Grenzboten zwischen Zeit und Ewigkeit Katakombenheilige sind ein Kultur- und Glaubenszeugnis

11.06.2021

Die einen sind fasziniert, die anderen abgestoßen: Die aufwendig geschmückten Gebeine der Heiligen aus Rom rufen unterschiedliche Reaktionen hervor. Auch im Erzbistum München und Freising sind sie in Schreinen zu bestaunen.

Die Heilige Munditia in Sankt Peter in München.
Die Heilige Munditia in Sankt Peter in München. © SMB/Bierl

Manche zucken zusammen und suchen schnell das Weite, andere bleiben in den Kirchen lange davor stehen und können den Blick kaum von ihnen abwenden. Die sorgsam in Gaze oder Tüll gehüllten Gebeine, reich geschmückt mit Glassteinen und Perlen, aus Gold- oder Silberdraht gebogenen Blumen, kostbaren Brokatstoffen und fein geklöppelten Spitzen, Ringen und Kronen ziehen an oder stoßen ab. Sie tragen lateinische Namen wie Felicianus und Primus, Munditia, Valerius oder Felix und sind aus Italien zugewandert. Heute wohnen sie wohlverwahrt in Schreinen in Rottenbuch, München, Weyarn oder Gars am Inn. Katholiken in Süddeutschland, Österreich oder der Schweiz empfingen diese Ganzkörperreliquien wie Fürsten. „Der Aufwand für Beschaffung, Ausstattung und Empfang konnte hohe Summen kosten, so dass gelegentlich Dorfpfarrer zahlungsunfähig wurden“, schreibt der Reliquienexperte und Kirchenhistoriker Arnold Angenendt.

Mahner und Zeugen

Seit 1578 an der Via Salaria in Rom ein Weinberg abrutschte und dahinter eine vergessene Katakombe auftauchte, waren die darin und später auch anderswo gefundenen Skelette nördlich der Alpen begehrte spirituelle Importartikel. Die Deutung der wieder entdeckten antiken Grabanlagen lag für die Gläubigen auf der Hand: Nach den Spaltungen und Wirren der Reformation traten die frühen Christen wieder hervor, Mahner und Zeugen für den wahren katholischen Glauben. Nahezu pauschal ging die römische Kirche davon aus, dass die meisten Überreste Märtyrern aus der Verfolgungszeit gehört haben mussten, oft tragen sie Phantasienamen.

Heiliger bekam eigene Unterkunft

In kleinen versiegelten Holzkisten, den capsulae, versehen mit einer päpstlichen Beglaubigung, trugen Kaufleute die Reliquien über die Alpen. Das war eine hohe Ehre! In Westenhofen am Schliersee bezeugt das der 1782 nach der Neubelegung seines Grabes beschriftete Schädel von Johann Ev. Huber, auf dem ausdrücklich vermerkt ist, dass er den „heiligen Leib u. das Blut des hl. Martyrs“ in die Pfarrkirche gebracht hat. Die kostbare Fracht wurde auch auf dem Weg ehrfürchtig empfangen. Der amerikanische Kunsthistoriker Paul Koudounaris zitiert in seinem Buch „Katakombenheilige. Verehrt, verleugnet, vergessen“ die Aufzeichnungen zweier Männer aus Bad Endorf. Sie berichten beeindruckt davon, dass in italienischen Gasthöfen die Gebeine des von ihnen transportierten Heiligen ein eigenes Zimmer bekamen. Die Reisechronik der beiden Endorfer stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert, in dem längst schon die Aufklärung Einzug gehalten hatte. Die oberbayerische Gemeinde am Simssee freute sich trotzdem über ihren Märtyrer Clemens.

Beziehung zwischen Heiligen und Gläubigen

Die Zusammensetzung der für die Reise zerlegten Skelette war eine eigene Kunst, die geschulte Ordensleute, Bildhauer oder Silberschmiede übernahmen. Zudem viele Knochen bei der Entnahme aus den Katakomben oder unterwegs zerbrachen oder aufgrund ihres Alters stabilisiert werden mussten. Dazu verwendeten die Spezialisten einen aus tierischen Abfällen hergestellten Leim, fehlende Skelettteile ergänzten sie aus Holz, Wachs oder Pappmaché. An manchen Orten bekamen die Schädel sogar Glasaugen eingesetzt und durften eine eigens angefertigte Perücke tragen. Je größer die Lebensnähe, umso inniger konnten die Gläubigen mit „ihrem“ Heiligen in Beziehung treten.

Versteckte Reliquien

Der scharfe Rationalismus der Aufklärungsepoche musste eine solche Verehrung ablehnen. Vielen Schriftstellern erschien sie geradezu anstößig. Gotthold Ephraim Lessing war in seiner Streitschrift „Wie die Alten den Tod gebildet“ dafür eingetreten, andere Bilder für die menschliche Vergänglichkeit zu finden als die ihm geschmacklos erscheinenden Skelettdarstellungen. Er verwies auf antike, „schöne“ Symbole, etwa den anmutigen Jüngling, der eine gelöschte Fackel nach unten hält. Die oft heftige Polemik zeigte Wirkung. Viele damals „moderne“ Pfarrer sorgten dafür, dass die Reliquien dezent hinter einem bemalten Brett oder gleich ganz verschwanden. Der bayerische Staat versuchte die Zurschaustellung der Reliquien zu verbieten und das oft mit Erfolg. Die heilige Munditia musste wohl jahrzehntelang in den Speicher der Münchner Peterskirche umziehen, bevor sie sich 1883 in neuem Schmuck wieder zeigen und verehren lassen durfte. Da hatte schon die Romantik die Reliquienverehrung wiederentdeckt. Aber noch 1964 musste der bereits erwähnte Clemens in Endorf weichen. Seine Gebeine wurden zerlegt und im Glockenturm der Kirche eingemauert. Immerhin erinnert dort eine Tafel an ihn.

Sichtbares Versprechen von Gott

Das Verdikt des Aufklärers Voltaire, der die Reliquienverehrung als „Dummheit und Leichtgläubigkeit“ abtat, der nur die einfältigsten Gemüter auf den Leim gehen konnten, wirkte nach. Erst seit einigen Jahrzehnten beginnen Kirchen- und Kunsthistoriker, aber auch Theologen und sogar Psychologen einen neuen Blick auf die Katakombenheiligen zu werfen. Denn schließlich sind sie Grenzboten an der Schwelle zwischen Zeit und Ewigkeit. Mit ihrem Schmuck weisen sie auf die Verwandlung hin, die der Gläubige erhofft. Die Begegnung mit ihnen ist ein sichtbares Versprechen, dass die Verstorbenen für Gott nicht nur totes Gebein sind. Ihr Schmuck zeigt, dass sie ihm wertvoll sind, dass er sie in sein himmlisches Jerusalem führt, wo sich das Leben in der Schau Gottes vollendet. Die heiligen Leiber sind nicht Figuren aus einer religiösen Geisterbahn, sondern Zeichen eines Glaubens, der in ihnen sichtbar ausgedrückt ist.  

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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