GOTT.neu.denken Kongress zur Kernfrage der Theologie

11.03.2020

Diskutiert ein Naturwissenschaftler mit einem Theologen - Claudia Pfrang, Direktorin der Stiftung Bildungszentrum, erzählt im Interview warum das kein Witz, sondern das Erfolgsrezept des von ihr initiierten Kongresses ist.

Mann der in den Himmel schaut
Der Kongress "GOTT.neu.denken" beschäftigt sich mit der immer noch aktuellen Frage nach Gott. © Choat - stock.adobe.com

Sie ist die Kernfrage der Theologie: die Frage nach Gott – ob und wie er existiert. Eine Frage, die hochaktuell ist und bleibt. Ein Grund für die Stiftung Bildungszentrum, dieser essentiellen Überlegung einen ganzen Kongress zu widmen. „GOTT.neu.denken – der Kongress“ am Wochenende, 13./14. März, will „neue Perspektiven entwickeln und Herausforderungen im Dialog mit anderen Weltanschauungen und einer säkularen Gesellschaft benennen“. Die Direktorin der Stiftung Bildungszentrum und Initiatorin des Kongresses, Claudia Pfrang, berichtet, was die Besucher im Schloss Fürstenried erwartet.

mk-online: In Deutschland wird mit dem Synodalen Weg gerade Kirche neu gedacht. Sie wollen Gott neu denken. Warum braucht es diese Veränderungen und neuen Gedanken?

Claudia Pfrang: Im Blick auf die Zukunft unserer Kirche geht es ja um mehr. Es geht schließlich darum, ob und wie unser Glaube heute für die Menschen Relevanz hat. Leider ist er, so sagen übereinstimmend die soziologischen Studien, immer weniger bedeutsam für den Alltag der meisten Menschen. Die Frage nach Gott scheint für Viele bereits an Evidenz und Dringlichkeit verloren
zu haben. Auch radikale Kontingenzerfahrungen lassen sich für Menschen ohne Rückgriff auf Religion bewältigen. Dort wo keine Frage mehr nach Gott gestellt wird, ist sie auch niemandem einen Diskurs wert.

GOTT.neu.denken bietet eine Gelegenheit, zu fragen: Hat Theologie und kirchliche Praxis diese Umbrüche in der Gottesfrage bereits angemessen wahr- und ernstgenommen? Was bedeutet das Phänomen der religiösen Indifferenz für die Reflexion und die Rede von Gott? Welche anthropologischen und theologischen Voraussetzungen sind heute neu zu bedenken und zu korrigieren? Was bedeutet dies für die Spiritualität heute? Wie können wir angesichts der naturwissenschaftlichen Erkenntnisse Gott ins Spiel bringen? Mich beschäftigt angesichts der Zerstörung unseres Planeten und damit unserer Lebensgrundlagen und von uns selbst die Frage, wie Gott als Schöpfer heute noch denkbar sein kann. Und da gibt es noch eine Reihe anderer Anfragen an den Glauben heute.

Der Dogmatiker Professor Georg Essen hat erst vor Kurzem bei einer Veranstaltung im Rahmen unseres Projekts #weiterglauben gesagt: Wir müssen das Christentum neu denken. Das wachsende Interesse an unserem GOTT.neu.denken-Projekt, dem Kongress und der Online-Diskussionsphase, die wir vorab gestartet haben, zeigt einmal mehr, dass die Frage nach Gott heute virulent und existentiell für das Christentum und damit auch für die Zukunft der Kirche ist.

Viele Menschen beschäftigen sich zur Zeit mit Kirche als Institution, mit den Rahmenbedingungen sozusagen. Inwieweit kann der Kongress GOTT.neu.denken helfen, sich wieder auf den Glauben und die Kernbotschaften des Christentums zu konzentrieren?

Es überrascht viele Menschen, wenn ich immer wieder betone, dass auf dem Kongress ganz frei über Gott nachgedacht werden kann. Ich denke, es ist sehr wichtig, dass dies offen, ohne Denkverbote und angstfrei geschehen kann. Dietrich Bonhoeffer sagte einmal: „Die Kirche muss aus ihrer Stagnation heraus. Wir müssen auch wieder in die freie Luft der geistigen Auseinandersetzung mit der Welt. Wir müssen es auch riskieren, anfechtbare Dinge zu sagen, wenn dadurch lebenswichtige Fragen aufgerührt werden.“

GOTT.neu.denken regt zur intensiven Auseinandersetzung mit Fragen an wie: Ist Gott Person und/oder Energie? Ist und wenn ja wie ist Gottes Handeln in der Welt zu denken oder sollen wir nicht eher von einem Wirken Gottes in der Welt reden? Jesus als wahrer Gott und wahrer Mensch – kann ich das heute noch glauben? Wie ist die Auferstehung Jesu zu verstehen? Ich habe in den vergangenen Modulen immer wieder Rückmeldungen bekommen von Teilnehmenden, die mir bestätigten, dass sie das Nachdenken näher zu Gott gebracht hat.

Wie wird denn der Kongress genau aussehen, was erwartet den Besucher?

Zum Kongress werden zwölf Dozentinnen und Dozenten aus verschiedensten Disziplinen und aus ganz Deutschland kommen. So treffen zwei Soziologen auf einen Philosophen und einen Dogmatiker, Naturwissenschaftler diskutieren mit Theologinnen über das Thema „Gottes erfahrbares Handeln in der Welt“ und die ökologische Krise. Ein islamischer und ein evangelischer Theologe erörtern das Thema „Ist Gott überhaupt denkbar jenseits des Denkens?“. Zu Beginn jeder Einheit legen die Dozierenden ihre Standpunkte dar, danach können die Teilnehmenden jeweils aus zwei Fachforen oder Disputationen wählen, in denen sie auch ihre Standpunkte einbringen können. Den Abschluss jeder Einheit bildet ein Rundgespräch mit allen Professorinnen und Professoren. Schließlich ist uns der interdisziplinäre Dialog sehr wichtig.

Am Freitagabend haben wir junge Nachwuchsautoren und -autorinnen zu einem Gespräch über Gott und die Generation Y eingeladen. Also: Es ist an diesem Wochenende viel Kompetenz versammelt und viel geboten. Ich kenne bisher keinen vergleichbaren Kongress in Bayern zu diesem Thema.

Solche Kongresse bergen immer die Gefahr, dass zwar tolle und vielfältige Ideen präsentiert und entwickelt werden, diese im Alltag der Menschen aber nicht sichtbar, nicht spürbar werden. Wieviel wird denn von dem Kongress Gott.neu.denken bei den Gläubigen vor Ort ankommen?

Ja, das ist immer die Gefahr. Aber schon bei den vorausgegangenen Modulen waren viele Personen dabei, die in den Gemeinden tätig sind, und ich hoffe, dass sie andere mit ihren Gedanken anstecken. Zudem merken wir schon, dass das Thema vor Ort Kreise zieht und da und dort von anderen Bildungsträgern aufgenommen wird. Außerdem haben wir die Möglichkeit geschaffen, dass unabhängig vom Kongress auf einer Lernplattform schon jetzt die Themen des Kongresses diskutiert werden. Es kann sich jede und jeder registrieren lassen, um sich mit den verschiedenen Aspekten rund um die Gottesfrage zu Hause oder zusammen mit anderen auseinanderzusetzen und mitzudiskutieren. Wir waren, ehrlich gesagt, schon überrascht, wie gut diese Online-Phase angenommen wurde. Hier hat sich insbesondere zu den Themen „Wozu brauchen wir Christentum und Kirche?“ sowie zum Thema „Spiritualität ohne Gott“ eine rege Diskussion entwickelt.

Angesichts der Coronavirus-Epidemie ist der der Kongress Gott.neu.denken abgesagt worden!


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