30 Jahre Mauerfall Kirchenzugehörigkeit war eine persönliche Entscheidung

04.11.2019

Clemens Brodkorb hat die DDR als aktiver Katholik erlebt. Für ihn und die anderen Gläubigen war das nicht immer leicht. Das hat bis heute Auswirkungen.

Inzwischen ist nicht mehr viel von der Mauer übrig.
Inzwischen ist nicht mehr viel von der Mauer übrig. © Lois GoBe - stock.adobe.com

München – Am 9. November 1989 ist Clemens Brodkorb Priesterseminarist in Erfurt. Er verbringt gerade sein sogenanntes akademisches Freijahr außerhalb des Priesterseminars. Weil Theologiestudenten an keinen anderen Universitäten in der DDR Vorlesungen hören dürfen, bleibt er in Thüringen und verdient sich seinen Lebensunterhalt außerhalb des Seminars. Das gehört in der DDR zur Priesterausbildung. Und dann sieht er im Fernsehen, wie Menschen auf der Berliner Mauer herumklettern: „Den 9. November habe ich nur über die Medien verfolgt.“

Wer katholisch war, hatte es schwerer

Der damals 23-Jährige ist aber schon vorher und auch danach auf die Straße gegangen, um für Freiheit und Reformen zu demonstrieren. Brodkorb gehörte schon als Kind zur katholischen Minderheit in der DDR: „Wir haben Kirche als großen Freiraum erlebt, wo man nicht anders reden musste, als man dachte.“ Etwa 900.000 Katholiken gab es 1989 in der DDR. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg waren es durch die vielen Flüchtlinge rund drei Millionen. Allerdings verließen sie bis zum Mauerbau 1961 das Land auch massenhaft wieder. Wer katholisch war, hatte Nachteile in Kauf zu nehmen. Brodkorb etwa durfte kein staatliches Abitur machen, weil er sich nicht über die verbindlichen 18 Monate hinaus zur Nationalen Volksarmee verpflichten wollte.

Clemens Brodkorb
Clemens Brodkorb © privat

Brodkorb lernte dann zunächst Elektromonteur. Sein staatlich nicht anerkanntes Abitur machte er in einem kirchlichen Seminar in Magdeburg und wechselte anschließend ans einzige Priesterseminar der DDR. Als Bildungseinrichtung durfte die katholische Kirche nur in einem ganz engen Rahmen wirken und sollte auch sonst möglichst unsichtbar sein: „Kirche wurde ausschließlich auf den verfassungsmäßig garantierten Kult beschränkt.“ Wallfahrten hatten im Stillen und unauffällig zu erfolgen, die Fronleichnamsprozession war nur auf dem Friedhof erlaubt.

Kein Religionsunterricht

Nach 1989 gewannen die DDR-Katholiken völlig neue Freiheiten. Brodkorb ging mehrere Jahre als wissenschaftlicher Assistent nach Rom. Seit 2000 lebt er in Oberbayern und ist Archivar für die deutsche Jesuitenprovinz in München. Einen Unterschied zwischen Ost- und Westkatholiken kann er immer noch erkennen: „Wo ich herkomme, war die Kirchenzugehörigkeit eine persönliche Entscheidung, hier ist sie Tradition und Normalität.“

Religionsunterricht gab es natürlich nicht in der Schule, sondern in den „Religiösen Kinderwochen“. Dort und in seiner Gemeinde hat der promovierte Theologe erlebt, dass „wir katholisch sind, weil es für unser Leben etwas bedeutet“. Das wirkt bis heute nach. 20 Prozent der Katholiken in der ehemaligen DDR gehen jeden Sonntag zur Kirche. Das sind doppelt so viele wie in den meisten West-Diözesen. Und da wünscht sich Brodkorb manchmal etwas mehr vom „Entscheidungschristentum“ aus seiner Heimat.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

Hände hinzer Gitterstäben
© bnenin - stock.adobe.com

Leben im Strafvollzug Freiheit im Gefängnis?

Inwiefern ist ein Gefangener noch frei? Norbert Trischler, 29 Jahre lang Gefängnisseelsorger, und ein Gefangener über einen veränderten Bezug zum Begriff Freiheit.

15.11.2019

Für Pfarrer Ulrich Kampe war der Mauerfall ein "unvergessliches Erlebnis"
© SMB

30 Jahre Mauerfall Erst nach der Wende konnten Christen frei über Glauben sprechen

Der Oberschleißheimer Pfarrer Ulrich Kampe ist in Magdeburg geboren und aufgewachsen. Und wenn er an den 9. November denkt, bekommt er immer noch leuchtende Augen.

08.11.2019

Für Pfarrer Ulrich Kampe war der Mauerfall ein "unvergessliches Erlebnis"
© SMB

30 Jahre Mauerfall Erst nach der Wende konnten Christen frei über Glauben sprechen

Der Oberschleißheimer Pfarrer Ulrich Kampe ist in Magdeburg geboren und aufgewachsen. Und wenn er an den 9. November denkt, bekommt er immer noch leuchtende Augen.

06.11.2019

© imago images / F. Berger

München am Mittag Lebensgeschichten ohne Mauer

Vor 30 Jahren ist die Berliner Mauer gefallen. Das Ereignis hat vielen Menschen auch neue Lebenswege eröffnet.

04.11.2019

© smb/sts

Ulrich Kampe Ich durfte in der DDR nicht studieren, weil ich Christ bin

Der Oberschleißheimer Pfarrer ist in Magdeburg geboren und aufgewachsen

04.11.2019

Die Türme des Münchner Liebfrauendoms
© SMB

"Spiegel"-Bericht Münchner Frauenkirche zum Beschatten genutzt?

Laut dem "Spiegel" wurden die Glockentürme des Münchner Liebfrauendoms früher zu Spionagezwecken genutzt. Nun hat sich auch Hausherr Domdekan Lorenz Wolf dazu geäußert.

19.03.2018

25 Jahre Berliner Mauerfall Kardinal Marx: Dank denen, die zum Fall der Mauer beigetragen haben

"25 Jahre Berliner Mauerfall. Beiträge der katholischen Kirche in Deutschland. Eine Ermutigung zum Atmen mit beiden Lungenflügeln" – Anlässlich dieses von der Deutschen Bischofskonferenz in Berlin...

09.11.2014

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren