Podium in Traunstein Kirche und Heimat, Heimat in der Kirche

20.03.2019

Wie Kirche Heimat mitgestalten kann, das ist das Thema einer Reihe von Gesprächsforen, die das Erzbistum München und Freising anbietet. Den Auftakt machte jetzt ein Abend im Traunsteiner Campus St. Michael.

Vertreter aus Kirche und Gesellschaft zum Auftakt der Heimat-Reihe © SMB/witte

Traunstein – Schwer zu greifen, ungeheuer wertvoll, von so manchem missverstanden: dass der „Heimat“-Begriff ungeheuer vielschichtig ist, darüber waren sich die Teilnehmer des abendlichen Podiums in Traunstein einig. Und deshalb waren die Ansätze, sich dem Thema zu nähern, so interessant: Die einzige Frau auf dem Podium, die Generaloberin der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Vinzenz von Paul, Rosa Maria Dick, erzählte von ihrer Jugend im oberbayerischen Landkreis Pfaffenhofen. Die gelernte Krankenpflegerin entschloss sich als junge Frau ins Kloster zu gehen – und fand hier ihre Heimat. Heftiges Nicken im Publikum, als der kirchliche Verwaltungsleiter Michael Koller erklärte, was er denn unter Heimat verstehe. Der gebürtige Berchtesgadener fasste unter dem Begriff Kultur, Natur und Glauben zusammen. Und machte darauf aufmerksam, dass Heimat und die Bewahrung der Natur immer noch wichtiger würden, in Zeiten von Flächenfraß und Bodenversiegelung.

Entwürfe zur Heimat: Weihbischof Wolfgang Bischof und der Landrat von Bad Tölz, Josef Niedermaier © SMB/witte

Schon der Salzburger Professor Gregor Maria Hoff hatte in seinem Impuls zu Beginn der Veranstaltung darauf hingewiesen, wie verwundbar die Heimat in ihrem Bestand ist. Er nannte das Beispiel des Braunkohlentagebaus in seiner Heimat am Niederrhein, der riesige Löcher in die Landschaft reiße. In dieselbe Richtung ging auch die Prognose des Tölzer Landrates, Josef Niedermaier: „Die Heimat, wie wir sie kennen, verändert sich. Wir brauchen den Einsatz von Menschen, sie zu erhalten.“ Niedermaier sprach die Ereignisse 2015 an, als hunderttausende Menschen nach Bayern kamen, die ihre Heimat verloren hatten. Ihnen müsste die Chance gegeben werden, eine neue Heimat zu finden, denn „Bayern ist eine Heimat für alle, alle gehören dazu.“

Kirche muss sich bemühen, wieder Heimat zu werden

Der heimliche Stargast des Abends, der Oberammergauer Passionsspiel-Leiter Christian Stückl, sorgte für den ersten Lacher, als ihn Moderator Axel Effner nach der Kirche als seiner Heimat fragte. Stückl wehrte sich gegen den Begriff „Heimat“. Er sprach von der Kirche als Familie. Und er habe oft große Schwierigkeiten mit der Familie. Die Vertreter der Kirche in Deutschland müssten sich etwas einfallen lassen, um wieder an die Leute ranzukommen. Stückl forderte starke Bemühungen der Kirchenvertreter, gerade für junge Leute wieder die richtigen Worte zu finden.

Kirche als Heimat prekär

Recht gab ihm indirekt Weihbischof Wolfgang Bischof, der sagte: „Kirche als Heimat ist prekär!“ Kirche verändere sich gerade sehr, bestimmte Einstellungen, die man früher mit der Kirche als Heimat verbunden habe, gebe es nur noch verändert oder gar nicht mehr. Für Katholiken sei es oft eine Herausforderung, sich in dieser veränderten Kirche heimisch zu fühlen. Der Weihbischof verwies auf die Frühjahrsversammlung der deutschen Bischöfe: sie hätten beschlossen, für einen verbindlichen Weg zu stehen, der sich mit den anstehenden Fragen auseinandersetze. Ein Beispiel sei die Sexualität: hier müsste sich Kirche der Diskussion stellen. Damit würde Glaubwürdigkeit gestärkt. Passionsspielleiter Christian Stückl kritisierte, dass diese Argumentation schon länger verwendet würde, aber immer noch nichts passiere, damit sich in der Kirche etwas ändere. Verwaltungsleiter Michael Koller, rief dazu auf, den Versuch zu wagen: er sprach von niederschwelligen Angeboten für junge Menschen. Man müsse ausprobieren, vielleicht auch öfter.

Engagiert sprachen die Podiumsteilnehmer von ihrem Heimatbegriff, der sich oft sehr unterschied. Allen gemeinsam: sobald die Sprache darauf kam, wie Kirche Heimat gestalten kann, bzw. selbst wieder für mehr Menschen zur Heimat wird, war eine gewisse Hilflosigkeit spürbar. Die Aufgabe ist für Hauptamtliche in der Kirche und Laien eine riesen Herausforderung, die vielleicht – so Weihbischof Bischof in einem Nebensatz – zu spät angegangen worden ist.

Die Reihe „Heimat gemeinsam gestalten“ wird mit vier weiteren Veranstaltungen fortgesetzt: am 22. März im Haberkasten in Mühldorf, am 26. März im Edith-Stein-Gymnasium in München, am 29. März in der Kaffeerösterei Dinzler am Irschenberg und am 9. April im Veranstaltungsforum Fürstenfeld in Fürstenfeldbruck.

Der Autor
Willi Witte
Radio-Redaktion
w.witte@st-michaelsbund.de


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