Fritz Gerlich und Romano Guardini Kardinal Reinhard Marx eröffnet Seligsprechungsverfahren

15.12.2017

Fritz Gerlich und Romano Guardini werden in den kommenden Jahren möglicherweise selig gesprochen. Die Verfahren dazu laufen jetzt an. Bei einem der beiden könnte es schneller abgeschlossen sein.

Fritz Gerlich
Fritz Gerlich © privat

München – Mit einem Festgottesdienst im Liebfrauendom eröffnet der Münchner Kardinal Reinhard Marx am kommenden Samstag zwei Seligsprechungsverfahren. Sie gelten dem NS-kritischen Publizisten Fritz Gerlich (1883-1934) und dem Religionsphilosophen Romano Guardini (1885-1968). In der diözesanen Phase der Prozesse werden Zeugen befragt, die über Persönlichkeit, Biografie und Wirken von den Beiden Auskunft geben können. Alle Gläubigen sind dazu aufgerufen, dem Erzbistum entsprechende Informationen zukommen zu lassen. Dabei geht es auch um Hinweise auf etwaige Verfehlungen oder problematische Äußerungen.

Der mit beiden Verfahren beauftragte Postulater Johannes Modesto rechnet bei Gerlich mit einer kürzeren Bearbeitungszeit. Sein Fall könnte in München bis 2021 abgeschlossen sein, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). "Bei Guardini werden wir wohl drei Jahre länger brauchen." Es schließt sich eine zweite Phase bei der Heiligsprechungskongregation im Vatikan an, bevor der Papst die Entscheidung trifft. Die bisher letzte Seligsprechung eines Angehörigen des Erzbistums München und Freising war 1988 die des Redemptoristenpaters Kaspar Stanggassinger.

"Der gerade Weg"

Fritz Gerlich versuchte ab Sommer 1931, Adolf Hitlers Griff nach der Macht mit scharfen publizistischen Attacken zu verhindern. Dazu formte er eine bis dahin politisch harmlose Illustrierte zu einem NS-kritischen Kampforgan um und gab ihr den Titel "Der gerade Weg".

Romano Guardini
Romano Guardini © Katholische Akademie Bayern

Unter dem Eindruck der Begegnung mit der oberpfälzischen Mystikerin Therese Neumann hatte der aus Stettin stammende Calvinist kurz zuvor zum katholischen Glauben gefunden. Hitler ließ ihn im März 1933 einsperren. Die "Schutzhaft" bis zu seiner Ermordung im Sommer 1934 ertrug Gerlich Mitgefangenen zufolge im Gebet und in der Vertiefung in theologische Lektüre.

Wegen des Glaubens ermordet?

Für Gerlich wird ein Märtyrerprozess geführt, der etwas anderen Regeln folgt. Zu prüfen ist vorrangig, ob der Publizist seines Glaubens wegen ermordet und nicht nur als politischer Gegner beseitigt wurde. Ob er sein ganzes Leben lang die christlichen Tugenden beherzigte, tritt demgegenüber in den Hintergrund.

Guardini gilt als einer der einflussreichsten katholischen Denker des 20. Jahrhunderts. Der aus Verona stammende Mainzer Diözesanpriester lehrte in Berlin, Tübingen und München Religionsphilosophie. Guardini nahm gestaltend Einfluss auf die katholische Jugend- und Liturgiebewegung und wurde so zu einem geistigen Wegbereiter des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965). In München zählte er zu den Mitbegründern der Katholischen Akademie in Bayern. (KNA)

Den Gottesdienst zur offiziellen Eröffnung der Seligsprechungsverfahren feiert Kardinal Reinhard Marx am Samstag, 16. Dezember, um 17.30 Uhr im Münchner Liebfrauendom. Die Messe wird live hier im Videostream auf mk online und als Audiostream auf DAB+ (Münchner Kirchenradio) oder im Internet übertragen.

Fritz Gerlich

Gerlich (1883 bis 1934) zählt zu den frühesten Gegnern der NS-Bewegung und zu ihren ersten Opfern. Mit seiner Wochenzeitung "Der gerade Weg" versuchte er ab Sommer 1931 Adolf Hitlers Weg an die Macht zu verhindern und nahm dafür den eigenen Tod in Kauf. Hitler ließ ihn im März 1933 einsperren; ohne Anklage oder Prozess wurde er in der Nacht auf den 1. Juli 1934 im Konzentrationslager Dachau ermordet.

Gerlichs kühner Versuch des publizistischen Widerstandes blieb lange unbeachtet. 2016 legte der Speyerer Historiker Rudolf Morsey eine umfassende wissenschaftliche Biografie vor. In München und Regensburg erinnern Denkmäler an den streitbaren Journalisten. Die katholische Kirche nahm ihn 1999 in ihr "deutsches Martyrologium des 20. Jahrhunderts - Zeugen für Christus" auf und verleiht jedes Jahr einen nach ihm benannten Filmpreis.

Gerlich stammte aus einer calvinistischen Stettiner Familie, studierte in München verschiedene Fächer und landete zunächst im bayerischen Archivdienst. Seine politischen Ansichten wechselten zwischen linksliberal und nationalkonservativ. Ein Habilitationsprojekt scheiterte, auch die Bewerbung um ein Abgeordnetenmandat. Ab 1920 war Gerlich Hauptschriftleiter bei den "Münchner Neuesten Nachrichten" und stützte ihren antirepublikanischen Kurs, zunächst auch mit Sympathien für die NS-Bewegung. 1928 musste er nach einem Zerwürfnis mit der Geschäftsführung gehen.

Die Begegnung mit der oberpfälzischen Ekstatikerin Therese Neumann führte zu einer Lebenswende. Zunächst wollte Gerlich sie als Schwindlerin entlarven, dann konvertierte er 1931 zum Katholizismus. Im Kreis um Neumann fand Gerlich Mitstreiter für seine neue Mission, den geistigen Kampf gegen die Nazis.

Der Münchner Journalist Heribert Prantl nennt Gerlich "das Gewissen in einer Zeit der Gewissenlosigkeit". Der Münchner Historiker Paul Hoser verweist auf Schattenseiten. In den frühen 1920er Jahren habe Gerlich einen ehemaligen bayerischen Minister in den Tod getrieben. (KNA)

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