150. Todestag Ludwig I. "Keine Bigotten mag ich"

28.02.2018

Er war Kunstmäzen, Frauenheld und Schutzpatron der Katholiken: Vor 150 Jahren starb König Ludwig I.

König Ludwig I.
König Ludwig I. © Fotolia.com/Barmherzige Schwestern

München – Mit der Popularität ist das so eine Sache. Auf den ersten Blick steht er ganz im Schatten seines Enkels, des unglücklichen Märchenkönigs Ludwig II. Wehmütig wie eh und je schwärmen weißblaue Patrioten von dem romantischen Träumer, und bayerische Geschichte gerät bisweilen zur Spektakelbühne, auf der immer wieder nur die Tragödie vom Königstod im Starnberger See inszeniert wird. Doch der Schein trügt. Der Großvater des „Märchenkönigs“, Ludwig I., hat Bayerns Kultur- und Kirchenhistorie viel zu stark geprägt, als dass er einfach spurlos aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden könnte. Die nach ihm benannte, von seinen monumentalen Bauten verschwenderisch gesäumte Prachtstraße, die von Schwabing ins Münchner Stadtzentrum führt, gibt von der gestalterischen Kraft seiner dreiundzwanzigjährigen Regentschaft nur einen schwachen Widerschein.

Facettenreicher Charakter

Dabei gehört dieser Monarch zu den verwirrendsten und schillerndsten Figuren der bayerischen Geschichte: Ein liberaler Schöngeist, der kritische Denker aus ganz Deutschland nach München holt – und politische Gegner auf Festungen verbannt. Ein tieffrommer Freund der Kirche und der Klöster, vom Papst als Beschützer gefeiert – und nach zahllosen Affären mit Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen stolpert er über seine späte Leidenschaft für Lola Montez. Unter den deutschen Fürsten wohl der mit dem stärksten Selbstbewusstsein, ganz ein Monarch alter Schule, ziemlich unbeeindruckt von den mächtigen Emanzipationsbestrebungen des Bürgertums – und doch politisch ebenso erfolglos beim Bemühen um die Rückgewinnung der rechtsrheinischen Pfalz wie beim Engagement in Griechenland: Die Griechen verjagen seinen Sohn Otto, den er ihnen als König geschickt hat.

Pressezensur aufgehoben

Als der elegante, kunstliebende, stets in die schönsten Mädchen verliebte Kronprinz Ludwig 1825 an die Macht kam, strömten Professoren und Künstler aus allen deutschen Gauen nach München. Magisch angezogen von seinem Ruf als aufgeschlossener Geist und toleranter Mäzen, flohen sie die muffige Luft der Fürstenhöfe. Kaum hatte Ludwig den Wittelsbacher-Thron bestiegen, hob er die Pressezensur für Angelegenheiten der Innenpolitik auf. Neue Zeitungen schossen aus dem Boden, fünfundzwanzig waren es nach einigen Jahren allein in München. Im Volk erzählte man sich liebenswürdige Anekdoten von dem leutseligen König, der seine Kutsche anhalten ließ, um einem winselnden Hund die Haustür zu öffnen, der auf dem Viktualienmarkt das Gespräch mit der Bevölkerung suchte und frierenden Studenten einen Sack Kohle brachte.

Doch der liberale Elan verflog schnell, als in Frankreich der König vertrieben wurde und die von der Zensur befreite Münchner Presse Beifall klatschte. Bald warf Ludwig kritische Journalisten aus dem Land, ließ Studenten verhaften, bestellte bei Richtern per Handschreiben die gewünschten Urteile und erinnerte seine Minister daran, dass sie ihre Gewalt nur „Kraft erhaltenen Auftrags von Mir“ ausübten. Ja, Untertanen, die sich einer Majestätsbeleidigung schuldig gemacht hatten, mussten kniend vor des Königs Bild Abbitte leisten.

Der König, der die Mönche nach Bayern zurückholte

Ähnlich schillernd stellt sich Ludwigs Verhältnis zur Kirche dar: Auf der einen Seite hielt er mit voller Überzeugung an den Toleranzedikten seines Vorgängers Maximilian I. Joseph fest, die aus Bayern einen aufgeklärten Staat gemacht und seinen Bürgern religiöse Freiheit geschenkt hatten. Noch 1847 wies er Einmischungsversuche der römischen Kurie strikt ab: „Kein Thronrecht vergebe ich, das steht fest!“ In der Münchner Universität erklärte er unmissverständlich: „Religion muss die Grundlage sein“, fügte jedoch sogleich hinzu: „Keine Bigotten mag ich, keine Kopfhänger, die Jugend soll sich des Lebens freuen!“

Derselbe Ludwig I. gilt aber bis heute zu Recht als Restaurator des kirchlichen Lebens in Bayern. Von den zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Land gezählten rund 250 Klöstern war nach der Säkularisation lediglich eine einzige in ihrer Verfassung unveränderte Ordensniederlassung übrig geblieben: das Schottenkloster St. Jakob in Regensburg. Aufklärer, Publizisten, Staatsbeamte hatten jahrzehntelang Stimmung gegen die „Möncherei“ gemacht, Passionsspiele und Prozessionen verboten, das kirchliche Leben mit zahllosen Verordnungen eingeschränkt.

Jetzt regierte plötzlich wieder ein König, dem „Gesittung und Bildung des Volkes im Geiste wahrer (...) Aufklärung mit Wahrung der Religiosität, des positiven christlichen Glaubens“ ein Herzensanliegen war. In engem Zusammenwirken mit seinem Lehrer Johann Michael Sailer, dem einstigen Dillinger und Landshuter Pastoral- und Moraltheologen und späteren Bischof von Regensburg, sorgte der Monarch durch entsprechende Lehrstuhlbesetzungen für die Überwindung der Aufklärung an den bayerischen Universitäten. Ludwig ließ neue Priesterseminare und Pfarrkirchen errichten. Allein in München gehen fünf Gotteshäuser auf ihn zurück, darunter die neuromanische Ludwigskirche in Schwabing, mitten unter den Universitätsgebäuden, die neugotische Mariahilfkirche in der Au und die durch kulturelle und soziale Aktivitäten bekannte Benediktinerkirche St. Bonifaz, wo er begraben liegt.

Historisch gewachsenes religiöses Brauchtum, das die radikalen Dekrete der Aufklärer ohne Rücksicht auf die Gefühle des Volkes hinweggefegt hatten, ließ er wieder zu: Prozessionen, Wallfahrten, Passionsspiele, die Fußwaschung in der Gründonnerstagsliturgie; über die wieder erlaubte Christmette berichtet die Münchner Stadtchronik 1825: „Der Zulauf der Gläubigen war außerordentlich, jedoch mit aller Ruhe und Würde.“ Besonders kümmerte sich der König um die – ebenfalls seit Jahren verbotene – Fronleichnamsprozession; er selbst ordnete den Prozessionsweg durch die Münchner Innenstadt neu. Durch königliches Dekret nahm der Mönch, oft fälschlich als „Münchner Kindl“ gedeutet, seinen angestammten Platz im Stadtwappen wieder ein.

Das Ende der „Aussterbeklöster“

Am wichtigsten wurde für die bayerischen Katholiken aber die von Ludwig mit Vehemenz betriebene Wiederherstellung der Klöster. Den verjagten bzw. in „Aussterbeklöster“ verbannten Ordensleuten traute er am ehesten eine wirksame Erneuerung des religiösen Lebens im Lande zu; bezeichnend ein von ihm entworfener „Geschichtstaler“, der zeigt, wie Mutter Bavaria ihre Söhne einem Mönch zur Erziehung übergibt. Hier hatte Ludwig aber auch den stärksten Widerstand zu überwinden: Große Teile der Ministerialbürokratie, des Parlaments, der Presse, nicht zuletzt des Klerus legten sich quer.

Als sein Finanz- und Innenminister Graf von Armansperg 1826 unter Hinweis auf die prekäre Wirtschaftslage die Gründung neuer Klöster schlichtweg ablehnte und für die Erhaltung bestehender Niederlassungen eine Eigenfinanzierung verlangte, platzte dem Monarchen der Kragen: „Arbeiten Sie alles so vor“, schrieb er seinem obersten Kirchen- und Schulbeamten Eduard von Schenk (der später selbst Innenminister werden sollte), als Armansperg gerade auf Reisen war, „was die von mir beschlossene Fortdauer der bezeichneten Klöster männl. wie weibl. betrifft und daß gleich bey s. Rückkehr Minist. Gr. Armannsperg nur zu unterschreiben braucht, unverzüglich endlich dann diese Verfügung ins Leben trete, sonst bricht mir die Geduld.“

Besondere Hoffnungen setzte Ludwig I. auf den Benediktinerorden, der seiner Sehnsucht nach einer fruchtbaren Harmonie von Religion, Wissenschaft und Kunst entgegen kam. Sein Steckenpferd wurde die Wiedergründung des niederbayerischen Klosters Metten. Wenige Jahre später gründete Ludwig mit St. Bonifaz die erste Benediktinerabtei in München. Aber auch die Bettelorden holte er zurück, wobei er die Bedürfnisse der praktischen Seelsorge im Auge hatte.

Gegen den Jesuitenorden allerdings hegt der König eine unüberwindliche Abneigung; er befürchtet, die straff organisierte Elite-Gemeinschaft könnte einen „Staat im Staate“ errichten. Aber Ordensfrauen holt er in großer Zahl ins Land, ihnen überträgt er vor allem die Aufgabe einer gründlichen Mädchenbildung in den ärmeren Volksschichten. Theresia Gerhardinger, die Tochter eines Donauschiffers und Gründerin der „Armen Schulschwestern“, fand mit ihrem zukunftsträchtigen Modell einer solchen Mädchenbildung für die Dörfer und Kleinstädte in Ludwig I. einen energischen Förderer.

Fast wäre ihr Projekt an juristischen und finanziellen Hürden gescheitert; doch Ludwig, der mit ganzem Herzen hinter der Idee stand, strich die gefährlichen Bestimmungen im Gutachten seines Innenministers einfach durch. Bekannt ist die Geschichte der ersten Audienz, die Ludwig 1834 der jungen Lehrerin und Ordensgründerin gewährte: Sie betete zuvor so heiß und innig in einer nahe gelegenen Kirche, dass sie den Termin versäumte. Vom Lakaien mit einer Standpauke empfangen, fand sie einen äußerst verständnisvollen König vor, der ihr freundlich einen Packen Papiere in die Hand drückte. Und als sie, noch ganz außer Atem, zu einer langen Rede über die Probleme ihrer Klostergründung ausholen wollte, wies er nur lächelnd auf die Dokumente und sagte: „Ist bereits genehmigt, ist schon unterschrieben. Hier lesen Sie: Ludwig.“

Der „Giftbaum“ Lola Montez

Es ist nicht leicht, ein ausgewogenes Bild dieses Monarchen zu zeichnen, der sich als Schutzpatron der deutschen Katholiken verstand, die katholischen Minderheiten in Württemberg und der Schweiz unterstützte, die Missionen förderte, Bayern eine Spitzenrolle in der Weltkirche sichern wollte – und gleichzeitig den Ruf eines unverbesserlichen Frauenhelden genoss. Der Marchesa Florenzi, die er in Italien kennen gelernt hatte, schrieb er an die dreitausend feurige Briefe.

Spanische Tänzerinnen hatten es ihm besonders angetan. Seine Gemahlin, die ihm neun Kinder schenken sollte, wies er vor der Hochzeit in schöner Offenheit darauf hin, dass er nicht gewillt sei, seine Flirts und Abenteuer aufzugeben. Kurz vor seinem Sturz versuchte ihn der Breslauer Fürsterzbischof Melchior von Diepenbrock – in Regensburg war er Sailers Sekretär gewesen – vor Lola Montez zu warnen, die sein Schicksal werden sollte: „König Ludwig, es wächst ein Giftbaum neben Dir auf, dessen tödliche Düfte Dich betäuben!“

Doch Papst Gregor XVI. sah, wie bei gekrönten Häuptern üblich, großzügig über die Don-Juan-Allüren des katholischen Monarchen hinweg und nannte ihn respektvoll „il più gran protettore“, den größten Beschützer der Kirche. Zu Recht. Neben seiner fähigen Finanzpolitik – es gelang ihm, das Königreich zu sanieren und durch rigorose Sparsamkeit seine kostspieligen Bauvorhaben und sein nicht minder aufwendiges Kunstmäzenatentum durchzuführen, ohne Schulden zu machen – liegt Ludwigs Bedeutung als Herrscher darin, dass er die Wittelsbacher durch eine an den Habsburgern und Bourbonen orientierte Heiratspolitik auf eine bewusst katholische Haltung verpflichtete und dass er Grundlagen für einen künftigen starken politischen Katholizismus in Bayern legte.

Zwanzig Jahre nach seiner Abdankung, 1868, starb Ludwig I. fern seiner bayerischen Heimat in Nizza. Seinem Wunsch gemäß ruht er in einem schmucklosen Marmorsarg in der Münchner Benediktinerkirche St. Bonifaz. Auf seinem Sarkophag, so hatte er verfügt, sollte kein Name stehen: Die Leistung allein schreibt die Grabinschrift, für jeden Menschen. (Christian Feldmann)


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