Katholische Sexualmoral Kein Sex vor der Ehe - ist das noch zeitgemäß?

10.03.2021

Die katholische Sexualmoral lehnt Sex vor der Ehe ab, was immer wieder für hitzige Diskussionen sorgt. Vertreter der Initiative Pontifex und des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend beziehen Stellung.

Jana Wulf und Ludwig Brühl
Jana Wulf und Ludwig Brühl sind beim Thema, ob die katholische Sexualmoral noch zeitgemäß ist, unterschiedlicher Meinung. © privat

Pro: Warum sich warten lohnt!  

Mit dem Sex bis zur Ehe zu warten, ist kein spröder Verzicht oder prüder Vorsatz, sondern ein spannender Teil einer erfüllten und integrierten Sexualität. Es lohnt sich zu warten, weil es glücklich macht, jetzt und in Zukunft. Und weil wir uns danach sehnen, uns jemandem in wahrer Liebe hinzugeben, zu schenken und beschenkt zu werden.  

Das hängt mit der Großartigkeit des Menschen zusammen: Jeder Mensch ist einzigartig und hat eine unantastbare Menschenwürde. Christen wissen: Mann und Frau sind im Abbild und Gleichnis Gottes aus Liebe für die Liebe geschaffen. Wahnsinn! Jeder Mensch besitzt eine Innerlichkeit, einen Verstand und einen Willen. Daraus ergibt sich, dass der Mensch nie Gebrauchs- oder Befriedigungsobjekt sein kann. Und, dass sein Wert nicht von Äußerem abhängig ist.  

Zur Grandiosität des Menschen gehört, dass er fähig ist zu lieben. Liebe bedeutet, für jemand anderen das Gute zu wollen, alles zu tun, damit die Großartigkeit des anderen zum Vorschein kommt. Liebe drückt sich oft so aus: Ich nehme Dich an, so wie Du bist. Ich habe tiefen Respekt vor Deiner Einzigartigkeit. Du musst nichts leisten, um von mir angenommen und geliebt zu werden. Ich liebe Dich, weil Du Du bist und nicht, weil Du mir etwas gibst. Ich benutze Dich nicht als Mittel zum Zweck. Liebe kann zwischen Mann und Frau zum ultimativen Versprechen führen: Ich liebe Dich ganz besonders und in einer einzigartigen Weise. Und zwar für immer!  

Dieses Versprechen der Liebe für immer drückt sich in zwei Sprachen aus. Erstens in der Sprache des Wortes. Deswegen sagen Mann und Frau im Eheversprechen: Ich nehme Dich an als meine Frau. Ich nehme Dich an als meinen Mann. Nur Du. Bis dass der Tod uns scheidet. In der Bibel gibt es dazu den wunderschönen Satz: „Stark wie der Tod ist die Liebe.“  

Und glücklicherweise gibt es noch eine zweite (besonders wichtige) Sprache der Liebe: Die Sprache des Leibes, die im Sex, in der Ganzhingabe des Körpers die Ganzhingabe des Menschen ausdrückt. Diese Sprache spricht: "Ich habe dieses Geschenk der Ganzhingabe jahrelang für Dich bewahrt, sodass ich es jetzt Dir schenken kann. Ich gebe mich Dir ungeteilt hin, ich vereinige mich mit Dir. Weil wir uns selbst durch unseren Körper ganz hinschenken können – aber nicht müssen – ist die Ganzhingabe im Sex so wunderschön."  

Es lohnt sich also zu warten, denn Sex ist dann erfüllend und entfaltet sein wunderbares Potenzial, wenn die Sprache des Körpers (Ganzhingabe durch Sex), die Sprache des Wortes (Ganzhingabe durch Versprechen bis zum Tod) und die Sprache des Herzens übereinstimmen. Studien bestätigen übrigens, dass religiöse Menschen, die verheiratet, sind den besten Sex haben. Denn Geborgenheit, Achtsamkeit und Offenheit für Kinder und Familie schaffen Vertrauen und damit die Grundlage für erfüllten Sex. Wahrhaftige Sexualität bedeutet, einen Menschen in echter und tiefer Liebe bis zum Tod anzunehmen. Also in der Ehe. Und es bedeutet, diese Liebe in der Sprache des Körpers auf wundervolle Art auszudrücken. Denn Sexualität ist eine Quelle der Freude und Lust! (Ludwig Brühl, Sprecher der Initiative Pontifex)

Laut katholischer Sexualmoral ist die körperliche Intimität zwischen Mann und Frau nur innerhalb der Ehe erwünscht. Sexualität wird dabei nicht nur auf das Körperliche und das Ausleben der Triebe reduziert, „sondern betrifft den innersten Kern der menschlichen Person als solcher.“ (Katechismus der katholischen Kirche, Absatz 2361, Zitat aus „Familiaris consortio“ 11) Das bedeutet, dass Sexualität zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern oder außerhalb der Ehe nicht gelebt werden sollte.

Contra: Kirchliche Sexualmoral wird Menschen nicht gerecht

Wer erinnert sich nicht an die erste große Liebe, den ersten Kuss? Für junge Menschen sind Liebe und Beziehungen zentrale Themen. Junge Menschen sehnen sich nach Partner*innen, wollen sich ausprobieren, an einander wachsen und gemeinsam erwachsen werden.

Für die Mehrheit der jungen Menschen gehören Intimität und Sexualität selbstverständlich zu ihrer Beziehung dazu. Für den Umgang mit diesem Thema brauchen junge Menschen Angebote und Räume, die ihnen Unterstützung und Orientierung geben. Bei der katholischen Kirche werden sie dabei leider nicht wirklich fündig.

„Die kirchliche Lehre, die Sexualität in nichtehelichen Beziehungen von Katholikinnen und Katholiken generell als sündhaft zu bezeichnen, wird den Menschen nicht gerecht. Hier gilt es die Gewissensentscheidungen aller einzelnen wahr und ernst zu nehmen…“ (aus: Zum kirchlichen Umgang mit Liebe und Partnerschaft, BDKJ-Hauptversammlung 2016, S. 2.)

Die Kirche kann die Entscheidungen von jungen Menschen nicht einfach übergehen oder als grundsätzlich falsch abstempeln, wenn sie von gläubigen Katholik*innen selbstverantwortet getroffen werden. Stattdessen müssen junge Menschen in ihren Entscheidungen ernstgenommen werden.

Übrigens ist der Altersdurchschnitt für erste sexuelle Erfahrungen ist in den letzten Jahren erheblich angestiegen. Die meisten jungen Menschen haben mit 17 Jahren ihre ersten Geschlechtsverkehr-Erfahrungen und halten sich vor allem deswegen zurück, weil sie nicht den*die Richtige*n gefunden haben oder sich selbst zu jung fühlen. (Studie BZgA „Jugendsexualität“ 2020)

Damit wird klar: Junge Menschen sehnen sich nach intimen Erfahrungen mit Menschen, die sie lieben und denen sie vertrauen. Sie wollen eine feste Beziehung und dort sexuelle Erfahrungen sammeln. Wenn wir als Kirche die Sexualität weiterhin ausschließlich innerhalb der Ehe verorten, sind wir nicht nur fernab von der Lebensrealität junger Menschen, sondern nehmen ihnen auch wichtige Ansprechpartner*innen, die sie begleiten könnten. (Jana Wulf, Diözesanvorsitzende BDKJ München und Freising)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Sexualität

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