Kurs der Bischöfe Keine Angst vor der AfD und ihren Wählern

02.10.2017

Die Bischöfe haben sich nach der Bundestagswahl zu ihrer turnusmäßigen Herbstkonferenz in Fulda getroffen. Dabei haben sie haben klar gemacht, dass ihre Gesprächsangebote für alle Parteien gelten.

Oppostion oder Regierung ist egal - katholische Bischöfe wollen weiter mit allen Parteien im Parlament reden. © imago

Die deutschen Bischöfe haben es in der vergangenen Woche klipp und klar bei ihrer Herbstvollversammlung beschlossen: Es wird keine Gesprächsverweigerung gegenüber der AfD im Deutschen Bundestag geben, sagte Kardinal Reinhard Marx bei der abschließenden Pressekonferenz. Der für die Parlamentskontakte zuständige Prälat muss die neue Fraktion also nicht ängstlich meiden. Ich glaube, die deutschen Bischöfe handeln klug und richtig: Eine Blockadehaltung würde das selbstgefällige Opfer-Gefühl der AfD nur verstärken, von den etablierten Institutionen ausgegrenzt zu werden. Und diese Partei würde nicht zögern, das auszuschlachten. Mindestens genauso wichtig ist es aber, dass die Kirche auch die Wähler dieser Partei erreicht und zwar ohne erhobenen Zeigefinger.

Unbehagen in der Kultur

Denn diese Wähler haben ja etwas ausgedrückt, auch wenn es schwer zu fassen ist. Ein Unbehagen an der Kultur oder soll ich besser sagen: an der gegenwärtigen Leitkultur? Es gibt ein unbestimmtes Gefühl, dass die deutsche Gesellschaft auseinanderfällt, jeder einzelne schauen muss, wo er bleibt, Gier geil ist und die Verantwortung füreinander schwindet. Wenn Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder ungeniert Millionen als Vorstands-Chef eines russischen Unternehmens einsteckt und sich fröhlich zum vierten Mal scheiden lässt, dann wirkt das wie ein Symbol für dieses Gefühl. Die Empörung darüber hat auch nichts mit Sozialneid zu tun, so lange ein Arbeiter nach 45 Berufsjahren oder eine nicht erwerbstätige Mutter eine Mini-Rente bekommen. Menschen wie ihnen wird indirekt doch gesagt, wärst Du halt schlauer gewesen, hättest Du stärker auf Dich geschaut oder eben weniger Kinder bekommen. Kommt dann das Gefühl dazu, dass nur noch über die Notleidenden aus anderen Ländern und Kontinenten gesprochen wird, dann ist schnell das Kreuz bei einer Protestpartei gemacht.

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Alois Bierl ist Leiter der Radioredaktion beim Sankt Michaelsbund.
Alois Bierl ist Leiter der Radioredaktion beim Sankt Michaelsbund. © SMB/Schmid

Anerkennung für die Übersehenen

Vielen dieser Menschen geht es da nicht nur um Geld, sondern ebenso um den Respekt vor einer Lebensleistung, mit der sie zwar keinen Reichtum erworben, aber anständig gearbeitet und einen Beitrag für die Gesellschaft geleistet haben. Dafür verdienen sie Anerkennung! Diesen Menschen können Pfarreien und Verbände ein Ansehen geben. Schon eine kleine Postkarte zum Renteneintritt mit dem Dank für die geleistete Arbeit wäre ein schönes Zeichen! Verbunden mit der Einladung, neue Menschen kennen zu lernen, miteinander etwas zu unternehmen, ohne dass es Geld kostet, oder Fähigkeiten ehrenamtlich einzubringen. Das kann Kirche vor Ort leisten. Die Bischöfe haben dann die Aufgabe, sozialpolitische Forderungen für diese sogenannten „kleinen Leute“ zu erheben und deutlich zu machen, dass Heimat und gesellschaftlicher Zusammenhalt auf Werten fußen: Dass Ehe und Familie eben keine beliebigen soziologischen Größen sind, die sich beliebig auslegen lassen. Dass ein christlich geprägtes Land selbstverständlich in Todesnot geratene Menschen aufnehmen, aber nicht deren Kultur annehmen muss. Das bedeutet auch ehrlich zuzugeben, dass viele Flüchtlinge in Deutschland keine Heimat finden werden, weil sie hier ihre kulturelle Identität zumindest teilweise aufgeben müssten. Und es bedeutet auch darauf hinzuweisen, dass der westliche Lebens- und Konsumstil, die Unkultur der Habgier, die Not in anderen Ländern aber auch hierzulande zumindest begünstigt.

Politik ist Arbeit für das Gemeinwohl

Eine solche Debatte darf nicht mit billigen Parolen und unterschwelliger Aufstachelung zum Hass geführt werden. Wer das tut, macht sich mitschuldig, wenn rechtsradikale Brandstifter Flüchtlingsheime anzünden oder linksradikale Krawallmacher, wie beim G20-Gipfel in Hamburg, das Leben von Polizisten gefährden. Auch daran haben die Bischöfe bei ihrer Vollversammlung ausdrücklich erinnert: Die demokratische Debatte hat eine Würde. Sie ist eine Streitkultur, die den Respekt vor der anderen Meinung des anderen einschließt. Und den Parteien, die jetzt um Regierung und Opposition ringen hat Kardinal Marx noch eine schöne Maxime mitgegeben: „Politik im Sinne der katholischen Soziallehre heißt Arbeiten am Gemeinwohl.“ Ich würde mir wünschen, dass dieser Satz eingerahmt in jedem Abgeordnetenbüro hängt.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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