Katholische Kirche Kardinal Marx gründet Stiftung für Missbrauchsopfer

04.12.2020

Dafür stellt er fast eine halbe Million Euro seines Privatvermögens zur Verfügung.

Kardinal Reinhard Marx
Kardinal Reinhard Marx © Harald Oppitz/kna © kna/Harald Oppitz

München – Der Münchner Kardinal Reinhard Marx (67) gründet eine Stiftung für Betroffene sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Er habe sich entschlossen, dafür "den allergrößten Teil" seines Privatvermögens aufzuwenden, insgesamt 500.000 Euro, erklärte Marx am Freitag. Die Stiftung trägt den Namen "Spes et Salus" (Hoffnung und Heil). Sie soll laut Satzung einen Beitrag zur "Selbstermächtigung" der Betroffenen leisten. Diese würden "gleichberechtigt" an der Ausgestaltung der Stiftungsleistungen beteiligt.

Den Vorsitz des Stiftungsbeirats, dem auch ein Betroffener angehören wird, übernimmt laut Mitteilung des Ordinariats der frühere Münchner Generalvikar Peter Beer, der seit einigen Monaten am Zentrum für Kinderschutz (CCP) der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom arbeitet. Mit dem CCP soll die Stiftung kooperieren. Das Geld stammt laut Marx aus seinen Bezügen, die er in den vergangenen Jahrzehnten für seine Tätigkeiten als Institutsdirektor, Professor und Bischof erhalten hat. Als Münchner Erzbischof ist Marx der staatlichen Besoldungsgruppe B 10 zugeordnet. Die aktuelle Tabelle weist ein Monatsbrutto von 13.654 Euro aus. Marx sagte, er hoffe, dass sich andere mit ihren finanziellen Mitteln und Ideen der Initiative anschlössen.

Das System ist schuldig geworden

"Sexueller Missbrauch im Verantwortungsbereich der Kirche ist ein Verbrechen", so der Kardinal. "Das System Kirche als Ganzes ist hier schuldig geworden. "Die Einsicht in diese Wahrheit hat lange gebraucht und dauert noch an. Auch für mich selbst hat es einer Lerngeschichte bedurft, um das Ausmaß und den Umfang von Missbrauch in der Kirche wahrzunehmen und zu erkennen." Umso mehr sei es ihm ein Anliegen als Kardinal und Erzbischof, aber auch als Privatperson, "alles mir Mögliche zu tun, um Missbrauch zu bekämpfen und aufzuarbeiten".

Podcast-Tipp

Würde.Leben Der jahrzehntelang vertuschte Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche hat die Würde und das Leben tausender Betroffener zerstört. Das Vertrauen in Priester, Seelsorger und engagierte Gläubige hat dadurch schwer gelitten. Pater Hans Zollner hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Missbrauch aufzuklären, damit die Vertuschungen endlich aufhören und Prävention glaubwürdig ist. Er leitet das Centre for Childprotection, das Kinderschutzzentrum, das der päpstlichen Universität Gregoriana angegliedert ist.   > zur Sendung

 

Die Stiftung solle das Engagement der Kirche für Prävention, Aufarbeitung und Anerkennung des Leids ergänzen, führte Marx weiter aus. "Mir ist klar: Geld kann keine Wunden heilen; aber es kann dazu beitragen, dass Bedingungen geschaffen werden, die Heilungs- und Wandlungsprozesse ermöglichen." Menschen seien im Raum der Kirche beschädigt worden und hätten dadurch ihren Glauben verloren. Es gehe mit der Stiftung auch um eine Hilfestellung dafür, ihn vielleicht wiederzufinden.

Unabhängige Gutachten

Die Betroffenen hätten ihn in den zurückliegenden Jahren "immer wieder sehr beeindruckt", sagte der Kardinal. Die gestifteten Mittel sollten in ihrem Sinne eingesetzt werden. Begegnungen mit ihnen sowie Berichte und Untersuchungen über ihre Schicksale hätten ihm verdeutlicht, "wie viel Kraft aufgewandt werden muss und wie viele Anstrengungen nötig sind, um sich den Ursachen und Folgen von Missbrauch entschieden zu stellen und diese zu bearbeiten".

Als erste deutsche Diözese hatte das Erzbistum München und Freising unter Marx 2010 einen unabhängigen Missbrauchsbericht vorgestellt, für den die Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl-Spilker-Wastl (WSW) Personalakten seit 1945 durchforstete. Ein erweitertes Gutachten wurde Ende Februar bei derselben Kanzlei in Auftrag gegeben. Es soll den Zeitraum bis 2019 und damit auch die Amtszeit von Marx einschließen und Verantwortliche für etwaige Versäumnisse nennen. Der Bericht werde nicht vor Frühjahr 2021 fertig sein, hieß es zuletzt beim Erzbistum. Auch die Gründung des CCP erfolgte von München aus. (kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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