Orgel mit aufwendiger Technik Klang bis in die Fingerspitzen

16.07.2021

Die Orgel in St. Ludwig zählt zu den bedeutendsten und klangschönsten Orgeln im süddeutschen Raum. Organist Stephan Heuberger spielt sie seit mehr als 20 Jahren und entdeckt immer noch neue Seiten an dem Instrument.

Orgel in St. Ludwig
Die Orgel ins St. Ludwig in Münche hat einen ungewöhnlichen Klang. © Kiderle

München – Es war eine hitzige Diskussion im München der 1960er Jahre: Eine Orgel aus dem protestantischen Hamburg in der 1844 von Ludwig I. erbauten katholischen Münchner Universitätskirche? Doch es war die richtige Entscheidung, schließlich war Rudolf von Beckerath damals die beste Orgelbaufirma: Seit mehr als 60 Jahren sorgt das Instrument nun in München für den guten Ton. Der Prospekt stammt von Erwin Schleich, dem Architekten der Nachkriegssanierung von St. Ludwig.

Bei einer Orgel aus Hamburg denken Orgelkenner sofort an norddeutschen Barock, also einen hellen und glitzernden Klang. Doch da Orgelbauer von Beckerath lange in Frankreich wirkte, fließen auch typisch französische, warme, weiche Klänge in die Orgel ein. So eignet sie sich besonders gut für Kompositionen von Johann Sebastian Bach, Dietrich Buxtehude und Nicolaus Bruns. Doch auch der wichtigste französische Orgelkomponist des 20. Jahrhunderts, Olivier Messiaen, wird hier häufig zu Gehör gebracht. Gerade der Reichtum an Aliquotstimmen eignet sich bestens für die Wiedergabe von Vogelstimmen bei Messiaen.

Aufwendige Technik für einen besonderen Klang

54 klingende Register und circa 4.000 Pfeifen sorgen dafür, dass die Orgel in St. Ludwig vielseitig einsetzbar ist. Während süddeutsche Orgeln für einen warmen und eher runden Klang stehen, sind norddeutsche Instrumente eher für einen silbrig-hellen Klang bekannt. Die Prinzipale, also die wichtigsten Orgelregister, sind weit „mensuriert“. Das heißt, sie haben einen besonders vollen und weiten Klang. Mit ihren vier Manualen war die Beckerath-Orgel eine der ersten dieser Größe, die eine voll mechanische Spieltraktur besaß. Das bedeutet, dass eine mechanische Verbindung zwischen jeder Taste und einem Tonventil besteht.

Eine aufwendige Technik, doch sie lohnt sich: Für den Organisten ist der Klang in den Fingerspitzen spürbar. Und auch für die Gottesdienstbesucher gibt es etwas zu sehen: Die Lautstärke der Orgel kann auch über „Jalousieschweller“ gesteuert werden. Seit 1995 ist Stephan Heuberger als Organist in St. Ludwig tätig. Die Begeisterung für „sein“ Instrument ist ihm anzumerken: „Noch immer entdecke ich etwas Neues an der Orgel“, erklärt er mit einem Lächeln. Er liebt es, mit den verschiedenen Registern zu experimentieren und so neue Klangbilder zu kreieren. So lässt er zum Beispiel ein Glockenspiel erklingen, in dem er spezielle Flötenund Aliquotregister kombiniert. Auch die Flötenregister klängen besonders voll und würden den Raum gut füllen. Trotz der großen Klangentfaltung würde die Orgel im Plenum niemals schrill oder lärmend wirken.

Vom Klavierspieler zum Organisten

Trotz ihrer 61 Jahre habe die Beckerath-Orgel keine Tücken, schwärmt Heuberger. Die Technik funktioniere immer noch treu und zuverlässig. Seit Kurzem hängt neben der Orgel ein kleiner Bildschirm, auf dem der Organist beim Spielen den Gottesdienst mitverfolgen kann. So weiß er genau, wie lange er zum Beispiel bei der Kommunionspendung improvisieren muss. Auch ein Festnetztelefon steht neben der Orgel, damit Heuberger sich auch bei Bedarf kurz vor Gottesdienstbeginn noch mit dem Zelebranten abstimmen kann.

Das Improvisieren brachte Heuberger als Klavierschüler überhaupt erst zur Orgel: Seine Klavierlehrerin pflegte damals stets zu ihm zu sagen: „Du improvisierst viel lieber, als Stücke zu üben. Lerne auch Orgel!“ Also begleitete er schon als 14-jähriger Bub erstmals einen Gottesdienst und studierte später in Würzburg Klavier und Kirchenmusik. Das Talent war ihm von seinem musikbegeisterten Vater in die Wiege gelegt worden.

Bekannte Künstler zu Gast in St. Ludwig

Seine Arbeit als Organist in St. Ludwig umfasst neben der Begleitung der Gottesdienste die Leitung der Chöre in der Pfarrei. Auch Requiems bedeutender Professoren der Ludwig-Maximilians-Universität hat er schon begleitet. Doch vor allem reizt Heuberger die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern. So erzählt er euphorisch von Aufführungen mit Musikern der Staatsoper oder der Zusammenarbeit mit dem Komponisten Mark Andre und hebt hervor, dass der berühmte Organist Helmut Walcher in St. Ludwig viele Konzerte gab und das erste Konzert des französischen Trompeters Maurice André und der deutschen Organistin Hedwig Bilgram in „seiner“ Kirche stattgefunden hat. So hofft Heuberger, bald wieder namhafte Organisten zu Konzerten in St. Ludwig einladen zu können. Maximilian Lemli (Volontär beim Michaelsbund)

Instrument des Jahres 2021

Jährlich ruft die Konferenz der Landesmusikräte in Deutschland ein "Instrument des Jahres" aus; 2021 ist es nun die Orgel. Vor mehr als 2.000 Jahren wurde das Instrument in Alexandria erfunden und gelangte über Byzanz nach Europa, wo es seit der Karolingischen Renaissance als Kulturgut bis in die Gegenwart weiterentwickelt wurde. (kna)


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