Starke Persönlichkeiten im Erzbistums-Podcast Katholische Frauenrechtlerinnen aus München

29.06.2021

Die neue Folge des Podcasts „12 Momente aus 200 Jahren“ über die Geschichte des Erzbistums München und Freising erinnert an zwei Frauen, auf die die katholische Kirche stolz sein kann: Theresia Gerhardinger und Ellen Ammann.

Grabstein der katholischen Landtagsabgeordneten und Sozialreformerin Ellen Ammann auf dem Alten Südfriedhof in München.
Grabstein der katholischen Landtagsabgeordneten und Sozialreformerin Ellen Ammann auf dem Alten Südfriedhof in München. © SMB/Bierl

Freising/München – Auf der Korbiniansbrücke in Freising stehen sieben Heiligenfiguren. Darunter sind zwei Frauen: Maria als Patrona Bavariae und Theresia Gerhardinger. Sie ist die historisch jüngste Heilige, die dort steht. Dargestellt ist sie im Ordensgewand und mit zwei Kindern an ihrer Seite. Wer es so weit gebracht hat, neben der Muttergottes und illustren Kirchenmännern wie Korbinian, Otto von Freising oder Bonifatius zu stehen, muss schon etwas ganz besonders geleistet haben.

Werk der Seligen ist quicklebendig

Annemarie Bernhard gehört den Armen Schulschwestern an. Die ehemalige Religions- und Musiklehrerin steht am Grab ihrer Ordensgründerin in der Münchner Jakobskirche, die auch Klosterkirche für die Ordensfrauen ist, die gleich nebenan ein Schul- und Bildungszentrum leiten, vom Kindergarten bis zum Studentinnenwohnheim. 1200 junge Menschen, vor allem Mädchen und Frauen gehen hier täglich ein und aus. Das Werk der Seligen ist also quicklebendig: „Um das zu erreichen, hat Theresia  in ihrem Leben aber viele Rückschläge hinnehmen müssen. “, Schwester Annemarie zeigt auf den Spruch, der auf der  Grabplatte steht: "Alle Werke Gottes gehen langsam und leidvoll vor sich, dann aber stehen sie desto fester und blühen desto herrlicher." Der Weg der 1797 geborenen und 1879 verstorbenen Ordensfrau war beschwerlich. Die gebürtige Oberpfälzerin erkannte die sozialen Nöte von Mädchen und Frauen im 19. Jahrhundert mit aller Schärfe. Oft abgelehnt von der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit kämpfte sie gegen Autoritäten, um überhaupt helfen zu dürfen.

Ordensfrau für Bildungsgerechtigkeit

In der besonders armen Münchner Vorstadt Au sammelte sie die verwahrlosten Kinder zusammen, verschaffte ihnen täglich ein warmes Mittagessen und verbesserte die kümmerlichen Schulkenntnisse besonders der Mädchen: „Die Frauen waren nur auf ihre Rolle in der Familie festgelegt und hatten in den ländlichen und ärmeren Bevölkerungsschichten keine Bildungschancen“, erklärt die Gerhardinger-Expertin Schwester Annemarie, in der neuen Folge des Podcasts 12 Momente aus 200 Jahren. „Und man weiß ja aus den heutigen, armen Ländern der Welt, wie die Bildung der Frauen, die Lebenschancen der Kinder und die gesellschaftliche Entwicklung voranbringt.“ Um das zu fördern, plante Theresia Gerhardinger schon früh einen international tätigen Schulorden, geleitet von einer Ordensfrau.

Ärger mit dem Bischof

Dafür legte sie sich sogar mit dem Münchner Erzbischof und späteren Kardinal Karl August von Reisach an, der das Werk unbedingt unter bischöflicher Kontrolle halten wollte. Die Gründerin der Armen Schulschwestern setzte sich durch und bis heute ist die Gemeinschaft in 30 Ländern tätig. In die USA höchstpersönlich auf einem Segelschiff gereist, um sich dort um Kinder bayerischer Auswanderer zu kümmern. Gegen alle Widerstände setzte sie auch ihre pädagogischen Vorstellungen um: Dazu gehörte sogar der Turnunterricht für Mädchen, in einer Zeit, als Frauen in enge Korsette gezwungen wurden, und Berufsperspektiven für das weibliche Geschlecht. „Dadurch hat sie auch gesellschaftspolitisch stark gewirkt“, betont Schwester Annemarie.

Katholische Schwedin in München

Nur wenige Jahrzehnte später fand die Ordensfrau aus der Oberpfalz in München eine kämpferische Nachfolgerin, die aus Schweden kam: Ellen Ammann (1870 bis 1932), die in ihrer Heimat heimlich zum Katholizismus konvertiert war, damit sie nicht vom Abitur ausgeschlossen wurde. Der junge deutsche Orthopäde Ottmar Ammann lernte sie in Stockholm kennen und sie folgte ihm in die bayerische Residenzstadt. Sechs Kinder hat sie geboren, die Katholischen Deutschen Frauenbund KDFB und die Bahnhofsmission mitgegründet, um zuwandernde Mädchen vom Land nicht in die Hände von Zuhältern und Betrügern fallen zu lassen. Für deren Würde und Rechte als Kellnerin, Mörtelträgerin oder Dienstbotin machte sie sich später sogar als eine der ersten weiblichen Landtagsabgeordneten in Bayern stark. Wenn Elfriede Schießleder, die Ellen-Ammann-Beauftragte des KDFB, durch München spaziert, stößt sie überall noch auf das Wirken und Spuren der katholischen Frauenrechtlerin, nicht zuletzt in am heutigen Sitz des Verbandes in der Schraudolphstraße,  wo sie eine sozial-caritative Frauenschule gegründet hatte.

Diakonin mit Kardinalssegen

Ellen Ammanns Grab auf dem Alten Südfriedhof in München liegt nur wenige hundert Meter von dem der seligen Theresia Gerhardinger entfernt und ist sorgfältig und liebevoll mit Blumen bepflanzt. „Die Pflege leistet die Vereinigung der Diakoninnen Christi, die Ellen Amman geründet hat“, erläutert Elfriede Schießleder. Der damalige Münchner Erzbischof Kardinal Michaels Faulhaber, billigte diesen Namen ganz offiziell und nahm in seiner Hauskapelle eine Art Weihe an der Gründerin und ihren ersten Mitstreiterinnen vor. Natürlich weisen der KDFB und seine Ellen-Ammann-Beauftragte immer wieder darauf hin, wenn es um das Diakonat der Frau geht. Sie finden auch, dass die Münchnerin aus Schweden eine ernsthafte Kandidatin für eine Seligsprechung wäre. Tatsächlich sind seit dem Herbst 2020 die ersten Schritte dafür im Erzbistum München und Freising getan und Elfriede Schießleder soll als Beauftragte des Verbandes dafür sorgen, dass der Weg weitergeht: „Wir haben keine einzige Heilige, die im Stand der Ehe heiliggesprochen worden ist, entweder sie sind verwitwet oder ins Kloster gegangen.“  Ellen Ammanns tiefe Gläubigkeit und ihr spirituell durchwirktes Leben für soziale Gerechtigkeit sprächen sowieso für sich. Elfriede Schießleder hofft also, dass in einigen Jahren auch eine Heiligenfigur von Ellen Amman auf der Freisinger Korbiniansbrücke steht und neben Theresia Gerhardinger daran erinnert, wie katholische Frauenrechtlerinnen mit und ohne Ordenskleid gegen Diskriminierung und für Emanzipation gekämpft haben.

Podcast-Tipp

12 Momente aus 200 Jahren Dieser Podcast erzählt 2021 monatlich von Menschen, Orten und Dingen aus der Geschichte des Erzbistums München und Freising, das 1821 errichtet wurde. Damit kamen Veränderungen, die noch heute nachwirken.Im Münchner Dom erinnert heute noch eine Marmortafel mit goldenem Schriftzug an die Neuordnung der bayerischen Bistümer. 1821 wurde sie vollzogen. Nirgendwo führte sie zu so umwälzenden Veränderungen wie in Oberbayern, die heute noch fortwirken. Ein Podcast über Zollschranken gleich hinter der Münchner Stadtgrenze, der Suche nach einer neuen Kathedrale, starke Katholikinnen und Bauboom in den 1950er Jahren. > zur Sendung

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

Heiligenfigur mit Bischofsstab, Messern und Kelch mit Jesuskind
© Burghardt

Der Heilige mit Messer und Jesuskind

Im Sommerrätsel der Münchner Kirchenzeitung geht es heuer um Heilige und Selige mit Bezug zum Erzbistum München und Freising. In der ersten Folge wird einen Einsiedler aus dem achten Jahrhundert...

02.07.2021

Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern in München
© IMAGO / Michael Westermann

Barmherzige Schwestern planen Stiftung für ihre Einrichtungen

Von Krankenpflege bis Mineralwasser - den Barmherzigen Schwestern gehören verschiedene Einrichtungen in Bayern. Um Verantwortung für die zahlreichen weltlichen Mitarbeiter zu übernehmen, sollen diese...

01.07.2021

Mädchen mit buntem Regenschirm
© Heiner Heine

Ökumenischer Appell zu Solidarität

Corona trifft viele Frauen auf der ganzen Welt besonders hart. Deshalb soll gerade heuer am 5. März der Weltgebetstag der Frauen ganz bewusst begangen werden. An vielen Veranstaltungen kann auch...

23.02.2021

Annemarie Auer, Elisabeth Stanggassinger, Anna Eichlinger vor dem Thesenpapier der Kirche Sankt Rupert in München.
© SMB/Sichla

Wie einst Luther: Frauen schlagen Thesen an die Kirchentür

Zugang für alle Menschen zu Weiheämtern, Bekämpfung von sexualisierter Gewalt oder auch die Aufhebung des Pflichtzölibats: Diese und weitere Forderungen hängen nun gut sichtbar am Eingang der Kirche...

21.02.2021

Ellen Ammann mit Papagei auf der Schulter
© KDFB

Ellen Ammann - Diakonin der katholischen Kirche

Dass es Diakoninnen in der katholischen Kirche gab, ist historisch gesichert. Nicht nur für das erste Jahrtausend. Eine von ihnen wäre heuer 150 Jahre alt geworden: Ellen Ammann. Und sie hat...

29.06.2020

Insgesamt 24 Schülerinnen der 8a der Erzbischöflichen Theresia-Gerhardinger-Mädchenrealschule haben an dem Roman mitgeschrieben.
© Braun

Erzbischöfliche Mädchenrealschule Schülerinnen schreiben eigenen Roman

Realschülerinnen aus München haben einen fiktiven Roman zur seligen Theresia Gerhardinger verfasst. Um was es in der Geschichte geht, lesen Sie hier.

27.02.2019

Schwester Carmen Tatschmurat Frauenrechtlerin und Äbtissin

Erst mit Mitte vierzig ist Schwester Carmen Tatschmurat ins Kloster eingetreten. Vorher war sie ganz anders unterwegs....

16.07.2018

Ellen Ammann (1870-1932)
© KDFB Bayern

Ellen Ammann Gesicht der katholischen Frauenbewegung

Sie war eine Schwedin in Oberbayern, und was für eine: Katholikin, sechsfache Mutter, Sozialreformerin, Landtagsabgeordnete. 85 Jahre nach ihrem Tod gibt es endlich eine wissenschaftliche Biografie...

21.11.2017

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren