Missbrauchsskandal Kontrolle in der perfekten Gesellschaft

10.09.2018

Es ist ein Dauerthema in der katholischen Kirche: Die Missbrauchs-Skandale. Immer wieder werden Altfälle bekannt, bei denen auch das Bild von der "Societas perfecta" eine Rolle spielt. Doch Kirche ist auch eine lernende Organisation, die sich immer reformieren muss.

Protest gegen sexuellen Missbrauch durch Kirchenvertreter. In der polnischen Hauptstadt Warschau haben Menschen Kinderschuhe an Kirchengitter gehängt, um das Problem öffentlich zu machen. © Imago

Hört das denn nie auf: der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Nein, er geht weiter, weil über Jahrzehnte hinweg in kirchlichen Einrichtungen eine Kontrolllosigkeit herrschte, die solche Taten möglich gemacht hat. Jüngst ist das wieder in den USA deutlich geworden. Es wird wohl auch Teil der großen Missbrauchs-Studie sein, die Ende September von den Deutschen Bischöfen vorgestellt wird. Wenn es eine Lehre aus den Missbrauchs-Skandalen gibt, dann die, dass öffentliche Institutionen wie die Kirche ein zuverlässiges System ständiger Selbst- und Fremdüberprüfung brauchen. Das mag lästig sein, schützt aber davor, dass sich Missstände vertuschen lassen, festsetzen können und ins Unermessliche auswachsen.

Probleme erkannt

Durch den Schock der ständigen Skandale sind die deutschen Bistümer und besonders das Erzbistum München und Freising dafür endlich sensibel geworden. Polizeiliche Führungszeugnisse für Jugendleiter, sofortige Kooperation mit der Staatsanwaltschaft bei Verdachtsfällen, Einsicht in interne Akten. Vor einigen Jahrzehnten wäre das noch undenkbar gewesen. Da glaubten die Personalverantwortlichen mit solchen Taten selbst fertig werden zu können. Da wirkte das Bild der Societas perfecta verhängnisvoll nach, in der die Kirche als vollkommene Gesellschaft gedacht wird, weil sie ja eine göttliche Gründung ist. Der menschliche Makel in ihr war dem gegenüber zu vernachlässigen. Kam er zu Tage, durfte er nicht öffentlich werden, weil das am Selbstbild gekratzt hätte. An diesem Bild wirkten auch die Gläubigen besonders in schweren Zeiten mit, in denen die Kirche als moralische Autorität großen Gesellschaftsgruppen Halt gab. Etwa in der Nachkriegszeit, als der Staat die Kirchen brauchte. Sie halfen, das junge Gemeinwesen der Bundesrepublik zu festigen und soziale Einrichtungen aufzubauen, fingen die große Not und Orientierungslosigkeit auf, die in dieser Zeit herrschte. Das gehört zum Weltauftrag der Kirche und sie hat sich dadurch unermessliche Verdienste erworben. Übernimmt die Kirche aber solche großen Aufgaben, kann es vorkommen, dass staatliche, bischöfliche und vatikanische Behörden nicht mehr genau hinschauen.

Pflicht zum Hinschauen

In Heimen und Schulen konnten und können so eherne Gehäuse entstehen, in denen der Machtmissbrauch von oft psychisch schwer gestörten Geistlichen unter der Decke gehalten wird. So etwas existiert nicht nur in der Kirche, auch Sportvereine, Unternehmen oder auch Rundfunkanstalten kennen Vergelichbares. Sie können jetzt vielleicht von dem Erkenntnisprozess lernen, den die Kirche nun schmerzhaft durchläuft. Insbesondere das Erzbistum München und Freising hat mit viel Geld ein Kinderschutz-Zentrum geschaffen. Es ist mittlerweile in Rom angesiedelt, weil Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus erkannt haben, dass der Missbrauchsskandal eine weltweite Dimension hat. Das erkennen die Bischöfe nicht überall. So fällt es den Oberhirten in Afrika oft schwer, einzuräumen, dass es so etwas auch in ihren Bistümern geben könnte.

Angst vor Ansehensverlust

Es ist wieder ein ähnliches Muster: Die Kirche hat in diesen Ländern ein hohes Ansehen, übernimmt oft wichtige soziale Aufgaben, weil der Staat sie nicht leisten kann. Und die Bischöfe und ihre Ordinariate glauben, dass kein dunkler Fleck diese moralische Autorität untergraben darf. Eine gründliche Kontrolle vieler kirchlicher Einrichtungen ist dadurch oft nicht gewährleistet. Natürlich wäre sie auch schwer zu bewerkstelligen. Doch gerade die Erfahrungen in Europa und den USA lehren, wie wichtig sie sind. So schlimm es also ist, die Missbrauchsskandale in der Kirche werden nicht verschwinden. "Wo aber Gefahr ist, wächst / Das Rettende auch" heißt es bei Friedrich Hölderlin. So hat das Kinderschutzzentrum bereits in seiner Münchner Zeit ein weltweit anwendbares Lernprogramm im Internet entwickelt, um sexuellen Übergriffen vorzubeugen. Und in der Theologie ist das Verständnis dafür schon lange gewachsen, dass die Kirche nicht nur eine perfekte Gesellschaft, sondern auch eine immerzu lernende Organisation ist, die sich ständig reformieren und wandeln muss.

Audio

Zum Nachhören

Kommentar im Münchner Kirchenradio zu den Missbrauchsskandalen

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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