Quarantäne im Vatikan "Keine Angst vor dem Virus"

22.05.2020

Pater Norbert Hofmann, Sekretär der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum des Heiligen Stuhls, erzählt im Interview wie die Arbeit im Vatikan trotz Corona vorangeht.

Pater Norbert Hofmann
Pater Norbert Hofmann: "Es wird alles ganz langsam hochgefahren" © Kiderle

mk-online: Pater Hofmann, Sie sind immer mal wieder im Petersdom zum Gebet. Seit Wochen ist dieser menschenleer, ein für den Betrachter ungewohntes, ja, etwas beunruhigendes Bild. Wie fühlt sich das für Sie an?

PATER HOFMANN: Der Petersdom ist normalerweise eine Touristenattraktion, und daher stets voller Menschen. Derzeit erlebe ich ihn als eine menschenleere Kirche; das ist für mich völlig ungewohnt und seltsam. Vielleicht gerade deshalb lädt er mich zum Beten und Meditieren ein. Ich bin manchmal dort, bete vor den Gräbern von Heiligen und erfreue mich der geistlichen Atmosphäre, die für mich dort spürbar ist.

Haben Sie die vergangenen Wochen der Ausgangsbeschränkung gut hinter sich gebracht?

In Italien gab es eine absolute Ausgangssperre bis zum 4. Mai, man konnte nur zum Einkaufen und bei dringlichen Angelegenheiten nach draußen. Aber auch danach durfte man sich noch nicht richtig frei bewegen. Ich selbst konnte diese Zeit gut über die Runden bringen, da uns im Vatikan als Freiraum die Vatikanischen Gärten zur Verfügung standen. Zudem konnte ich ab und zu ins Büro, um die dringlichsten Angelegenheiten zu erledigen.

Sie sind für den jüdisch-katholischen Dialog zuständig. Können Sie derzeit überhaupt arbeiten? Und wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Im Dialog mit den Juden zu stehen, heißt persönliche Beziehungen zu pflegen, und das konnte ich ungehindert am Telefon, per E-Mail oder WhatsApp. Allerdings musste ich aufgrund der Situation alle Konferenzen, Begegnungen oder Reisen für dieses Jahr absagen. Im Büro war ich vom 23. März bis zum 3. Mai unregelmäßig, ab 4. Mai begann aber wieder der Betrieb unter gewissen Auflagen.

Wie arbeiten andere Abteilungen im Vatikan? Beispielsweise das Staatssekretariat, das für die Durchführung der Generalaudienzen zuständig ist? Derzeit finden diese ja nicht statt.

Das Staatsekretariat hat sich seit 27. April neu organisiert: Die eine Hälfte der Mitarbeiter arbeitet vormittags, die andere nachmittags; dazwischen werden die Büros desinfiziert. Für die Durchführung der Generalaudienzen aber ist die Präfektur des Päpstlichen Haushaltszuständig; diese finden statt, allerdings nur „online“ mit der Katechese des Papstes und seinem Segen.

Im Vatikan arbeiten auch viele Laien. Wird Müttern und Vätern ermöglicht, sich um ihre Kinder zu kümmern?

In Italien wird der reguläre Schulbetrieb erst wieder ab 1. September aufgenommen; das heißt, dass Eltern von kleinen Kindern diese selbst zuhause beaufsichtigen müssen. Da wird es dann sicherlich in den einzelnen Abteilungen des Vatikans Sonderregelungen für Mütter und Väter geben. Schließlich sollen die Familienwerte hier nicht nur theoretisch hochgehalten werden, sondern auch in ihrer praktischen Umsetzung.

Wie geht der Papst mit dieser historischen Situation um? Macht er Homeoffice? Oder sehen Sie ihn manchmal?

PATER HOFMANN: Wie mir scheint, hat dieser Papst keine Angst vor dem Virus. Er lebt nach wie vor im Gästehaus Santa Marta zusammen mit den Monsignori des Staatssekretariats, isoliert sich dort auch nicht eigens. Seine Morgenmessen, die Generalaudienzen und das sonntägliche Angelus-Gebet können jeweils online verfolgt werden. Gäste von außerhalb bleiben aber aus, so dass der Papst natürlich jetzt weniger sichtbar ist.

Gibt es auch auf Vatikangebiet Corona-Infizierte? Wie ist man damit umgegangen?

Der Vatikan meldete bis zum 10. Mai insgesamt zwölf Infizierte, allerdings lebt nur einer innerhalb der Mauern des Vatikans; bei den anderen handelt es sich um Angestellte, die außerhalb wohnen. Der eine Fall im Vatikan wurde im Gästehaus Santa Marta ausfindig gemacht, wo auch der Papst residiert. Natürlich wurden sofort alle Bewohner von dort getestet, aber dieser hatte noch niemanden angesteckt. Da der Vatikan so klein ist, können natürlich die Infektionsketten sofort verfolgt werden.

Die Hoffnung auf Lockerungen der Ausgangssperre ist besonders in Italien groß. Sind diese in Sicht? Und wie sieht es mit Gottesdienstbesuchen aus?

Seit dem 4. Mai gibt es gewisse Lockerungen, die aber nicht vergleichbar sind mit denen in Deutschland. In Italien wird alles ganz langsam hochgefahren: sich frei zu bewegen geht immer noch nicht, die meisten Geschäfte sind immer noch zu, erst im Juni dürfte sich dann das Leben wieder nach und nach normalisieren.

Die Autorin
Susanne Hornberger
Chefredakteurin Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de


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