Fratelli tutti veröffentlicht Kardinal Marx würdigt neue Papst-Enzyklika

04.10.2020

Der Münchner Erzbischof erkennt im neuen Lehrschreiben von Papst Franziskus einen Appell an die eigene Kirche, nicht um sich selbst zu kreisen und sich für den Weltfrieden stark zu machen.

Papst Franziskus unterzeichnet die Enzyklika Fratelli tutti in Assisi.
Papst Franziskus unterzeichnet die Enzyklika Fratelli tutti in Assisi. © Imago

Rom/München - Kardinal Reinhard Marx erkennt in der neuen Enzyklika von Papst Franziskus einen "wichtigen Beitrag für die Schaffung von Frieden und Gerechtigkeit – innerhalb der einzelnen Nationen und in der Welt". Der Münchner Erzbischof würdigte das an diesem Sonntag veröffentliche Schreiben als einen bedeutsamen Text, der zur rechten Zeit komme: "Papst Franziskus unterstreicht mit dieser Enzyklika die Grundhaltung seines Pontifikates, dass die Kirche nicht um sich selber kreisen dürfe, sondern dem Wohl der Menschen zu dienen habe." Die Kirche müsse gerade in der Integration der Peripherien – ein „Haus mit offenen Türen", zitiert Kardinal Marx den Heiligen. "Der Papst fordert uns im Grunde auf, diese Vision anzunehmen und konkret zu leben."

Appell an die gesamte Menschheit

In seiner Enzyklika "Fratelli tutti" (zu dt. Alle Brüder) mahnt Papst Franziskus zu einer Abkehr von Egoismus auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Nur so ließen sich die Folgen der Corona-Pandemie und globale Herausforderungen wie soziale Ungleichheit und Migration bewältigen. In seinem eindringlichen Plädoyer für Geschwisterlichkeit und Freundschaft wendet sich der Pontifex über alle Grenzen hinweg an die gesamte Menschheit.
Sein Schreiben, das Züge einer Sozialutopie trägt, richtet der 83-Jährige ausdrücklich an "alle Menschen guten Willens" unabhängig von ihrem Glauben. Die Anregung zu dem Text erhielt Franziskus nach eigenem Bekunden auch durch den ägyptischen Großimam Ahmad Al-Tayyeb, einen führenden Islam-Gelehrten. Als päpstliches Grundsatzdokument hat die Enzyklika hohe Verbindlichkeit für 1,3 Milliarden Katholiken weltweit.

Der heilige Franziskus als Vorbild

In dem 287 Artikel umfassenden Text wirbt der Papst dafür, nach dem Vorbild des heiligen Franziskus andere Menschen unabhängig von Herkunft oder sozialer Zugehörigkeit in freundschaftlicher Offenheit "anzuerkennen, wertzuschätzen und zu lieben". Wer meine, die globalen Probleme nach der Corona-Krise mit den alten Systemen lösen zu können, sei "auf dem Holzweg". Inspirieren ließ sich der Papstes nach eigenen Worten auch von Nichtkatholiken wie dem US-Bürgerrechtler Martin Luther King, dem südafrikanischen Anglikaner Desmond Tutu und Mahatma Gandhi.

Beim Umgang mit Konflikten mahnt der Papst eine Stärkung der Vereinten Nationen an und fordert die Unterordnung nationaler Interessen unter das globale Gemeinwohl. Erneut verurteilt er Krieg und Rüstung als Mittel der Politik. Auch wendet er sich gegen einen zu großen Einfluss der Wirtschaft. Er verlangt die Einbeziehung aller gesellschaftlicher Gruppen, auch der Schwächsten, in Entscheidungs- und Entwicklungsprozesse. Dabei stellt er sich hinter eine "Option für die Armen" und das Recht auf kulturelle Identität gegen eine globale Gleichmacherei; diese verurteilt er als Kolonialismus.

Würde von Migranten und Flüchtenden anerkennen

Zum Thema Migration betont Franziskus, solange in den Herkunftsländern die Bedingungen für ein Leben in Würde fehlten, gelte es "das Recht eines jeden Menschen zu respektieren, einen Ort zu finden, an dem er nicht nur seinen Grundbedürfnissen und denen seiner Familie nachkommen, sondern sich auch als Person voll verwirklichen kann". Jedes Land sei "auch ein Land des Ausländers"; die Güter eines Territoriums dürften "einer bedürftigen Person, die von einem anderen Ort kommt, nicht vorenthalten werden".

Am Samstag war der Papst nach Assisi gereist, um die Enzyklika am Grab des heiligen Franziskus (1181/82-1226) zu unterschreiben. Der mittelalterliche Bettelbruder gilt als Vorbild für eine radikale Zuwendung zu allen Menschen und Geschöpfen. "Fratelli tutti" ist seine dritte Enzyklika und folgt auf "Laudato si" von 2015. Auch dieses Schreiben zu Umwelt und sozialer Gerechtigkeit verwies auf Franz von Assisi. (pm/kna/alb)

Kardinal Marx kommt am Montag, 5. Oktober, um 19.30 Uhr, auf Einladung der Katholischen Akademie in Bayern über die Sozialenzyklika ins Gespräch mit Anna Noweck, Professorin für Theologie in der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungshochschule München. Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, moderiert unter dem Titel „Fratelli tutti! – Was steht drin?“. Das Gespräch wird live im Internet übertragen unter youtube.com/KatholischeAkademieinBayern.


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