Synodaler Weg Katholiken debattieren über Sexualität und Frauen

04.09.2020

Corona stellt auch den Synodalen Weg der katholischen Kirche vor neue Herausforderungen, nun wurde der Reformprozess an fünf Orten fortgesetzt. Bei der Konferenz in München diskutierten Bischöfe und Laien über Frauen in der Kirche und die Sexualmoral.

"Bischöfe" unter sich bei der Regionalkonferenz in München: Pastoralreferent Konstantin Bischoff (links) und Weihbischof Wolfgang Bischof © Synodaler Weg

München – "Was suchst Du? Was fehlt Dir?", mit diesen Fragen an die Anwesenden beginnt Theologin Maria Boxberg ihren geistlichen Impuls zu Beginn der Regionalkonferenz in München. Eine passende Einleitung für diesen Tag im schmucken aber fensterlosen Saal des Maritim-Hotels am Hauptbahnhof. Denn in Zeiten der Corona-Pandemie suchen auch Laien und Kleriker nach den richtigen Schritten zur Fortsetzung ihres Synodalen Wegs, mit dem die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) nach dem Missbrauchsskandal verloren gegangenes Vertrauen zurückgewinnen wollen.

Eigentlich hätte nun im September die zweite Vollversammlung in Frankfurt stattfinden sollen. Um die Teilnehmerzahlen wegen Corona aber gering zu halten, entschied man sich jedoch für einen Zwischenschritt mit fünf gleichzeitig stattfindenden Regionalkonferenzen in Berlin, Dortmund, Frankfurt, Ludwigshafen und München.

Ernüchterung im Vorfeld

Doch nicht nur Corona brachte den Reformprozess aus dem Tritt, auch das Vatikanschreiben zu Pfarreien sorgte bei Laien und manchen Bischöfen für Ernüchterung statt Ermutigung. Die Instruktion der Kleruskongregation setzt nämlich nicht nur der Zusammenlegung von Pfarreien Grenzen. Sie hält auch fest, dass Laien zwar an der Gemeindeleitung mitwirken können, doch tatsächlich leiten, verwalten, moderieren und koordinieren dürfen nur Priester. Der Brief aus Rom steht damit für eine Haltung, die die Reformanliegen vieler Teilnehmer des Synodalen Wegs im Keim zu ersticken scheint.

Angesichts dieses „Gepäcks“ ist vielen der rund 50 Teilnehmern zu Beginn des Treffens eine gewisse Verunsicherung anzumerken – dazu kommt, dass sie ihre Gesichter größtenteils hinter einer Mund-Nasen-Maske verbergen müssen und auf Abstände im Sitzungssaal geachtet wird. Zunächst steht eine Aussprache über die Folgen der Corona-Krise für das kirchliche Leben auf dem Programm.

Die Bischöfe Rudolf Voderholzer und Kardinal Reinhard Marx sind sich in ihren Wortmeldungen einig, dass es noch zu früh sei, über das kirchliche Agieren während der Corona-Krise Bilanz zu ziehen. „Die, die vorher schon geschlafen haben, haben es weiter getan, die, die bereits engagiert gewesen sind, sind noch aktiver geworden“, so Kardinal Marx. Kritisch reflektiert der Erzbischof von München und Freising, dass in den Alten- und Pflegeheimen sowie Krankenhäusern keine Besuche von Angehörigen erlaubt gewesen seien. Dass menschliche Nähe nicht möglich gewesen sei, dürfe nicht noch mal passieren.

"Heiße Eisen"

Nach dem Mittagessen geht es dann um die „heißen Eisen“, es stehen Aussprachen zu den Themen Frauen und Sexualität auf dem Programm. Die dazu von den beiden zuständigen Arbeitsgruppen vorgelegten Papiere werden teils kontrovers diskutiert.

Die Verantwortlichen für das Frauen-Papier räumen mit Blick auf Kritik des Regensburger Oberhirten Voderholzer Versäumnisse ein. Voderholzer, selbst Mitglied der Arbeitsgruppe, hatte im Vorfeld in einem Offenen Brief beklagt, dass Textbestandteile publiziert worden seien, über die das Forum noch nicht beraten habe. Außerdem, so Voderholzer weiter, lasse der Text "jedes theologische Niveau vermissen". Diese Formulierung bezeichnet wiederum die Generaloberin der Oberzeller Franziskanerinnen, Katharina Ganz, bei ihrem Wortbeitrag an den Bischof gerichtet als „sehr verletzend“. Sie weißt zudem darauf hin, dass Frauen letztlich in der Kirche immer noch „in der zweiten Reihe“ stünden.

Der Münchner Diözesanratsvorsitzende Hans Tremmel stellt dem Plenum die Frage: „Wie lange können wir es uns noch erlauben, die Charismen der Frauen brach liegen zu lassen?“ Die Kirche mache sich unglaubwürdig und bedeutungslos, wenn sie die Kompetenzen der Frauen nicht besser einbinden würde.

Die Vorsitzende der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg im Bistum Augsburg, Viola Kohlberger, macht sich bei ihrer Wortmeldung dafür stark, dass Frauen in der katholischen Kirche die gleichen Rechte wie in der Gesellschaft haben sollten: "Davor braucht keiner Angst zu haben." Dadurch verliere niemand etwas.

Nach Ansicht von Weihbischof Wolfgang Bischof hapert es auch an der Wertschätzung für Frauen in der Kirche. Diese müsse „im Handeln“ auch zum Ausdruck gebracht werden. Bei der Frage, ob Frauen und männliche Laien im Gottesdienst predigen sollen, betont der Weihbischof: „Die Qualität einer Predigt hängt nicht vom Weihegrad ab.“ Positiv hebt der Frauenbeauftragte der Freisinger Bischofskonferenz gegenüber mk online die offene und ruhige Art der Diskussion auf der Tagung hervor.

Synodaler Weg

Mit dem auf zwei Jahre angelegten Synodalen Weg wollen die Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland beraten. Schwerpunktthemen sind die Sexualmoral, die priesterliche Lebensform, Macht und Gewaltenteilung sowie die Rolle von Frauen in der Kirche. Höchstes Gremium des Reformprozesses ist die Synodalversammlung mit mehr als 200 Frauen und Männern. Die in der katholischen Kirche einmalige Form des Dialogs zwischen Laien und Bischöfen dauert nach derzeitigem Planungsstand bis Februar 2022.

Ehrliches Zeugnis

Ruhig wird es, als Hendrik Johannemann sich zu Beginn der Diskussion über Sexualität offen als schwul bekennt und sagt, seine Homosexualität in Liebe zu seinem Partner auch zu leben. Trotzdem sei er ein Katholik und glaube, dass Gott ihm beistehe. Ein ehrliches Zeugnis, auf das nachdenkliches Schweigen folgt. Als es weitergeht, wird deutlich, dass viele Teilnehmer an dem Arbeitspapier zum Thema Sexualität und Partnerschaft die schwer verständliche Sprache kritisieren und dafür plädieren „klare Kante“ auch gegenüber der Öffentlichkeit zu zeigen.

Kardinal Marx gibt zu bedenken, dass das Thema Sexualität die Menschen einerseits elektrisiere, andererseits bestehe ein Problem, darüber zu sprechen. Hier habe man es mit einer Geschichte der großen Missverständnisse zu tun, so der Erzbischof, der an diesem Tag insgesamt seine eigenen Debattenbeiträge deutlich vehementer vertritt, als ihm das als Bischofskonferenz-Vorsitzender öffentlich möglich war. Er appelliert, den Gesprächsprozess zu nutzen, um in anspruchsvoller Weise über Sexualität zu sprechen. Es solle nicht der Eindruck entstehen, da seien die, die eine klare Anpassung an den Zeitgeist vollzögen, und dort jene, die sich einmauerten. Er hoffe auf keinen "verklemmten", sondern positiven Text, damit deutlich werde, "als Kirche haben wir dazu etwas zu sagen".

Bischof Rudolf Voderholzer, der in vielen Fragen des Tages einen Gegenpol zu Kardinal Marx bildet, gibt zu bedenken, dass er sehr gespannt sei, wie die biblische Grundlegung für die aufgestellten Thesen sein werden. Er plädiert für Ernsthaftigkeit in Bezug auf das biblische Zeugnis in Sachen Sexualmoral. In der Bibel sei nicht nur von Barmherzigkeit, sondern auch von Umkehr die Rede. Als Lektüre empfiehlt er dem Plenum die "Theologie des Leibes" von Johannes Paul II. Aus dessen Theologie sei noch viel zu holen für eine "heilsame Botschaft".

Svenja Stumpf vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend plädiert dagegen für eine Weiterentwicklung der katholischen Morallehre. Dann müsse sich die Kirche in 100 Jahren nicht wieder entschuldigen so wie zuletzt gegenüber Homosexuellen. Der Münchner Pastoralreferent Konstantin Bischoff kritisiert, dass von der Kirche bei ihren Mitarbeitern nichts so stark kontrolliert werde "wie das Schlafzimmer". Der Dominikaner Simon Hacker wirft der Kirche vor, mit ihrer Lehre in Bezug auf Homosexualität und Frauen Menschen den Weg zum Evangelium zu versperren. "Ist es das wert?", so seine Frage.

Nicht nur diese Frage bleibt am Ende der anspruchsvollen Debatte offen. Doch sie weist, wie viele andere, den Weg zur nächsten Synodalversammlung im Februar 2021. Dort kann im großen Plenum dann auch wieder über einzelne Punkte abgestimmt werden. (Klaus Schlaug/kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Synodaler Weg

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