100 Tage Papst Franziskus Kein "Oberbischof"

19.06.2013

Der Vatikan-Experte Eberhard von Gemmingen hat die ersten 100 Amtstage von Papst Franziskus im Münchner Kirchenradio als Zeit der persönlichen Botschaften des Kirchenoberhaupts gewürdigt. Sein Name, seine Kleidung und seine Wohnung im vatikanischen Gästehaus seien eine „spirituell-theologische Botschaft an die Welt“.

Papst Franziskus nach seiner Wahl am Abend des 13. März. Am 21. Juni ist Jorge Mario Bergoglio genau 100 Tage im Amt. (Bild: KNA)

Entscheidende Regierungsakte habe der Argentinier aber bislang nicht vollzogen. So sei noch offen, wer zukünftig an der Spitze der Kongregationen und des Staatssekretariats stehe. Dass der Papst keine übereilten Entschlüsse treffe, sei gut. „Lieber länger überlegen als eine falsche Ernennung machen“, meint der Vatikan-Kenner. Franziskus lasse sich in Personalfragen gründlich beraten. Das Auswechseln von Personen werde vielleicht auch dabei helfen, die vermuteten Intrigen, Seilschaften und Korruptionsprobleme im Vatikan aufzudecken und zu lösen. Ob der Papst über eine generelle Strukturreform nachdenke, sei noch unklar. Er selbst halte eine Dezentralisierung der Entscheidungsstrukturen für notwendig. Es müsse vernünftig überlegt werden, welche Kompetenzen in Rom bleiben und welche an die Ortskirchen abgegeben werden könnten. Die ersten Monate im Amt hätten gezeigt, dass Franziskus zumindest nicht der „Oberbischof“, „Obertheologe“ und „Oberseelsorger“, sondern nur Bischof von Rom sein wolle. Gemmingen warnte die Katholiken in Deutschland zugleich davor zu glauben, Franziskus werde alles auf den Kopf stellen. Er müsse auch den Deutschen den vollen Anspruch des Evangeliums verkünden. Er hoffe aber, dass er dies so tut, dass sich die Menschen leichter dazu bekennen können. Auf keinen Fall dürfe Franziskus wie Benedikt XVI. erst „hochgejubelt und dann verurteilt“ werden.

 

Der Jesuit Eberhard von Gemmingen war von 1982 bis 2009 Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Er gehörte zu den Journalisten, die 2006 im Vorfeld des Bayernbesuchs von Papst emeritus Benedikt zum ersten Mal einen römischen Pontifex persönlich interviewen durften. Gemmingen leitet heute die Spendenzentrale der deutschen Jesuiten in München. (ph)

 

Dossier Papst Franziskus


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