Kirche und Digitalisierung Kein Ersatz, aber...

19.05.2020

Domkapitular Thomas Schlichting erklärt, wieso digitale Gottesdienste uns erhalten bleiben werden, aber auch wieso sie kein Ersatz für den realen Besuch einer Messe sind.

Frau sitzt auf Couch und schaut auf das Smartphone. Kerzen sind angezündet.
Livestream-Gottesdienste waren für viele Menschen in den letzten Wochen die einzige Form, wie sie live an Eucharistiefeiern teilnehmen konnten. © Antonioguillem - stock.adobe.com

München – Die Corona-Krise hat für viele Menschen eine neue Gottesdiensterfahrung mit sich gebracht: den digitalen Gottesdienstbesuch. Über Live-Stream den Gottesdienst im Münchener Dom oder auch der eigenen Pfarrkirche zu verfolgen, war für viele Menschen in den Wochen weitgehender Kontaktbeschränkungen die einzige Form, wie sie live an Eucharistiefeiern teilnehmen konnten. Die hohe Quote derer, die diese Gottesdienste an ihren Endgeräten verfolgt haben, zeigt zum einen, wie wichtig den Menschen der Gottesdienst, insbesondere die Eucharistiefeier, ist. Zum andern können wir froh sein, dass es solche digitalen Angebote gibt. Ohne sie, also in „vordigitaler Zeit“ wären wir auf ganz wenige Radio- und Fernsehgottesdienste beschränkt gewesen.

Ich denke auch, dass über die Krisenzeiten hinaus die über das Internet gestreamten Gottesdienste zu den vielfach genutzten Angeboten gehören werden. Gleichwohl ersetzen kann ein „digitaler Gottesdienst“ die gemeinsame Feier in einer Kirche nicht.

Das Wort Gottes wirkt auch über Medien

Aus theologischen Gründen ist die gemeinsame Feier wesentlich für die Kirche. Jesus kam nach seiner Auferstehung im Wochenrhythmus jeweils am ersten Tag der Woche zu den Jüngern, hat mit ihnen gegessen und getrunken. Daraus ist die sonntägliche Eucharistiefeier gewachsen, die es seit diesen Sonntagen nach der Auferstehung Jesu ununterbrochen und durch alle Krisen, Kriege und Glaubensspaltungen in der Geschichte gibt. Jesus hat mit den Aposteln gegessen und getrunken, und deshalb bestimmt dieses leibhaftige Element der Feier des Sakraments das Leben der Kirche.

Schon bald nach der Erfindung der Massenkommunikationsmittel wurden sie von der Kirche genutzt, um Gottesdienste über Rundfunk und später Fernsehen zu übertragen. Das Wort Gottes und dessen Auslegung wirken auch über diese Medien, der Segen „gilt“ auch über Funk und Fernsehen. Aber die Gottesdienstgemeinde wird durch die Übertragungen nicht ersetzt, sondern allenfalls geweitet. Das gilt auch für die neuen Medien. Sie tragen dazu bei, den Kreis der Menschen zu vergrößern, die mit dem Geschehen an Ambo und Altar verbunden sind. Aber gemeinsames Beten und Singen und vor allem die Teilnahme an der Eucharistie mit Kommunionempfang sind durch nichts zu ersetzen.

Mit allen Sinnen erfahren

Weil wir Menschen mit Leib, Geist und Seele sind, werden wir auch in Zukunft Formen der Gemeinschaft und des unmittelbaren Erlebens brauchen, in denen alle Sinne unmittelbar angesprochen und gefordert werden. Bild und Ton eines mobilen Endgerätes ersetzen nicht die Menschen, die wir im Gottesdienst um uns spüren können, den unmittelbaren Klang eines musikerfüllten Raumes, die Helle des Sonnenlichts, die wir am Sonntagmorgen in einem barocken Kirchenraum in uns aufsaugen können und den Weihrauchduft, den wir einatmen, und der die Feier der Messe zu einem ganzheitlichen Erleben werden lässt.

Gerade, weil wir jetzt so stark eingeschränkt sind, wenn es darum geht, Begegnung mit allen Sinnen zu erfahren, werden wir vielleicht in der so sehr herbeigesehnten „Zeit nach Corona“ zu schätzen wissen, wie sehr wir die Gottesdiensterfahrung mit allen Sinnen brauchen.

Ich kann daher die jetzt manchmal geäußerte Befürchtung nicht teilen, die Menschen würden sich an die digitalen Gottesdienste gewöhnen und nicht mehr in die Kirchen kommen.

Digitale Gottesdienste sind weder eine Bedrohung für den physischen Gottesdienst noch ein Ersatz. Beides wird es geben, und ich sehne die Zeit herbei, in denen die Menschen wieder die Wahl haben, was für sie das im Augenblick Beste ist. (Monsignore Thomas Schlichting, Ordinariatsdirektor für Seelsorge und kirchliches Leben)

Eine genaue Übersicht der Livestream Angebote im Erzbistum München und Freising finden sie hier. Die Gottesdienste aus dem Münchner Liebfrauendom um 17.30 Uhr werden zusätzlich im Münchner Kirchenradio übertragen.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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