Gedanken zum frohen Fest Kardinal Reinhard Marx zu Weihnachten 2019

22.12.2019

Der Münchner Erzbischof erinnert sich an die Mondlandung im Jahr 1969 und greift die aktuellen Klima-Herausforderungen auf.

Blick vom Mond auf die Erde
Blick vom Mond auf die Erde © Romolo Tavani - stock.adobe.com

München – Was für ein Spektakel! Viele Familien kauften damals die ersten Fernseher und Nachbarn taten sich zusammen, um nur ja diesen Moment nicht zu verpassen. Ich war 15 Jahre alt und erinnere mich noch sehr gut an die Spannung, die damals in der Luft lag. Anfang der 60er hatte Präsident Kennedy deutlich gemacht, dass die Landung zum Mond das große Ziel dieses Jahrzehnts sei, der große Entwicklungsschub für die Menschheit. Und dann war es endlich soweit: Am 16. Juli 1969 startete die Apollo 11 zur ersten bemannten Mondmission. Neil Armstrong, Edwin Aldrin und Michael Collins machten sich als erste Menschen auf die Reise zum Mond. Weltweit verfolgten rund 600 Millionen Menschen vor den Bildschirmen diese Reise. Am 21. Juli setzte die Mondlandefähre Eagle auf dem Mond auf und Neil Armstrong betrat als erster Mensch den Mond. Nach nicht einmal einem Tag verließ die Mission die Mondoberfläche wieder und landete zwei Tage später im Pazifik.

"...ein gigantischer Sprung für die Menschheit"

Diese Reise fasziniert bis heute viele Menschen. Fast alle kennen den Satz, der Neil Armstrong zugeschrieben wird: „Es ist ein kleiner Schritt für den Menschen, ein gigantischer Sprung für die Menschheit.“ Und in der Tat war das ein großer Sprung für die Menschheit. Nicht nur, weil ein unbekannter Planet betreten wurde und die Erforschung eines neuen Systems beginnen konnte. Ebenso sehr hat die Mondlandung unseren Blick auf die Erde verändert. Denn – und das machen wir uns in der heute von Bildern so stark geprägten Welt – kaum mehr klar: Es war der erste Blick, den Menschen sozusagen von außen auf die Erde nehmen konnten, auf diesen blauen Planeten. Das war ein gigantischer Sprung für die Menschheit und die Wahrnehmung des Planeten, der ihre Heimat ist.

Wettlauf zwischen den Großmächten

Was mag die Politiker, Wissenschaftler und Astronauten damals motiviert haben, dieses Unmögliche anzugehen, immer weiter daran zu forschen und die Mission schließlich zu wagen? Sicher gab es damals wirtschaftliche und auch politische Interessen; es war ein regelrechter Wettlauf zwischen den damaligen Großmächten, wer den Mond als erster „erobert“. Es gab auch eine große Abenteuerlust, die Neugier eine völlig unbekannte Sphäre zu erkunden. Es scheint eine Stimmung gewesen zu sein, dass es an der Zeit ist für eine echte Innovation, für eine Neuerung, die den Lauf der Weltgeschichte und der Menschheit für immer verändern würde.

Geburt Jesu hat die Welt radikal verändert

Ohne die Parallele zu weit treiben zu wollen, gibt es doch für mich ein anderes Ereignis, das die Welt noch radikaler ein für alle Mal verändert hat: Das ist für mich die Geburt Jesu vor über zweitausend Jahren. Auch damals wurde etwas Unmögliches möglich, nämlich dass Gott als Mensch in die Welt kommt. Die Geburt dieses einen Kindes ging auch um die Welt: Schon die Ankündigung rüttelte politische Mächte wach, die um ihren Einfluss bangten. Sterndeuter machten sich auf den Weg, weil es am Himmel eine unbekannte Konstellation zu sehen gab. Andere Menschen, wie die Hirten, ließen sich verlocken, ihren Alltag hinter sich zu lassen und der Spur des Kindes zu folgen. So erzählen es die Evangelisten.

Welt ist wunderbarer Ort

Anders als die Mondlandung ist die Geburt Jesu nicht von Menschen erdacht und gemacht. Das aber macht es nur umso faszinierender: Wenn Gott, der ja ganz anders ist als all unsere Bilder und Gedanken, in dieser Welt Mensch wird, dann muss die Welt doch ein wunderbarer Ort sein. Und dann muss es wunderbar sein, zu leben!Davon bin ich ganz tief und fest überzeugt – obwohl oder vielleicht auch gerade wegen aller Sorgen, die uns als Menschheit umtreiben: In diesem Jahr beschäftigen uns die Debatten um das Weltklima, die Fragen um die Zukunft der Menschheit und des Planeten, die vielen einzelnen ökologischen Themen von der CO2-Bepreisung über Elektroautos, das Abschmelzen der Polkappen, Klimaveränderungen bis hin zu Naturkatastrophen so sehr wie vielleicht noch nie zuvor. Dazu tragen auch die Demonstrationen der „Fridays for Future“ ganz wesentlich bei. Die vielen jungen Menschen sind stete Mahner geworden, den jetzigen Moment beim Schopf zu ergreifen und die Entwicklung der Welt zum Besseren zu wenden.

Sorge um die Schöpfung

Die Wissenschaften mahnen, dass es höchste Zeit ist, Neuerungen voran zu bringen und endlich die guten Entwicklungen zu befördern, die es ja schon gibt. Auch Papst Franziskus ruft seit seiner Enzyklika „Laudato si‘“ 2015 immer wieder zum Engagement auf, so wie auch bei der Synode in diesem Jahr, die sich mit dem Amazonas-Gebiet, der „grünen Lunge der Welt“, befasst hat. Es geht ihm gemeinsam mit vielen Menschen darum, die Welt wieder als Ganzes zu sehen. Das verbindet uns mit der Neugier und dem Aufbruch, der auch 1969 zur ersten Mondmission geführt hat. Wir sind in der Lage, die Welt von außen zu betrachten, über unseren je eigenen Lebensraum hinaus zu blicken, die Dinge miteinander in Bezug zu setzen, das große Ganze zu sehen. Die Sorge um das gemeinsame Haus der Schöpfung ist uns allen aufgetragen. Es muss und es wird uns gelingen, jenseits von Macht- und Kapitalinteressen ein höheres Ziel zu verfolgen, nämlich die Erhaltung der Lebensgrundlage für die Menschen der heutigen und aller noch kommenden Generationen. Auch das ist ein gigantischer Sprung für die Menschheit!

Der Blick auf das Kind in der Krippe erinnert mich immer wieder daran, dass es gut ist, Mensch zu sein und auf dieser Welt zu leben, die von Gott angenommen und erlöst ist! Und das Kind von Bethlehem ermutigt mich, meinen Beitrag für eine lebenswerte Welt zu leisten. Denn – noch einmal: Wenn Gott auf dieser Erde Mensch wird, dann ist sie kostbar und dann ist es gut, ein Mensch zu sein! (Kardinal Reinhard Marx)


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