Kirchenmusik und Corona "Kein leichter Spagat"

24.11.2020

Neben Kulturbetrieben wie Theatern und Kinos leidet auch die Kirchenmusik massiv unter der Corona-Pandemie. Diözesanmusikdirektor Stephan Zippe und Studentin Elisabeth Freiberger erzählen von der derzeit schwierigen Lage.

Konzert in Theatiner-Kirche
Veranstaltungen wie die "Lange Nacht der Musik" können aktuell nicht stattfinden. © Kiderle

München - Aufgrund des Veranstaltungsverbots, das Bundesregierung und Länder Anfang November erneut beschlossen haben, dürfen aktuell keine Konzerte stattfinden und auch Proben von Laienchören im Erzbistum München und Freising sind derzeit nicht möglich. Zwar werden Gottesdienste – im Gegensatz zum ersten Lockdown im Frühjahr – gefeiert, aber musikalisch sei in den Liturgiefeiern wenig möglich, „weil die Probenmöglichkeit fehlt“, berichtet Diözesanmusikdirektor Stephan Zippe. Zudem sei es angesichts des Infektionsgeschehens auch nicht angebracht, dort „die größten Dinge“ auf die Beine zu stellen.

"Brandbeschleuniger"

Welche Auswirkungen diese Situation auf die vielen Laienchöre hat, ist momentan noch gar nicht richtig abzusehen, doch negative Folgen sind zu befürchten. Zippe spricht in diesem Zusammenhang von der Corona-Krise als „Brandbeschleuniger“. „Sänger, die in einem fortgeschrittenen Alter sind und über ein Aufhören mal nachgedacht haben“, könnten Corona zum Anlass nehmen, sich nun wirklich zu verabschieden, so der Diözesanmusikdirektor. „Laienchöre sind eben nicht nur eine Leistungsgemeinschaft, sondern auch eine Glaubens- und Interessengemeinschaft.“ Nicht jeder Sänger gehe nur wegen der Musik in den Chor, sondern auch wegen der gesellschaftlichen Kontakte. Die soziale Komponente sei dabei nicht zu unterschätzen, betont Zippe. Eine Komponente, die momentan aber komplett wegfällt und für viele auch durch Online-Proben vor dem Computer nicht ersetzt werden kann.

Andererseits eröffnet die Pandemie natürlich auch Chancen für die Chöre. Das eine oder andere Ensemble könnte sich „entschlacken“, vermutet Zippe, und neue Probenformen gefunden werden. Etwa das Üben in Kleingruppen, „das den einzelnen Sänger sehr viel mehr fordert und dann natürlich auch bessere Ergebnisse zu Tage bringt.“

Das Problem: gemeinsames Musizieren

Die Auswirkungen der Corona-Krise spürt Zippe auch bei den jungen Frauen und Männern, die die Chöre in Zukunft anleiten sollen – bei seinen Kirchenmusik-Studenten an der Hochschule für Musik und Theater München. Zwar sei der Kontakt während des zwischenzeitlich ins Digitale verlegten Unterrichts nicht abgerissen und die jungen Leute grundsätzlich sehr aufgeschlossen gegenüber Online-Kursen – dennoch habe sich schnell gezeigt, dass diese Form des Studiums seine Grenzen habe. „Die sind immer da, wo das gemeinsame Musizieren beginnt“, erläutert Zippe.

Prüfungen zum Thema Chorleitung mussten so bereits mehrfach verschoben werden, berichtet Kirchenmusik-Studentin Elisabeth Freiberger. Sie hofft trotz Corona im nächsten Sommer ihren Master-Abschluss an der Hochschule machen zu können. Das Hereinbrechen der Pandemie über ihren beruflichen Werdegang sei anfangs ein großer Schock gewesen. „Von null auf hundert hat sich alles verändert, das Studium lag auf Eis, damit musste man erstmal klarkommen“, sagt die 28-Jährige.

Persönlicher Austausch fehlt "unglaublich"

Neben dem Studium in München ist Freiberger bereits als Kirchenmusikerin in Teilzeit im Pfarrverband Prutting-Vogtareuth im Dekanat Rosenheim tätig. Dort leitet sie den Kirchenchor und weitere, kleinere Ensembles. „Was unglaublich fehlt, ist die regelmäßige Chorarbeit mit Gottesdiensten und Konzerten, auf die man hinarbeitet.“ Natürlich habe man vor Ort versucht, dieses weggebrochene Gemeinschaftserlebnis durch Online-Formate zu ersetzen, beispielsweise mit Zoom-Chorproben. Diese seien aber nur ein mangelhafter, zeitweiser Ersatz für den fehlenden persönlichen Austausch.

Wenn aber die Kirchenmusik aktuell ihrem „gesamtgesellschaftlichen Auftrag“ (O-Ton Zippe) kaum nachkommen kann, sind dann nicht auch Sparmaßnahmen angesichts sinkender Kirchensteuern auf ihre Kosten zu befürchten? Die beiden Musiker teilen diese düsteren Aussichten nicht. Die Kirchenmusik mache ihren „Schatz“ in den Gottesdiensten allen Menschen kostenlos zugänglich, so Elisabeth Freiberger. „Hier zu sparen, wäre für mich falsch. Ich erlebe es oft, dass Menschen ihren Weg zum Glauben und zur Kirche über die Musik finden.“

Authentische Ausstrahlung erwünscht

Deshalb glaube sie auch, dass es den Beruf noch lange geben wird. Der drastische Wegfall musikalischer Ausdrucksmöglichkeiten habe die Kreativität Einzelner gefördert und zukunftsfähige Projekte entstehen lassen. Freiberger versucht auch jenseits von Corona, Elemente aus der Popmusik in ihre Arbeit miteinzubeziehen. Bei Firmungen griff sie etwa auf das Lied „Count On Me“ von R&B-Sänger Bruno Mars zurück. „Ein wunderbares Lied über Freundschaft, in welchem sich die Jugendlichen wiederfinden konnten“, erklärt Freiberger. Als Kirchenmusikerin müsse sie offen sein für die Bedürfnisse junger Menschen, zudem eine positive und authentische Ausstrahlung haben, und dürfe gleichzeitig die Tradition der vergangenen Jahrhunderte nicht vergessen – „kein leichter Spagat“, wie sie einräumt.

Zeit fürs persönliche Üben

Auch Stephan Zippe ist zuversichtlich, was die Bedeutung der Kirchenmusik für die Zukunft angeht. Diese sei auch außerhalb der Liturgie wichtig und werde als pastoraler Auftrag gesehen. Der Kirchenmusiker sei ein Teil des erweiterten Seelsorge-Teams. Insofern sei eine Krise, „die eigentlich mehr Seelsorge – aber dann vielleicht in anderer Form – erfordert“, nicht berufsgefährdend. Die Kirchenmusiker im Erzbistum seien sehr innovativ, wenn es darum gehe, neue Angebote zu konzipieren. Außerdem biete die momentane Situation die Chance, Dinge zu erledigen, die im normalen Alltag immer zu kurz kämen, „nämlich das persönliche Orgelüben und so Dinge wie Notensortieren und Archivarbeit“, berichtet Zippe mit einem Augenzwinkern.

Der Autor
Klaus Schlaug
Online-Redaktion
k.schlaug@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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