Kirchenstatistik 2019 Kirchliche Dauer-Pandemie

26.06.2020

Die Kirchenstatistik ist veröffentlicht: Die Austrittszahlen sind wieder auf Rekordniveau. Für Chefreporter Alois Bierl befindet sich die Kirche seit vielen Jahrzehnten in einem Pandemie-Zustand.

Leere Kirchenbänke
Viele Kirchenbänke bleiben leer: Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus. © H. Reiter

Die Dauer-Pandemie hält an. Die Ziffern sind erschreckend hoch und den besorgten Beobachtern krampfen sich Herz und Seele zusammen: Die Kirchenaustrittzahlen sind da und wieder einmal auf Rekord-Niveau. Das ist nichts Neues: Seit gut einem halben Jahrhundert leben die Kirchen in Deutschland damit, und die Ausbreitung ist nicht zu stoppen. Der Gedanke aus der Religionsgemeinschaft auszutreten ist hochinfektiös. Das Wissen über die Ursachen ist umfangreich und die Forschung dazu intensiv: Die Möglichkeit zu individuellen Lebensentwürfen schwächt die Bindekraft an Gemeinschaften, die hohe moralische Forderungen an den Einzelnen stellen. Der Sonntagsgottesdienst gilt als unverbindliches Freizeitangebot mit geringem Unterhaltungswert in einer Spaßgesellschaft.

Sparen der Kirchensteuern

War früher der Unglaube eine gut gehütete und meist verschwiegene Privatsache, so ist es heute der Glaube. Hinzu kommt, dass viele Menschen sich die Kirchensteuer lieber sparen wollen. Das ist möglicherweise ein wichtiger Grund für die hohen Zahlen im Erzbistum München und Freising. Sei es, weil gerade in Oberbayern die Lebenshaltungskosten und Mieten hoch sind und viele Menschen jeden Euro zwei Mal umdrehen müssen, oder die Wohlhabenderen das gesparte Geld lieber in einen weiteren Skiurlaub stecken. Und nicht zuletzt ist natürlich das Misstrauen gegen eine Institution gewachsen, die sich ständig mit Skandalen herumschlägt, die jahrzehntelang vertuscht wurden. Die Verfehlungen durch sexuellen Missbrauch sind gewaltig. Und die katholische Kirche steckt dafür auch stellvertretend Prügel für andere gesellschaftliche Gruppierungen ein, die sich mit diesem Verbrechen noch viel weniger auseinandersetzen.

Social Distancing ist keine Lösung für die Kirche

Wie bei der Coronakrise weiß auch bei der Kirchenaustrittspandemie niemand, wie oder ob sie überhaupt endgültig aufzuhalten ist. Hier wie dort wäre schon die dauerhafte Eindämmung ein Erfolg. Dazu gehören Versuch und Irrtum bei den Gegenmaßnahmen. Eines scheint mir aber klar zu sein: Auf ein Social Distancing sollte sich die Kirche nicht einlassen. Es wäre unverzeihlich, wenn sie sich nicht mehr für diejenigen interessiert, die ihr den Rücken zuwenden. Es kann nicht sein, dass sie sich auf eine schrumpfende Herde konzentriert, die treu an allen traditionellen Normen festhält und die übrige Welt für oberflächlich und schlecht hält.

Kirche hat etwas zu bieten

Die Kirche darf sich nicht von der Frage gefangen nehmen lassen, wer ihr als offizielles Mitglied angehört und wer nicht. Sie würde sich damit kleiner machen als sie ist. Denn sie wird gebraucht, in einer Welt, in der sich Menschen nach Spiritualität und einer Orientierung über dieses Leben hinaus fragen. Sie wird gebraucht, wo es Sehnsucht nach Solidarität und Barmherzigkeit gibt. Dass sie trotz massenhafter Abwanderung immer noch vielen Menschen etwas bieten kann, hat sie gerade in der Corona-Krise gezeigt. Die Online-Gottesdienste hatten hohe Abrufzahlen, die vielen Hilfsinitiativen von Ehren- und Hauptamtlichen haben alte Menschen, Wohnungslose und andere Hilfsbedürftige mit der Gesellschaft verbunden und unterstützt. Die Telefonseelsorge war gefragt wie nie und Seelsorger gehen nach wie vor in Kliniken, um den Covid 19- und vielen vereinsamten Patienten beizustehen. Immer wo sie die Nähe zu Gott ahnen lässt und eine freie, vorbehaltlose Gemeinschaft bildet, ist die Kirche stark und wird es bleiben. Die Antwort auf die Austritts-Pandemie kann also nur lauten: Keine Kontaktbeschränkungen und noch mehr zwischenmenschliche Nähe.

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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