Zukunft des Reutbergs "Klöster sind unverzichtbar"

09.07.2018

Für ihn geht es um Heimat, Geborgenheit, Identität und Zusammengehörigkeitsgefühl: Generalvikar Prälat Peter Beer äußert sich im Interview zur Zukunft des Kloster Reutbergs und des Ordenslebens.

Idyllisch gelegen: Kloster Reutberg in Sachsenkam im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen
Idyllisch gelegen: Kloster Reutberg in Sachsenkam im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen © Kiderle

München – Das allmähliche Verschwinden des Ordenslebens an einigen Orten macht Prälat Peter Beer, Generalvikar des Erzbischofs von München und Freising, „sehr, sehr traurig“. Im Interview beschreibt er, wie wichtig Klöster auch heute als Kraftorte des Gebets und des Gottesdienstes sind und wie ihre Grundidee fortgeführt werden könnte.

Wie wichtig sind Klöster für die Gläubigen im Erzbistum?

PRÄLAT BEER: Unverzichtbar! Und das aus guten Gründen: Historisch gesehen sind sie die Keimzelle des Glaubens in unserer Region; aus seelsorgerischer Sicht sind sie wichtige Stützen der Pastoral; in kultureller Hinsicht sind sie prägende Kräfte für das bayerische Oberland; aus spiritueller Sicht sind sie Kraftorte des Gebets und des Gottesdienstes; in pädagogischer Hinsicht sind Klöster, die oft Schulen betreiben, ein nicht zu unterschätzender Bildungsfaktor, aus karitativem Blickwinkel sind Klöster Anlaufpunkte für Bedürftige und Notleidende. Die Aufzählung von Gründen, warum Klöster wichtig sind, ließe sich noch eine Zeit lang weiterführen…

 

Leider geht seit vielen Jahrzehnten die Zahl der Ordenschristen stark zurück. Muss man deswegen generell viele Klöster schließen?

PRÄLAT BEER: Es mag hart klingen, aber letztendlich lässt es sich nicht leugnen: Wo nichts ist, da kann nichts werden. Will sagen: Wenn keine oder zu wenige Ordenschristen da sind, dann kann es auch keine funktionierende Ordensgemeinschaft geben, die wiederum die Voraussetzung dafür ist, ein Kloster als Ort des gemeinschaftlichen Ordenslebens lebendig zu halten. Die Schließung eines Klosters sollte immer nur die allerletzte Option sein, und es sollte immer alles unternommen werden, was aus theologischer, kirchenrechtlicher Sicht und aus Sicht der Eigenart klösterlichen Lebens sinnvollerweise unternommen werden kann, um ein Kloster als Lebensort einer Ordensgemeinschaft zu erhalten. Und dennoch kann der Zeitpunkt kommen, wo es notwendig ist, ein klares Ende anzudenken. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn alte und kranke Ordensleute nicht mehr selbst versorgt werden können, das regelmäßige und beständige Gebetsleben nicht mehr sichergestellt ist, Ordensleute sich in viel zu großen Gebäuden verlieren und vereinzeln, Dienste und Ämter innerhalb der Gemeinschaft nicht mehr verteilt und ausgeübt werden können, um selbstbestimmt das Gemeinschaftsleben zu organisieren.

Neue Homepage zu Reutberg

Auf der neu eingerichteten Homepage www.reutberg-retten.de werden zahlreiche Fragen zur Zukunft des Reutbergs beantwortet. Die Gläubigen können sich zudem per E-Mail an Ordinariatsdirektorin Gabriele Rüttiger und Prälat Lorenz Kastenhofe wenden – beide sind im Erzbischöflichen Ordinariat in München für den Reutberg zuständig. Die Seite informiert außerdem detailliert über die Geschichte des Klosters und dokumentiert die Bemühungen um die Zukunft des Konvents. (pm)

Generalvikar Prälat Peter Beer
Generalvikar Prälat Peter Beer © EOM

Warum treten heute so wenige Menschen in eine Ordensgemeinschaft ein?

PRÄLAT BEER: Es geht doch nicht nur um die Ordensgemeinschaften. Es geht um eine viel grundsätzlichere Frage. Inwiefern sind Menschen in unserer Zeit bereit, ihr ganzes Leben dauerhaft in die Nachfolge und in den Dienst Jesu Christi und seiner Kirche zu stellen? Inwiefern sind Menschen hier und heute bereit, radikal nach den evangelischen Räten von Armut, Gehorsam und Keuschheit zu leben? Den Menschen in unserer Zeit fällt dies aus unterschiedlichen Gründen immer schwerer, was sich auch bei den Eintritten in den Priesterseminaren der Diözesen zeigt. Hier müssen wir eigentlich ansetzen, wenn wir Klöster retten wollen und nicht erst, wenn sich die drohende Schließung abzeichnet. Es gilt dafür zu werben und vorbildhaft vorzuleben, positiv zu sprechen, zu ermutigen und zu unterstützen, nach den evangelischen Räten zu leben. Die Forderung allein, dass irgendjemand irgendetwas gefälligst zu unternehmen hat, um den Status quo im Blick auf ein bestimmtes Kloster oder Klöster allgemein zu erhalten, ist zu wenig, reicht nicht aus. Es braucht das gelebte persönliche Zeugnis und das persönliche Bekenntnis von uns allen Gläubigen, von jedem auf seine Weise, für die evangelischen Räte. Dadurch entsteht der eigentliche Humus, der unsere Klöster, Priesterseminare und geistlichen Gemeinschaften nachhaltig nährt.

Hat das Erzbistum einen Plan, wie man die Grundidee der Klöster weiterführen kann? Gibt es dafür bereits Beispiele?

PRÄLAT BEER: Am Beispiel von Kloster Beuerberg und den dortigen Planungen kann man teilweise jetzt schon sehen, was unter anderem möglich ist. Zum einen gilt es das kulturelle Erbe, das eine Klostergemeinschaft hinterlässt, zu erhalten und zu pflegen. Die Gebäude, Kunst- und Gebrauchsgegenstände geben Zeugnis von einem reichen Glaubensleben, das bereichernde Impulse auch noch für nachfolgende Generationen geben kann. Hierzu bedarf es aber dann gleichzeitig auch der Öffnung und Erschließung der Klostergebäude für die Menschen vor Ort und in der Region. Diese Gebäude sollen Ort der Begegnung und des Austauschs sein, so wie sie ja früher für die Ordensgemeinschaft selbst schon gewirkt haben. Eng damit zusammenhängend soll in den Klostergebäuden, in denen es keine Konvente mehr gibt, kirchliches Leben gefördert werden, indem beispielsweise religiöse Wochenenden, theologische Kurse und Glaubensgespräche für unterschiedliche Interessenten angeboten werden, Pfarreigremien tagen können, karitative Beratungs- und Unterstützungsangebote Platz finden, Seelsorger und Seelsorgerinnen einen festen Standort haben. Wichtig ist darüber hinaus dann auch noch, dass innerhalb eines neu genutzten Klostergebäudes immer auch ein würdiger Ort der Erinnerung an jene Ordensgemeinschaft besteht, die in der Vergangenheit hier gelebt und gewirkt hat. Es soll unbedingt klar sein, wem die Menschen den jeweiligen Klosterort zu verdanken haben und welche Anliegen damit ursprünglich verbunden waren. Insofern ist eine Art kleines Museum zu Ehren des nicht mehr bestehenden Konvents von großer Bedeutung.

An vielen Orten verbleiben am Ende nach Jahren ohne Neueintritte nur noch einzelne Mitglieder eines Konventes. Wie kann das Erzbistum helfen?

PRÄLAT BEER: Von großer Bedeutung ist die Sorge um die Versorgung und Unterstützung der verbliebenen Mitglieder eines aufgelösten Konvents. Die Alten und Kranken brauchen einen vernünftigen Platz in einem Alten- oder Pflegeheim, die eher jüngeren brauchen Begleitung bei der Suche nach passenden Möglichkeiten für die Gestaltung ihres weiteren Lebensweges entweder innerhalb oder außerhalb eines Ordens. Es ist uns ein Anliegen, dass so weit irgendwie möglich die bisherigen Klosterleute aktiv in die Neugestaltung und Umnutzung ihres ehemaligen Klosters miteinbezogen werden. Für manche alte Ordensfrau ist es trotz aller Betrübnis über das Ende des eigenen Klosters doch auch irgendwie tröstlich zu wissen, dass das, warum sie eigentlich einmal ins Kloster eingetreten ist, nämlich die Nachfolge Christi sowie die Stärkung von Glaube und Kirche, wenn auch in neuer, anderer Form, doch weitergeht.

Viele Menschen reagieren traurig, ja entsetzt, wenn ein Konvent aufgelöst wird. Wie erklären Sie sich das?

PRÄLAT BEER: Es geht um Heimat. Es geht um Geborgenheit, Identität, Zusammengehörigkeitsgefühl, Tradition und die eigene Lebensgeschichte. Viele Klöster haben eine Wallfahrtskirche, in der Menschen ihre Sorgen und Nöte vor Gott getragen, aber auch wichtige Lebensereignisse, wie zum Beispiel Taufe und Hochzeit, im Angesicht Gottes gefeiert haben. Und das alles soll es jetzt plötzlich nicht mehr geben? Auch wenn ganz nüchtern-sachlich gesehen das Ende eines Konvents – also der Gemeinschaft von Ordensleuten vor Ort – nicht automatisch das Ende des kirchlichen Lebens vor Ort bedeuten muss, so ist doch verständlich und gut nachvollziehbar, dass auf der Gefühlsebene große Trauer, Verunsicherung, Wut und Enttäuschung entstehen. Diese Gefühle haben sicherlich ihre Berechtigung und müssen auch ihren Platz haben.

Manche sagen, das Erzbistum betreibe gezielt die Auflösung von Konventen, um sich die Reichtümer der Klöster unter den Nagel zu reißen. Was sagen Sie dazu?

PRÄLAT BEER: Das ist einfach Unsinn. Erstens ist es doch allgemein bekannt, dass viel zu wenige junge Menschen in Klöster beziehungsweise Ordensgemeinschaften eintreten. Es braucht sich nur jeder einmal zu fragen, wann zum letzten Mal oder wann überhaupt jemand aus der eigenen Familie ins Kloster gegangen ist. Während früher viele von einem Onkel oder einer Tante erzählen konnten, die einer Ordensgemeinschaft angehörte, dürfte dies in unserer Zeit die große Ausnahme sein. Schon alleine von daher dürfte klar sein: Das Erzbistum betreibt nicht eine gezielte Auflösung von Konventen. Das Erzbistum versucht nur Klarheit und Ordnung in einer Situation aufrechtzuerhalten, in der sich Konvente auf Grund von Nachwuchsmangel quasi selbst auflösen. Wir müssen mit Sorge dafür tragen, dass die verbliebenen Ordensleute in geistlicher und materieller Hinsicht versorgt sind, auch wenn es deren jeweilige Gemeinschaft nicht mehr gibt, wir sollten dafür sorgen, dass die Klostergebäude für die kirchliche Nutzung durch die Menschen vor Ort und in der Region erhalten bleiben. Und damit komme ich zum zweiten Punkt. Das alles kostet Geld, Geld das die Erzdiözese dauerhaft für Betrieb, Erhalt, Neugestaltung und Personal zuschießen muss. Dabei geht es um Summen, die in der Regel das übersteigen, was die Erzdiözese von Klöstern übernimmt.

Wie geht es Ihnen persönlich damit, dass das Ordensleben an vielen Orten verschwindet?

PRÄLAT BEER: Es macht mich wie viele andere Menschen auch sehr, sehr traurig. Ordenschristen sind ganz besondere Menschen, die uns allen zum Beispiel mit ihrer Form des Zusammenlebens, ihrer Konsequenz des Gebetslebens, ihrer Art, den persönlichen Verzicht in materiellen Dingen zu üben, Impulsgeber für unseren eigenen Glauben sind. Ihre Bindung durch die Gelübde an eine Gemeinschaft und teilweise auch an einen festen Ort strahlen für die Menschen Stabilität und Sicherheit aus, was in einer Zeit, in der sich so vieles so schnell verändert, nicht unwichtig ist. In ihrer Beständigkeit, die oftmals über viele Jahrhunderte an einem Ort reicht, sind sie gleichsam das religiöse und kulturelle Gedächtnis ganzer Regionen. All das gerät ins Wackeln, wenn das für das Ordensleben so charakteristisch Gemeinschaftliche zerbricht, nicht mehr zu halten ist.

Haben Sie eine Botschaft, die den Menschen vor Ort Hoffnung für eine gelingende Zukunft des Reutbergs als spirituellem Ort machen kann?

PRÄLAT BEER: In der Heiligen Schrift sagt Jesus zu uns: Ich werde bei Euch sein bis an das Ende der Welt (Mt 28,20). Wir sind nicht alleine. Wir haben uns gegenseitig und wir haben unseren Herrn Jesus Christus. Das sollte uns die Kraft und die Zuversicht geben mit Veränderungen positiv umzugehen, so schwer sie auch für uns sein mögen. In diesem Sinne sollten wir nicht bei der Trauer und Klage über das Vergangene oder Zu- Ende-Gehende stehen bleiben, sondern kraftvoll, ideenreich und mutig Neues gestalten und unsere Heimat für die Zukunft stärken. (Das Interview durften wir freundlicherweise der neu eingerichteten Homepage www.reutberg-retten.de entnehmen.)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Zukunft Kloster Reutberg

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