Wiesn-Gottesdienst Kraft für den Trubel

27.09.2019

Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg feierte am Donnerstag den traditionellen Wiesn-Gottesdienst. Danach stieg er in die Achterbahn.

Schiff ahoi, volle Fahrt voraus! Nach der Segnung drehte Weihbischof zu Stolberg eine fröhliche Runde in der neuen Achterbahn „Kinzlers Pirateninsel“.
Schiff ahoi, volle Fahrt voraus! Nach der Segnung drehte Weihbischof zu Stolberg eine fröhliche Runde in der neuen Achterbahn „Kinzlers Pirateninsel“. © Kiderle

Es gibt vielfältige Möglichkeiten, Zeit auf dem Münchner Oktoberfest zu verbringen. Ein Familientag inklusive Achterbahnfahrt, ein romantischer Spaziergang mit Lebkuchenherz und Riesenrad oder ein feucht-fröhlicher Zeltbesuch in geselliger Runde. Um zu beten kommt hingegen wohl kaum jemand auf das größte Volksfest der Welt – normalerweise. Anders sieht es jährlich am Vormittag des ersten Donnerstags aus, an welchem traditionell der sogenannte „Wiesn-Gottesdienst“ gefeiert wird.

Kraft für den Trubel

9 Uhr auf der Festwiese: Es ist beinahe noch menschenleer. Fahrgeschäfte, Zelte und Imbissbuden sind noch geschlossen. Doch vor dem Marstall-Zelt hat sich bereits eine lange Schlange gebildet. Hier findet der Wiesn-Gottesdienst, der schon seit 1956 Tradition hat, nun bereits zum fünften Mal statt.

Sascha Ellinghaus, Leiter der katholischen Circus- und Schaustellerseelsorge in Deutschland, hat im Voraus einen Großteil der Organisation übernommen. Der 47-Jährige ist kein gewöhnlicher Priester: „Ich habe keine Kirche vor Ort, in die ich einladen kann, sondern ich komme zu den Leuten. Ich feiere dort, wo sie leben und arbeiten, in ihrer Mitte Gottesdienste und spende Sakramente.“ Ellinghaus weiß, wie anstrengend die zwei Oktoberfestwochen für die Schausteller sind. „Der Gottesdienst soll ihnen die Möglichkeit geben, eine Stunde Ruhe für sich zu finden. Das gemeinsame Singen, Beten und Feiern möge ihnen wieder Kraft geben, neu in den Trubel einzusteigen.“

Bühne als Altarraum

Schließlich öffnen sich die Tore des Zeltes, und die Menschen strömen hinein. Die Bühne, auf der normalerweise die Festmusikanten ihren Stammplatz haben, fungiert heute als Altarraum. Bevor der Gottesdienst beginnt, wird noch drei Schausteller-Kindern die Taufe gespendet.

Mit einem festlichen „Lobe den Herren“ eröffnet die Stadtkapelle Warendorf aus dem Münsterland im Anschluss den Einzug in den ökumenischen Gottesdienst. Hauptzelebrant ist der Münchner Weihbischof Rupert Graf zu Stolberg, der für diesen Anlass sogar die parallel stattfindende Bischofskonferenz einen Tag früher verlassen hat.

Gemeinsam mit ihm zelebrieren unter anderem Ellinghaus, die Regionalseelsorger Pater Paul Schäfersküpper und Pfarrer Manfred Simon. Für die evangelische Circus- und Schaustellerseelsorge ist Pfarrer Christian Edelmann vertreten. Das Festzelt ist gut gefüllt, unter den Gästen sind Münchner Stadträte, Festwirte und Vertreter der Schaustellerverbände.

Lebensanker in Gott

Christsein und Feiern sei kein Widerspruch, sondern gehöre zusammen, betont der Weihbischof zu Beginn. In seiner Predigt erinnert er an den Ursprung des Oktoberfestes, die Hochzeit von Kronprinz Ludwig I. und Prinzessin Therese 1810. Die Beständigkeit der Hochzeit stehe auch heute noch in Verbindung mit dem auf den ersten Blick schnelllebigen, „unbeständigen“ Volksfest.

„Dass einer Gesellschaft zum Feiern zu Mute ist, ist immer auch ein Ausweis dafür, dass sie stabil ist“, führt Weihbischof Graf zu Stolberg aus. Zudem sei gerade die Unbeständigkeit des Schaustellerlebens ein Grund für die Sehnsucht nach echten, stabilen Beziehungen und Freundschaften. Sicherheit gebe zudem stets der „Lebensanker in Gott“.

Weihbischof auf Achterbahn

Der Gottesdienst wird mit der Bayernhymne abgeschlossen. Für Weihbischof zu Stolberg bedeutet dies jedoch keineswegs „Dienstschluss“: einen letzten Programmpunkt gibt es noch. Angeführt von der Warendorfer Stadtkapelle ziehen die Geistlichen, begleitet von Gottesdienstbesuchern und Schaulustigen, über die Festwiese. Ziel ist die in diesem Jahr neu eröffnete Familienachterbahn „Kinzlers Pirateninsel“, die der Weihbischof persönlich segnet. Geschäftsbetreiber Willy Kinzler zeigt sich sichtlich bewegt: „Das ist für uns eine große Ehre!“ Zum Dank spendiert er allen anwesenden Geistlichen eine fröhliche Gratisfahrt. (Katharina Zöpfl)

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