Bischofskonferenz in Lingen "Kirche muss sich bewegen"

12.03.2019

Zum Auftakt ihres Treffens in Lingen müssen sich die katholischen Bischöfe auch mit Protesten und Kundgebungen auseinandersetzen. Im Mittelpunkt steht die Forderung nach einer stärkeren Beteiligung von Frauen in der Kirche.

Die Teilnehmer einer Kundgebung in Lingen haben klare Erwartungen an die Bischöfe.
Die Teilnehmer einer Kundgebung in Lingen haben klare Erwartungen an die Bischöfe. © SMB/Bierl

Lingen – Schon eine halbe Stunde vor Beginn ist die Bonifatiuskirche in Lingen bis auf den letzten Platz belegt. Helfer stehen vor der Tür und halten Plakate auf denen steht: „Wegen Überfüllung kein Zugang.“ Vor der Kirche stehen fünf Frauen. Sie halten ein ganz anderes Plakat in den Händen. Es zeigt ein Bild der Muttergottes. Über ihren Mund ist ein dickes Pflaster aufgemalt. Die Frauen kommen von der Initiative "Maria 2.0". „Wir wollen, dass die Bischöfe sehen, dass es Menschen gibt, die einen Neuanfang in der Kirche wollen“, erklärt Lisa Kötter. Die „im Moment unerträglichen Zustände“ würden es ihr und den 15.000 Facebook-Freunden von "Maria 2.0" „schwer machen, unsere Kirche so zu lieben, wie wir sie eigentlich lieben wollen“.

Aktion im Mai geplant

Die Initiative fordert vor allem Gleichberechtigung für Frauen in der Kirche, um die Männerklüngel aufzubrechen. Die haben ihrer Meinung nach zum jahrzehntelangen Missbrauchsskandal geführt. Lisa Kötter und ihre Mitstreiterinnen planen deshalb im Mai eine Aktion: Eine Woche lang sollen die Gläubigen die Kirchen nicht mehr betreten und keine ehrenamtlichen Dienste mehr zu tun. Das soll deutlich machen, „dass ein Neuanfang gewollt ist von ganz ganz vielen Menschen im Kirchenvolk“. Auf dem Twitter-Account von mk online spricht eine Nutzerin von einer Beleidigung der Gottesmutter durch "Maria 2.0" und empfiehlt den beteiligten „Damen“, sich der Altkatholischen Kirche anzuschließen. Dort seien die „absurden Träume bereits wahr“.

Kardinal Reinhard Marx begrüßt die Frauen dagegen freundlich und sogar mit Handschlag, als er zur Kirche kommt. Die stärkere Beteiligung von Frauen an Schaltstellen der Kirche ist ja ein wichtiges Thema der Vollversammlung. Und als Erzbischof von München und Freising hat er da bereits einiges vorzuweisen: Die Hälfte der Ressortleiter in der Bistumsverwaltung sind weiblich. Das klingt schon fast nach Frauenquote. Tatsächlich hat Kardinal Marx in seinem Statement zum Auftakt der Vollversammlung darauf hingewiesen, dass er mittlerweile eine solche Quotenregelung für sinnvoll hält, auch wenn er darüber früher anders gedacht habe.

Religiöser Machtmissbrauch

Den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und seine Amtsbrüder beschäftigt aber natürlich auch das Thema sexueller Missbrauch. In seiner Predigt beim Eröffnungsgottesdienst macht der Kardinal klar, dass darunter ein grundsätzliches Problem religiösen Machtmissbrauchs verborgen liegt: „Wo eine Sprache da ist, die den anderen klein macht, nach unten zieht, im Namen Gottes, da müssen wir immer wieder genau hinschauen.“

Kardinal Marx mahnt deshalb eine Reinigung der Gewissen, der Geschichte und auch der Theologie an. Was das genau bedeutet, führt er in seiner Predigt nicht aus. Überzeugt ist er aber, dass sich die Kirche gewaltig verändern wird. „Ich glaube wirklich, dass wir an einer Epochenschwelle stehen“, sagt er. Damit spricht er den Menschen vor der Kirche eigentlich aus der Seele.

"Sonst laufen alle weg"

Denn während in dem überfüllten Gottesdienst die Gläubigen aufmerksam der frei formulierten Predigt von Kardinal Marx zuhören, haben sich draußen über 300 Menschen versammelt. Es ist eine Kundgebung, die durch die Lingener Innenstadt gezogen ist und die klare Erwartungen an die Vollversammlung der Bischöfe hat. „Ich hoffe, dass sie zu neuen Ergebnissen und Einigkeit finden“, sagt eine Teilnehmerin. „Die Institution Kirche muss sich bewegen, sonst laufen alle Christenbürger weg“, eine andere. Was sie meinen, ist auf den Transparenten zu lesen, die sie in die Höhe strecken. Auf denen steht „Frauen in alle Ämter“, „Opferschutz und Entschädigung der Opfer“ oder „Kein Amt für Missbrauchstäter“.

Eingeladen zu der Kundgebung hat der katholische Frauenverband kfd. Deren Vertreterinnen überreichen auch 30.000 Unterschriften von Menschen, die Reformen verlangen. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode nimmt sie wohlwollend entgegen. Und es entsteht der Eindruck, als würde er darin weniger einen lästigen Protest, sondern einen Ansporn und eine Unterstützung für die Vollversammlung sehen.

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Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Bischofstreffen in Lingen

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