Messe unter bestimmten Auflagen Kein Livestream kann einen Gottesdienst-Besuch ersetzen

07.05.2020

Seit dieser Woche können wieder öffentliche Gottesdienste stattfinden. Auch in München-Haidhausen wurde mit neuen Regeln gefeiert. Susanne Hornberger, Chefredakteurin der Münchner Kirchenzeitung, hat den ersten Gottesdienst in ihrem Pfarrverband besucht.

Blick in den Kirchenraum, einige Bänke sind mit rot-weißen Bändern abgesperrt
Um die Abstandsregeln einzuhalten, sind einige Bänke mit Bändern abgesperrt. © Kiderle

München – Als ich 20 Minuten vor Gottesdienst-Beginn die Stufen zu St. Johann Baptist erklimme, erwartet mich bereits Peter Slabon, Sekretariatsleiter im Pfarrverband Haidhausen. Er weist mich in meine Aufgabe ein, denn ich möchte diesen ersten Gottesdienst in meinem Pfarrverband nach dem Lockdown nicht nur als Gläubige besuchen, sondern mithelfen, das neue Schutzkonzept umzusetzen. Bei jeder Messe müssen nun bestimmte Auflagen erfüllt werden: Abstandsregeln, Mund-Nasen-Schutz, Desinfektionsmittel, Anmeldungen. Letztere soll ich kontrollieren und natürlich auch, ob der entsprechende Gesichtsschutz getragen wird. 

Während ich die Frauen und Männer begrüße, die Namen abhake, bittet eine weitere Helferin die Gottesdienstbesucher, ihre Hände am bereitstehenden Spender zu desinfizieren. Slabon begleitet die Gläubigen zu den Bänken und zeigt ihnen ihren Platz. 

Wie ein Türsteher in einer angesagten Bar

Alle fügen sich, die meisten tragen ihren Mund-Nasenschutz bereits beim Betreten des Vorraums, die anderen ziehen ihn sofort an, desinfizieren ihre Hände, lassen sich zum Platz begleiten. Einige schauen mitunter etwas verdutzt, als ich sie um ihren Namen bitte. Auch ich komme mir komisch vor, nämlich fast wie ein Türsteher in einer angesagten Bar. Nur, dass ich auch Gläubige, die nicht angemeldet sind, hereinlassen darf. Ich notiere den Namen, für den Fall, dass sich doch jemand später Coronoinfiziert melden sollte. Die Prozedur verläuft harmonischer als ich dachte. Aber man merkt, wir sind an die Regeln schon einige Zeit gewohnt. Nur eine Dame möchte ins Weihwasser-Becken fassen, um sich zu bekreuzigen. Aber das ist ja leer. „Klar“, murmelt sie und desinfiziert ihre Hände. Es sind Gewohnheiten, die einfach in uns drin sind.

Regeln bei der Kommunion

Neue Gewohnheiten. Denn eigentlich ist vieles nicht mehr so, wie es noch vor gut zwei Monaten war. Als Pfarradministrator Pater Alfons Friedrich den Gottesdienst beginnt, nehme ich schließlich auch Platz, Peter Slabon hält am Eingang die Stellung. 

Auch wenn wir wissen, dass wir vom Normalzustand noch weit entfernt sind, meint Pater Friedrich in der Begrüßung, ist es „umso schöner, dass wir miteinander Eucharistie feiern dürfen“. Er erklärt die Regeln bei der Kommunion und fügt hinzu: „Wir müssen uns arrangieren, mit den Beschränkungen leben.“ Das bedeute jedoch nicht, den Glauben und Jesus nicht feiern zu können.

Trost und Halt

Ich schaue mich um. Jeweils drei Bänke sind mit Hilfe eines rot-weißes Bandes gesperrt, damit die Abstandsregeln eingehalten werden. In jeder vierten Bank sitzen lediglich zwei Personen, ganz links und ganz rechts. „Das sieht aus wie auf einer Baustelle oder an einem Tatort in einem Krimi“, geht mir durch den Kopf.

Und trotzdem: Für mich fühlt es sich so an, als sei ich erst gestern hier im Gottesdienst gesessen. Das mag an den unzähligen Messen liegen, die ich in den vergangenen Wochen im Internet verfolgt habe. Doch dann beginnt die Orgel durch St. Johann Baptist zu klingen, nein zu donnern. Mir, der Klavierspielerin, geht das durch Mark und Bein. Musik ist immer Trost, gibt immer Halt, egal, in welcher Situation man sich befindet. Doch jetzt, nach dieser wochenlangen Abstinenz, merke ich, wie wohltuend es ist - und mir wird sonnenklar: Nichts geht über „live“, über „hautnah“, über wirklich dabei sein. Da kommt kein im Internet gestreamter Gottesdienst nur annähernd ran. Das kann immer nur die Notlösung sein.

Zeit der Umkehr

Und die Predigt, wenn dir der Pfarrer in die Augen schaut, wenn du den Hall der Kirche wahrnimmst, der auf eine ganz gewisse Weise so wohltuend sein kann. Und mir wird mit einem Schlag bewusst, wie sehr mir das bei aller digitalen Technik gefehlt hat. Die Worte von Pfarrer Friedrich erreichen mich viel mehr, als wenn ich ihn über Radio oder Videostream hören und sehen würde. In seiner Predigt geht Pater Friedrich auf einen Satz des Heiligen Augustinus ein: „Du hast uns zu Dir hin erschaffen, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht, o Gott, in Dir.“ Unruhig beschreibe unsere Stimmung durch Corona, „unruhig sind wir, weil wir nicht wissen, was passiert, unruhig, weil wir auf etwas verzichten müssen, unruhig, wenn wir getrennt sind von lieben Menschen“, führt der Salesianer aus. Es sei nun eine Zeit der Umkehr, die uns Hoffnung schenke. „Und wir haben diese Hoffnung, denn unser Herz ruht in Gott.“ 

Das Münchner Kirchenradio überträgt von Montag bis Freitag um 09.00 Uhr die Frühmesse mit Pater Alfons Friedrich aus St. Wolfgang in München-Haidhausen. Zu hören im Webradio oder über DAB+.

Mit Christus ganz eins

Ja, genau, Hoffnung! Mir kommen Bilder aus der ZDF-Reihe „Deutschland von oben - 1945“, die ich am Abend zuvor gesehen habe. In einer völlig zerstörten Stadt feiern Gläubige auf und in den Trümmern ihrer Kirche eine Messe. Ein bewegendes Bild, voller Verzweiflung, aber auch Hoffnung. Natürlich ist diese Situation nicht vergleichbar, aber um Hoffnung, nach vorne schauen, mit der Situation leben geht es auch heute.

Etwas seltsam ist es, als Pater Friedrich ganz allein die Kommunion vorbereitet. Bevor er sie austeilt, desinfiziert er seine Hände, zieht Handschuhe an. Das zuvor erklärte Prozedere verstehen anfangs noch nicht alle. Zuerst kommen diejenigen nacheinander nach vorne, die auf der rechten Bankreihe ganz links sitzen. Manch einer, der rechts sitzt, erhebt sich schon, wird jedoch auf den Platz zurück gebeten. Als ich dran bin, erlebe ich, diese neue Art und Weise des Kommunionempfangs als viel, viel schöner. Da ich ganz allein mit dem Pfarrer und dem Leib Christi bin, empfinde ich diesen Moment viel intensiver als sonst, wenn mehrere Menschen um uns herum sind. Ich bin mit Christus ganz eins. Ein erhebender Moment, den ich hinterher nicht mehr missen möchte.

Gewöhnungsbedürftig, aber lebhafter

Dann ist diese erste, außergewöhnliche Messe auch schon vorbei. Längstens eine Stunde, lautet die Auflage. Pater Friedrich entlässt uns mit den Worten: „Lasst uns jetzt erkennen, was wirklich wichtig ist und zählt“. So einfach wie wahr, so einfach wie schwer.

Ich gehe mit völlig neuen Empfindungen und Eindrücken aus diesem ersten Gottesdienst nach dem Lockdown. Auch Hildegard Negele nennt diese Messe „ganz schön, allerdings total verändert, aber das ist wohl die einzige Möglichkeit, dass wir feiern können“. Karl Martin Nagel pflichtet bei, dass das natürlich viel „lebhafter sei als Übertragungen im Radio oder Fernsehen oder Internet, man ist wirklich dabei, visuell. Auch, wenn das alles mit den Abstandsregeln ungewohnt ist.“ Da pflichtet ihm Pater Friedrich bei: „Das ist natürlich gewöhnungsbedürftig, aber wenn wir uns an den Regeln orientieren, ist das eine wichtige und gute Form, Eucharistie wieder in der Gemeinde feiern zu können. Und es ist ja schön: Jung und Alt haben diese persönliche Begegnung mit Christus sofort genutzt.“ Ich spreche ihn auf die neue Kommunionverteilung an. „Ja, das stimmt“, sagt er, „das ist ein ganz bewusstes Entgegentreten Christus, das hat mir gefallen.“

Die Autorin
Susanne Hornberger
Chefredakteurin Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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