Schwer Krebskranke reisen zusammen nach Rom Kraft und Mut bekommen

15.04.2019

24 Palliativpatienten sind mit Unterstützung eines Landshuter Vereins nach Rom gefahren. Die Ewige Stadt hat die schwer Kranken beeindruckt - vor allem die Audienz mit Papst Franziskus.

Papst Franziskus fährt bei der Generalaudienz ganz nah an der Pilgergruppe vorbei.
Papst Franziskus fährt bei der Generalaudienz ganz nah an der Pilgergruppe vorbei. © privat

Landshut/Rom – Noch einmal verreisen, endlich einmal nach Rom kommen, sich etwas Gutes tun. Diese Wünsche haben sich für 24 Schwerstkranke nun erfüllt. Ohne ärztliche und pflegerische Unterstützung, ohne eine Gruppe würden sich das viele nicht mehr zutrauen. Auch wenn die Lebenszeit begrenzt ist, wollen sie am Leben teilhaben und dazugehören – in dem Rahmen, wie jeder es selbstbestimmt möchte.

„Ich bin noch nie geflogen und war auch noch nie in Rom,“ erzählt eine Patientin aus Dingolfing. „Und ich habe mich riesig gefreut, dass ich mitfahren darf. Ich war bisher immer nur für andere da und jetzt macht jemand was für mich.“

Zusammen mit 23 anderen Palliativpatienten im Alter zwischen 32 und 88 Jahren war sie nun vier Tage in Rom, unterstützt von einem ehrenamtlichen Team von Ärzten, Pflegenden aus der Onkologie und der Palliativmedizin, Hospizhelfern und Betreuern. Alles wurde organisiert – vom Einchecken am Flughafen über eine zentrale Unterkunft in Rom und Besichtigungen bis hin zu einer Papstaudienz. Da viele Patienten und ihre Familien durch die Erkrankung auch finanziell in einer schwierigen Situation sind, übernahm die Reisekosten der „Verein zur Verbesserung der ambulanten onkologischen und palliativ- medizinischen Versorgung in Landshut und Umgebung“.

Nach der Landung in Rom ist der Flugzeugkapitän über Lautsprecher zu hören: „Die Gruppe des „On-on-kologie“- Vereins Landshut möchte ich bitten, noch etwas hier im Flugzeug zu warten, bis die Kollegen vom italienischen Mobilitätsservice eingetroffen sind.“ Wegen des Gestotters geht ein Lachen durch die Gruppe. Begriffe wie Onkologie sind für sie alltäglich, nicht aber für viele andere.

„Dem Leben mehr Tage geben“

Petersplatz, Fotos am Brunnen mit der großen Wasserfontäne, Kolosseum und St. Paul vor den Mauern mit den Porträts aller Päpste – die Ewige Stadt beeindruckt mit ihrer Vielfältigkeit. Ursula Vehling-Kaiser, eine niedergelassene Hämatoonkologin und Palliativmedizinerin aus Landshut, ermöglicht dies alles. Unterstützung erhält sie von Marlis Flieser-Hartl, der Geschäftsführerin der „Lakumed“-Kliniken in Landshut und Umgebung, die ebenfalls die Reisegruppe nach Rom begleitete. Vehling-Kaiser kümmert sich um eine umfassende Versorgung all ihrer Krebspatienten. „Palliativversorgung heißt nicht, daheim oder in einem Hospiz abzuwarten, dass das Leben zu Ende geht. Palliativversorgung heißt, Menschen am ganz normalen Leben teilhaben zu lassen. Ihnen Mut zu machen, etwas zu unternehmen, und ihnen zu zeigen, dass sie dazugehören.“

Dies entspricht der Definition der Weltgesundheitsorganisation: „Palliativversorgung ist ein Ansatz, der die Lebensqualität von Patienten mit lebensbedrohenden Erkrankungen und deren Familien verbessert, … auf körperlichen, psychosozialen und spirituellen Ebenen.“ Palliativversorgung will aufzeigen, was schwer kranke Menschen noch können und nicht darauf fokussieren, was nicht mehr geht. Cicely Saunders, die Begründerin der modernen Hospizbewegung, formulierte es so: „Dem Leben mehr Tage geben und den Tagen mehr Leben geben.“

Die Audienz mit Papst Franziskus ist für viele der Höhepunkt der Reise. Das Frühstück fällt an diesem Tag kurz aus, da alle rechtzeitig zum Petersplatz wollen. Nach dem Sicherheitscheck finden alle Patienten auf Rollstühlen rechts und links vom Mittelgang ganz vorne Platz. Als die Pilgergruppe Onkologie-Hilfe Landshut begrüßt wird, klatschen alle begeistert. Dann steigt die Aufregung. Wann biegt das Papamobil mit Papst Franziskus in unseren Gang? Immer wieder gehen die Blicke nach links und rechts. Kurz danach ist es so weit. Der Heilige Vater fährt im Papamobil dicht an der Gruppe vorbei. „Es ist ein ganz besonderes Gefühl, wenn er so nahe ist,“ schwärmt eine Teilnehmerin. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich dies noch mal erleben darf.“

„Das war für mich ein ganz besonderer Moment“

Während der italienischen Ansprache von Papst Franziskus hören alle gespannt zu. Man spürt, dass ihm das Thema wichtig ist. Es ist kein reines Ablesen, er wiederholt manche Aspekte, fordert die Zuhörer auf, zu wiederholen. Es geht um Miteinanderteilen und Solidarität. Zum Abschluss wird mit vielen Tausenden gemeinsam das Vaterunser auf Lateinisch gebetet. „Das war für mich ein ganz besonderer Moment“, betont ein Teilnehmer. „Ich saß nur da, hatte die Augen geschlossen und ließ den Augenblick wirken.“

Die Reisegruppe vor St. Paul vor den Mauern, rechts Initiatorin Ursula Vehling-Kaiser
Die Reisegruppe vor St. Paul vor den Mauern, rechts Initiatorin Ursula Vehling-Kaiser © privat

Das Reisen in der Gruppe gibt Rückhalt, alle gehen sehr vertrauensvoll miteinander um. Viele verbinden ähnliche Fragen: Wie lange wirkt die Therapie? Wie viel Zeit bleibt mir noch? Oder die Erfahrungen, dass Freunde oder Verwandte mit der Erkrankung nicht umgehen können und den Betroffenen damit allein lassen. Man ist in der Gruppe nicht der Einzige, der zum Gehen einen Stock braucht oder einen Rollstuhl. Das alles ist hier normal. Und man sitzt zusammen in der Osteria, lacht und genießt das Essen mit einem Glas Vino bianco.

„Wer für heute Nacht noch etwas braucht, sagt mir bitte Bescheid, dann regeln wir das.“ Tanja Kraus, die Organisatorin, arbeitet in der ambulanten Palliativversorgung in Landshut. In Rom ist sie rund um die Uhr ansprechbar, kennt die Patienten gut und ist für viele eine Vertraute. Sie denkt mit, spricht vieles offen an. Dies erleichtert es den Patienten, Hilfe anzunehmen und ihre Sorgen mitzuteilen.

Am letzten Tag der Reise feiert Pfarrer Werner Demmel mit der Gruppe eine Messe am Grab von Papst Johannes Paul II. in der St.-Sebastianus-Kapelle im Petersdom. „Diese Messe hat mir richtig Kraft und Mut gegeben,“ ist ein Teilnehmer danach begeistert.

Palliativversorgung ist umfassend. Bis jedoch auch die psychosoziale und spirituelle Ebene für viele Patienten zugänglich ist und ein Flugzeugpilot den Begriff Onkologie kennt, wird es noch etwas dauern. Aber solche Reisen zeigen, was alles möglich ist. „Ich bin sehr froh, dass ich mitgefahren bin,“ resümiert ein Teilnehmer beim Rückflug. „Anfangs war ich sehr skeptisch, ob mich das nicht runterzieht. Aber das Gegenteil war der Fall.“ (Anne Glöggler)


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