Trotz Jury-Favorit Katholischer Kinder- und Jugendbuchpreis heuer nicht vergeben

08.06.2021

"Papierklavier" galt als Favorit für den Literaturpreis der Deutschen Bischofskonferenz. Ist eine transsexuelle Figur im Buch der Grund für die Nichtverleihung? Literatur-Expertin Claudia Pecher erklärt, worum es in dem Buch geht.

Mädchen mit Buch
"Papierklavier" war der klare Favorit der Jury für den Katholischen Jugend- und Kinderbuchpreis. © Sergey Nivens - stock.adobe.com

mk-online: Der Katholische Kinder- und Jugendbuchpreis gehört zu den bedeutendsten Jugendliteraturpreisen des Landes. Dieses Jahr wurde er nicht vergeben und das, obwohl die Jury eigentlich einen klaren Favoriten gehabt hätte. Frau Pecher, wie kam es dazu, dass „Papierklavier“ den Preis nicht wie ursprünglich gedacht erhalten hat?

Claudia Pecher: Der Roman der Autorin Elisabeth Steinkellner war zwar der Favorit der 10-köpfigen Jury, wurde vom ständigen Rat der Bischofskonferenz aber so nicht angenommen. Er kam nicht einmal auf die Empfehlungsliste und insofern gab es keinen Preis für 2021.

Warum?

Claudia Pecher: Es gab keine ausreichende Begründung. Es hieß lediglich, dass das Buch nicht den Statuten des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises entspräche.

Ist das ein ungewöhnlicher Vorgang?

Claudia Pecher: Ja. Man würde zumindest mit einer Begründung rechnen, wenn ein Buch nicht prämiert wird, obwohl die ganze Jury dafür war. Das ist sehr ungewöhnlich. Auch bei Autoren und Verlagen hat das für große Unruhe gesorgt: 222 Autoren, darunter auch Schriftsteller wie Kirsten Boie und Paul Maar, haben sich in einem offenen Brief dafür starkgemacht, die Entscheidung noch einmal zu überdenken. Auch der Arbeitskreis für Jugendliteratur und die Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen haben sich öffentlich dazu geäußert. Es ist einfach nicht üblich, so zu verfahren.

Als inoffizieller Grund für die Nichtverleihung des Preises gilt, dass in dem Buch unter anderem Transsexualität thematisiert wird.

Claudia Pecher: Es gibt eine Figur, die einen Mädchennamen trägt, aber eigentlich als Junge geboren ist. Also ja, es geht auch um Transsexualität. Das ist aber einfach eines von vielen Themen, um die es in der heutigen Zeit auch gesellschaftlich geht. Identitätsfindung interessiert insbesondere jugendliche Leserinnen und Leser und gehört damit zum Themenspektrum eines authentischen Jugendromans.
Man muss dazu sagen, dass die Vermutungen hinsichtlich des von Ihnen genannten „inoffiziellen“ Grundes von der Pressestelle der DBK inzwischen ausgeschlossen wurden.

Es wurde vor allem viel über die Geschehnisse rund um den nicht verliehenen Preis gesprochen, aber weniger über das Buch an sich: Worum geht es denn in „Papierklavier“?

Claudia Pecher: Es geht um ein 16-jähriges Mädchen namens Maia, die mit ihrer alleinerziehenden Mutter und zwei Schwestern lebt und zwischen Schule, Teilzeitjob und ihrer Verantwortung für ihre Geschwister pendelt. Sie muss arbeiten gehen, um ihrer Familie, die aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommt, auf die Beine zu helfen. Außerdem beschäftigen Maia natürlich die klassischen Themen der Jugend: die erste Verliebtheit, ihre Freundinnen. Aber auch die Probleme, mit denen Jugendliche und speziell Mädchen zu kämpfen haben: Sie hat Kleidergröße 42 und fühlt sich nicht der Norm entsprechend. Gerade diese Fragen der Körperlichkeit, der Sexualität und der Identitätsfindung spielen in dem Buch eine große Rolle.

Den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis hat „Papierklavier“ zwar nicht gewonnen, dafür wurde es von der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur als Buch des Monats ausgezeichnet und mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2021 prämiert. Was macht das Buch denn so gut?

Claudia Pecher: Ganz besonders ist darin das Zusammenspiel von Text, Illustrationen und Schriftspiel. „Papierklavier“ ist in einer Art fiktiven Tagebuchform geschrieben, die von der klassischen Romanform abweicht. Erzählt wird aus der Ich-Perspektive, die Erlebnisse werden lose aneinandergereiht - keine Überschriften, keine Seitenzahlen, als würde man ein Tagebuch lesen – mit Illustrationen der Berliner Künstlerin Anna Gusella, die Emotionen und Gefühlen freien Lauf lassen. Neben der speziellen Form prägt das Buch auch die starke weibliche Hauptfigur: Maia muss einiges auf sich nehmen, um für die Geschwister da zu sein und ihren Beitrag zur Familie zu leisten. Es geht um Zusammenhalt und Freundschaft und die Freude am kleinen „Alltagsglück“– wichtige Erfahrungen, die man in der Jugend macht.


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