschwisterlichkeit entsteht“, unterstrich Marx. In diesem Sinne dürfe Fortschritt nicht nur nach ökonomischen Zahlen, nach Wachstumskriterien gemessen werden. Wie Papst Franziskus in seiner Enzyklika „Laudato si“ immer wieder betone, habe wirklicher Fortschritt „den ganzen Menschen im Blick, und alle Menschen, besonders auch die Armen, die Schwachen und diejenigen, die an Leib und Seele verwundet sind“. Dies habe die Kirche ins neue Jahrzehnt einzubringen.

Orientierung an Jesus von Nazareth

Laut Kardinal Marx ist es „keine Formalie, wenn wir sagen: das 2019 und 2020 nach Christi Geburt. Nehmen wir dies nicht als selbstverständliche Floskel, denn unsere Kultur und unser Leben orientieren sich an diesem Jesus von Nazareth“. Christi Geburt habe eine Zeitenwende gebracht, er bleibe für die Menschen gegenwärtig. Jeder Jahreswechsel erinnere daran, dass diese Orientierung an Christus die Menschen darin leiten solle, wie sie ihr Leben, ihre Zeit, ihre Zukunft beurteilen. „Dazu müssen wir immer neu hinhören, was uns seine Stimme in der konkreten Zeitstunde zu sagen hat“, führte der Erzbischof aus. Die Begegnung mit Christus stärke die Menschen, entfessle die Möglichkeiten in jedem, in ihr könne man „Zuversicht tanken“. Dies zu verkünden, zu verkünden, dass Gott inmitten der Menschen konkret wirke, „dass das Reich Gottes da ist“, sei Aufgabe der Christen. (pm/kbr)

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