Missbrauch bei Domspatzen Konzept zur Aufarbeitung

13.10.2016

422 Opfer von körperlicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch bei den Regensburger Domspatzen sind bekannt. Ein Aufarbeitungsgremium soll Licht in die dunkle Vergangenheit bringen – und stellt dafür ein konkretes Maßnahmenpaket vor.

Kloster Pielenhofen an der Naab: Von 1981 bis 2013 war hier die Domspatzen-Vorschule untergebracht.
Kloster Pielenhofen an der Naab: Von 1981 bis 2013 war hier die Domspatzen-Vorschule untergebracht.

Regensburg – Es waren denkwürdige Bilder, die sich am Mittwoch in Regensburg zahlreichen Medienvertretern boten: Bischof Rudolf Voderholzer Seite an Seite mit Peter Schmitt und Alexander Probst, zwei der mindestens 422 Opfer von Übergriffen bei den Regensburger Domspatzen. Beide Seiten sitzen seit Monaten fernab der Öffentlichkeit zusammen, um die Vorgänge aufzuarbeiten - und Wege zu finden, damit sich so etwas nie wiederholt. Es sind Gespräche, die offenkundig von Respekt und gegenseitigem Verständnis geprägt sind. Das betonen Bischof wie Betroffene. Voderholzer habe sich "immer konstruktiv eingebracht", sagt Schmitt.

Das Vier-Säulen-Modell

Drei Opfer, Bischof und Internatsdirektor bilden das eingesetzte Aufarbeitungs-Gremium. Nach acht gemeinsamen Treffen hat es nun seinen Zwischenbericht vorgestellt. In den vertraulichen Gesprächen hat das Aufarbeitungsgremium ein Vier-Säulen-Modell erarbeitet:

  • Säule 1: Es soll zusätzlich eine unabhängige Einrichtung als Anlaufstelle für all diejenigen eingeführt werden, die jene vom Bistum angebotenen Beratungen nicht annehmen wollen. Diese Anlaufstelle bildet das Münchner Informationszentrum für Männer (MIM). Dort bieten psychologisch geschulte Fachkräfte für die Domspatzen-Opfer kostenlose Therapie-Angebote an. Diese Säule entspricht einer dringenden Bitte der Betroffenen.

  • Säule 2: Anerkennungszahlungen: Sozialpädagogen und Psychologen werten gemeinsam die Unterlagen aus und beurteilen aufgrund dessen, wie schwer der Missbrauch war. Die Höhe der Zahlungen reicht von 5.000 Euro bis 20.000 Euro pro Opfer.

  • Säule 3: Es wird eine sozialwissenschaftliche Studie bei einem kriminologischen Institut in Wiesbaden in Auftrag gegeben. Gesetzmäßigkeiten sollen erforscht werden, die den Missbrauch gefördert oder zumindest nicht verhindert haben. Die Studie soll außerdem Ergebnisse liefern für noch effektivere und nachhaltigere Präventionsmaßnahmen.

  • Säule 4: Es wird auch eine historische Studie geben. Diese nimmt die Besonderheiten der Domspatzen-Einrichtung in den Blick. Die zeitgenössische Wahrnehmung und vieles mehr sollen erforscht werden, um möglichst viel Licht ins Dunkel zu bringen.

Bischof Rudolf Voderholzer hat Bewegung in die Aufarbeitung gebracht.
Bischof Rudolf Voderholzer hat Bewegung in die Aufarbeitung gebracht. © Uwe Moosburger

Gespräch mit Kardinal Müller geplant

Bischof Rudolf Voderholzer betont: „Wir können das Geschehene nicht wiedergutmachen, aber zeigen, dass es uns Leid tut. Und wir wollen für künftige Generationen daraus lernen.“ Warum die Aufarbeitung erst jetzt erfolgt und Voderholzers Vorgänger, Kardinal Müller, nichts unternommen hat? Bischof Voderholzer möchte dazu im Moment nichts sagen. Denn: ein Gespräch mit Müller ist bereits anberaumt. Und da wird man ihn genau das auch fragen.

Jahrzehntelang wurden Schüler der Regensburger Domspatzen körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht. Aus den Jahren 1945 bis Anfang der 90er Jahre sind 422 Opfer bekannt – es gibt vermutlich aber noch mehr. Der Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber ist seit Mai 2015 als unabhängiger Sonderermittler eingesetzt. Weber geht von insgesamt 600 bis 700 Opfern aus. Seinen Abschlussbericht will Weber Anfang 2017 vorlegen. (ut/KNA)

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, hat den Zwischenbericht zur Aufarbeitung jahrzehntelanger Übergriffe bei den Regensburger Domspatzen gewürdigt. Die Aufarbeitung sei in Regensburg nach 2010 zunächst "nicht gut gelaufen", so der Beauftragte. Daher sei es "wohltuend und ein wichtiges Signal an Betroffene" zu erfahren, dass aus den Fehlern und den Versäumnissen der Vergangenheit offenbar gelernt worden sei.


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