Müncher Sakralbauten Kirchenbau im Wirtschaftswunder

01.10.2021

Die neue Folge des Geschichts-Podcasts "12 Momente aus 200 Jahren" stellt Sakralarchitektur der 1950er Jahre in München vor, die Spitzenwerke sind und das Bild ihrer Stadtteile bestimmen.

Sankt Laurentius in München-Gern, eine Inkunabel der modernen Kirchenbaukunst.
Sankt Laurentius in München-Gern, eine Inkunabel der modernen Kirchenbaukunst. © EOM/HA Kunst/Alberto Luisa

München - 41 Gotteshäuser in der bayerischen Landeshauptstadt zählt die erste Ausgabe der Münchner Kirchenzeitung nach dem Zweiten Weltkrieg auf, die „ganz ausgebrannt“, „zerstört“ oder „durch Brand- und Sprengbomben schwer beschädigt“ waren. Kaum jemand konnte sich 1945 vorstellen, dass fast alle diese Kirchen wieder aufgebaut würden. Geschweige denn, dass es ab den 1950er Jahren sogar zu zahlreichen Neubauten und einer Blüte der modernen Kirchenarchitektur in München kommen könnte. „Wir haben hier Inkunabeln dieser Bauepoche, die vom Rang her der weltberühmten Wieskirche nicht viel nachstehen“, erklärt Norbert Jocher.

Abgespeckte Architektur

Der Leiter der Hauptabteilung Kunst im Erzbischöflichen Ordinariat stellt in der neuen Folge des Podcasts „12 Momente aus 200 Jahren“ drei Meisterwerke aus den 1950er Jahren vor. „Jetzt kommt das Wirtschaftswunder/Der deutsche Bauch erholt sich auch und ist schon sehr viel runder“, sang damals der Kabarettist Wolfgang Neuss. Die Architekten speckten bei ihren Kirchenbauten dagegen mächtig ab. Klare Formen, sorgfältige Behandlung des Materials, raffinierte Lichtbehandlung und eine Ausstattung, die sich an den damals aktuellen Kunstströmungen orientiert.

Altar inmitten der Gemeinde

In Sankt Laurentius im Stadtteil Gern kommt eine damals revolutionäre Gestaltung der liturgischen Orte hinzu. Insbesondere die Platzierung des Altars inmitten der Gemeinde drückt einen völlig neuen Bezug der Gläubigen zur Eucharistie aus. Damit nahmen die Architekten Emil Steffan und Siegfried Östreicher die vom Zweiten Vatikanischen Konzil angestoßene Liturgiereform vorweg. „Sie brechen die alten Raumformen auf, auch wenn sie sich dabei an alte romanische Vorbilder anlehnen“, erklärt Norbert Jocher und deutet auf die Rundbögen, die den Innenraum gliedern.

Und er schwärmt von der Lichtführung in dieser nur mit wenigen Kunstgegenständen ausgestatteten Kirche, die eine meditative Stimmung hervorruft. Eine Kirche wie Sankt Laurentius hatte es vorher nicht gegeben. Insbesondere im nicht nur architektonisch als konservativ geltenden München wirkte sie wie eine Befreiung von den zuvor gepflegten Kopien historischer Baustile.

Gebaute Aufbruchsstimmung

Schon zwei Jahre zuvor, 1953, hatte der auch als Karikaturist bekannt gewordene Ernst Maria Lang mit Sankt Andreas eine Kirche gebaut, die sich an Vorbildern der Moderne orientierte. Es ist eine „Architektur des Aufbruchs nach dem Erlebnis einer furchtbaren Ideologie und eines zerstörerischen Krieges“, und Norbert Jocher zeigt auf den Betonturm von Sankt Andreas, der eine markante und selbstbewusste städtebauliche Achse zur Ruhmeshalle über der Theresienwiese bildet. Wie in Sankt Laurentius präsentiert sich auch der Innenraum von Sankt Andreas zurückhaltend und nüchtern. „Das ist in der Nachkriegszeit von elementarer Bedeutung, weil man helle, ruhige und schöne Räume will, wo nichts ablenkt vom Kern des Glaubens, also von der Mitfeier der Eucharistie und der Teilhabe am Wortgottesdienst.“.

Demütige Besinnung

Das schließt allerdings eine künstlerisch hochstehende Ausstattung nicht aus und der promovierte Kunsthistoriker Jocher verweist auf die Kirche Zu den Heiligen Engeln in München-Giesing, für die der Maler Albert Burkart monumentale Glasfenster geschaffen hat. Sie zeigen abstrahiert im Stil der 1950er Jahre die Auseinandersetzung der Engel mit dem Bösen in der Welt. Jocher sieht darin aber nur sehr bedingt eine Antwort des Künstlers auf die vorangegangenen nationalsozialistischen Kriegs- und Terrorjahre. „Es steht eine uralte Ikonologie, also Bildbedeutung dahinter.“ Engel seien von jeher als Boten Gottes verstanden worden, „die uns beschützen, auf die großen Geheimnisse des Glaubens hinweisen und auf die rechte Bahn lenken“.  Allerdings war in der realen und moralischen Trümmerwüste nach dem Zweiten Weltkrieg das Bewusstsein dafür bei Künstlern wie Gläubigen vielleicht besonders stark ausgeprägt. Die Kirche wirkte hier an einer demütigen Besinnung und Neuorientierung mit, die auch und gerade in den bedeutenden Kirchenbauten der 1950er Jahre sichtbar wird.

Podcast-Tipp

12 Momente aus 200 Jahren Dieser Podcast erzählt 2021 monatlich von Menschen, Orten und Dingen aus der Geschichte des Erzbistums München und Freising, das 1821 errichtet wurde. Damit kamen Veränderungen, die noch heute nachwirken. Im Münchner Dom erinnert heute noch eine Marmortafel mit goldenem Schriftzug an die Neuordnung der bayerischen Bistümer. 1821 wurde sie vollzogen. Nirgendwo führte sie zu so umwälzenden Veränderungen wie in Oberbayern, die heute noch fortwirken. Ein Podcast über Zollschranken gleich hinter der Münchner Stadtgrenze, der Suche nach einer neuen Kathedrale, starke Katholikinnen und Bauboom in den 1950er Jahren. > zur Sendung

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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