Ein Jahr Greta Thunberg Keine Pippi – im Gegenteil

20.08.2019

Wer Greta Thunberg als die „Pippi Langstrumpf des Klimawandels“ bezeichnet, weiß nicht, was er da sagt. Ein Kommentar von Thomas Stöppler.

Greta Thunberg ist kein Kind, sondern die Stimme der Vernunft.
Greta Thunberg ist kein Kind, sondern die Stimme der Vernunft. © wikimedia

„Fragen an die Psychologin: Ist Greta die neue Pippi Langstrumpf?“, „Selbstsicher wie Pippi Langstrumpf stellte sich das knapp 1,50 Meter kleine Mädchen vor die Menge“ und „das Mädchen mit den Pippi-Langstrumpf-Zöpfen“. Diese Zuschreibungen sind beinahe täglich zu lesen oder zu hören, wenn es um Greta Thunberg geht. Und diese Zuschreibungen sind nicht nur albern, weil die Ähnlichkeiten sich abseits der schwedischen Herkunft und eben den Zöpfen in Grenzen halten, sondern sie sind auch ein Zeichen, dass vor allem die männlichen Kollegen im deutschen Journalismus immer noch etwas ganz Zentrales nicht verstanden haben.

Das soll, weiß Gott, keine Kritik an Pippi Langstrumpf sein. Pippi ist eine der liebenswertesten, schönsten Figuren der Literatur. Aber sie ist auch und vor allem ein Quatschkopf und Chaot. Und sie hegt kein besonderes Interesse an ihrer Umwelt. Als Ikone taugt sie natürlich dennoch: für eine freie, wilde und unbeschwerte Kindheit.

Pippi ist das Kind, Thunberg die Erwachsene

Greta Thunberg ist vermutlich nichts davon. Sie ist eine von ihrer eigenen Erkenntnis getriebene. Die Erkenntnis, dass wir so nicht weitermachen können, dass das Haus bereits brennt, wie sie in Davos sagte. Ihre Radikalität würde der anarchische Paradiesvogel Pippi wohl teilen, aber ihre unerbittliche Konsequenz nicht. Und so ist der Vergleich immer und automatisch eine Herabwürdigung. Denn Pippi ist das ewige Kind in uns allen. Thunberg sollte eigentlich eher die Erwachsene in uns sein. Die Stimme der Vernunft und der Konsequenz.

Letztendlich fällt der Pippi-Vergleich in die gleiche Kategorie wie Christian Lindners, „das solle man doch den Profis überlassen“. Greta ist vielleicht keine Ökologin, aber sie hat im Gegensatz zum FDP-Chef verstanden, dass man das auch gar nicht sein muss. Man muss den Ökologen und den anderen Wissenschaftlern nur zuhören. Etwas was Christian Lindner wohl eher nicht so viel tut. Das ist ja auch schwer, wenn die Kohleindustrie immer wieder laut dazwischenruft.

Eine starke Botschaft

Genauso verhält es sich mit den Kommentatoren, die ihr bei ihrer Reise über den Atlantik Vorwürfe machen. Die Mitarbeiter fliegen und die Jacht hat natürlich für Notfälle einen Dieselmotor. Das ist aber gar nicht wichtig. Wichtig ist die starke Botschaft, die Thunberg vermittelt. Eine Botschaft, die auch Papst Franziskus verstanden hat. Nicht umsonst dankte er ihr persönlich für ihr Engagement und ihren Einsatz zur Schöpfungsbewahrung.

Aber weder Lindner noch die Pippi-Kommentatoren haben verstanden, dass dieser Klimawandel sehr real ist. Sonst würden sie den Vergleich nicht bemühen. Sie haben nicht verstanden, dass hunderttausende junge Menschen zu Greta Thunberg aufschauen, nicht, weil sie so sein wollen – so schaut man vielleicht zu Pippi Langstrumpf – sondern weil sie recht hat. Weil sie im Gegensatz zu so manchem Moralapostel dieser Welt wirklich versucht, so zu leben, wie sie redet. Und daran kann sich wirklich jeder – ob man Thunberg zustimmt oder nicht – mal eine ganz dicke Scheibe abschneiden.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de


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