Ethikrat-Mitglied über Test zum Down-Syndrom "Keine Entscheidung ohne ethische Prüfung"

07.09.2016

Immer mehr Tests liefern Aussagen zum Risiko genetischer Anomalien bei Ungeborenen. Damit steigt auch der Entscheidungsdruck für werdende Eltern. Zur Zeit wird geprüft, ob ein Bluttest zur Früherkennung des Down-Syndroms als Kassenleistung verfügbar gemacht werden soll für Risiko-Schwangere. Moraltheologe Bormann kritisiert den Umgang mit den genetischen Tests.

(Bild: Fotolia.com)

München – Zuständig für die Kassenzulassung ist der „Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Krankenhäusern“ (G-BA). Es werde da eine sehr grundsätzliche Entscheidung getroffen, ohne dass eine ethische Begleitreflexion erfolge, kritisiert Franz-Josef Bormann, Professor für Moraltheologie in Tübingen und Mitglied des Deutschen Ethikratesder, im Münchner Kirchenradio.

Die sei aber gerade bei so sensiblen Maßnahmen „dringend geboten“ und auch schon mehrfach angemahnt worden.

Bereits jetzt werden neun von zehn Kindern mit vorgeburtlich diagnostiziertem Down-Sydrom abgetrieben. Zunehmend gehe die gesellschaftliche Erwartung eindeutig dahin, dass man ein Kind mit genetischer Erkrankung als nicht mehr zumutbar für die Gesellschaft und als “lebensunwertes Leben“ interpretiere, so Bormann. Diese Einschätzung werde jedoch der Lebensqualität der Kinder nicht gerecht. Ein pränataler Test sage nichts darüber aus, wie ausgeprägt die genetische Anomalie tatsächlich sein werde und wie die Lebensqualität des Kindes und seiner Familie sich entwickeln könne.

Als besonders problematisch wertet der Ethikexperte die unzureichende Aufklärung der Eltern. Es würde ihnen keineswegs automatisch von den betreuenden Gynäkologen eine spezielle Beratung nahe gelegt, obwohl ein positives Testergebnis ihnen letztlich eine „Entscheidung über Leben und Tod“ abverlange.

Lawine von Entscheidungskonflikten

Weitere genetische Tests zur vorgeburtlichen Diagnostik werden auf dem Markt erwartet. Dabei handelt es sich vor allem um Tests, die eine genetische Veranlagung für Krankheiten erkennen lassen, die erst im Lauf des Lebens ausbrechen, beispielsweise das Brustkrebsgen. Damit sieht Moraltheologe Bormann „eine Lawine von Entscheidungskonflikten“ auf werdende Eltern zukommen. Er fordert daher: „Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Diskussion über diese technische Entwicklung, in der wir mitten drin sind“.

Die Kirche solle als Träger vieler Krankenhäuser mit gutem Beispiel vorangehen und in ihren Einrichtungen eine vorbildliche Beratungspraxis durchführen, schlägt Ethikrats-Mitglied Bormann vor. Hier müsse der Blick besonders auf Lebenschancen mit Krankheit und mit Behinderung gelenkt werden: „Es muss gezeigt werden, dass ein Leben mit einem Down-Kind durchaus vorstellbar ist und dass es nicht das Schlimmste ist, was auf werdende Eltern zukommen kann.“ Erst dann könne man den Automatismus zwischen vorgeburtlicher Diagnose des Down-Syndroms und Abtreibung durchbrechen und lebensfreundlichere Alternativen vorleben. (gh)

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Beitrag: Pränataler Test als Kassenleistung


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