Kindheitserinnerungen Industrie-Eis und Lindenduft

13.01.2020

Autor Thomas Stöppler dachte lange, er hätte keine Heimat. Aber dabei hatte er sie immer dabei.

Die Eltern des Autors schieben einen Kinderwagen (mit dem Autor) durch Kreuzberg 1986.
Meine Eltern mit meiner Cousine (links) beim Spaziergang durch Kreuzberg kurz nach meiner Geburt. © Privat

Berlin/ München – In Berlin-Mitte, da wo keiner wohnt, nur Büros und Coffeeshops, Touribars und Touristen und die Prostituierten auf der Oranienburger Straße. Es ist noch früh am Abend und es ist unter der Woche. Es sind nur wenige, sie stehen auf der Straße und warten auf Autos. In ein paar Tagen am Wochenende werden sie auf dem Bürgersteig stehen und jeden Mann ansprechen. Da vorne an der Ecke zur Tucholskystraße hat mich jemand mal verprügelt, ohne dass ich weiß, warum. Mit einem Holzschläger. Mir fehlen da ein paar Minuten, aber ich bin nicht umgefallen. Und aus Gründen, die ich nicht genau hinterfragen will, bin ich stolz darauf. Da vorne war das Tacheles – Club, Bar und ein Kino, in dem die Besucher auf alten roten Ledersofas Kette rauchten, während unten die Touristen soffen.

Über den heißen Asphalt trippeln

Ich steige am Südstern aus und laufe noch ein bisschen. Hermannplatz wäre kürzer gewesen, aber der Weg hier ist schöner. Meine Nase läuft trotz der fast tropisch anmutenden Hitze. Der Duft der Linden ist nicht nur an meiner Rotznase Schuld, sondern auch an meiner Sentimentalität. Und als ich realisiere, warum ich mich so fühle, kommt ganz viel hoch: Schwimmen im Halensee und auf dem Nachhauseweg laufen meine Schwester und ich barfuß über die Autobahnbrücke, schnell trippelnd, weil der Asphalt so heiß ist. Und dann gehen wir zu Eis-Hennig. Das schlechteste Industrie-Eis, das man sich vorstellen kann, aber die Portionen waren riesig. Mein Vater isst viel weniger als wir, fällt mir jetzt – mehr als 20 Jahre später – auf.

An diesem Abend spielt jemand am Zickenplatz auf einem Keyboard. Ist das Kunst oder spielt jemand einfach nur draußen Klavier? Aber es stehen 30 Menschen drumherum und lauschen andächtig. Hinter dem Spielplatz sitzen die Junkies. Wie immer. Sie sind noch wach, sie waren schon da, als ich klein war, sie sind es immer noch. Auch wenn das Bordell in der Böckhstraße, gleich neben dem Haus, in dem ich die erste Zeit meines Lebens verbracht habe, heute Zimt heißt und Latte Macchiatos verkauft. Die Weinbars und Kunstgalerien oder Mischungen aus beiden haben die Junkies nicht vertrieben. Ab und zu ziehen sie um. Bei Regen in den U-Bahnhof und wenn die Polizei wieder vom Kottbusser Tor abzieht, dann wieder da hin.

Das Muster im Steinboden

„Wo unsere Toten ruhen, dort liegt unsere Heimat“, heißt es und zwei Tage später stehe ich mit meiner Tochter und meiner Frau an den Gräbern meiner Eltern. Sie liegen nicht nebeneinander sondern schräg gegenüber. So können sie sich besser unterhalten, sage ich mir und allen anderen, aber eigentlich ist es ein unpraktischer Zufall. Meine Tochter langweilt sich und will raus aus ihrem Kinderwagen. Hier sind keine Menschen, die sich bewegen und Quatsch mit ihr machen. Ich erinnere mich derweil an die Delle im Boden meines Kinderzimmers. Eine Fliegerbombe war eingeschlagen, aber nicht explodiert. Genau wie in der Küche, dort war das Muster im Steinboden gesprungen.

Meine Mutter ist nicht hier, und mein Vater genauso wenig, auch wenn die Verwandten die Gräber schön pflegen. Ich bin meinen Eltern näher, wenn ich Bücher lese, die sie mochten, oder über Politik diskutiere. Wir gehen wieder. In den gut zehn Jahren, in denen ich nicht mehr in Berlin gelebt habe, habe ich kein Mal gedacht es sei meine Heimat. Mit Gedanken an Bob Dylan und Robert Johnson hätte ich gesagt, ich hätte keine Heimat. Denn in den Wohnungen, in denen ich groß geworden bin, wohnen heute mir fremde Menschen und in der Stadt, aus der ich komme, habe ich kein zu Hause mehr.

Die Bücher im Regal

Das stimmt nicht, jeder Mensch hat eine Heimat, glaube ich jetzt. Und ein Teil meiner Heimat ist hier in Berlin, wo meine Eltern liegen oder auch nicht liegen, wo die Linden im Sommer blühen und im Winter der eiskalte Ostwind durch die Häuserzüge jagt. Ein anderer Teil ist in München, wo ich mein fast gesamtes Erwachsenenleben verbracht habe, wo ich kaum einen Tag habe, an dem ich niemanden treffe, den ich kenne und vor allem der Ort an dem meine neue Familie ist. Meine Frau und meine Tochter. Es sind auch die Bücher im Regal und in meinem Kopf, die Musik, die ich höre, die Erinnerung an meine Eltern und an das Heimatdorf meines Vaters irgendwo im Vogelsberg, wo ich seit seinem Tod kaum noch war. Ich nehme meine Heimat mit, wohin ich gehe. Ich kann auch gar nicht anders, sie ist immer da, bei mir, und verlässt mich nicht.

Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Perspektiven auf Heimat

Das könnte Sie auch interessieren

© Kiderle

Kloster Beuerberg Glaube bedeutet Heimat

Heimat definiert jeder anders. Für Alois Bierl ist es Glaube und Spiritualität.

29.04.2019

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren