Sensationslust und Ignoranz Kritik an Gaffern wächst

08.09.2017

Bei einem schweren Unfall zählt für einen eingeklemmten Autofahrer mitunter jede Sekunde. Gaffer und ignorante Fahrer machen den Einsätzkräften das Leben aber schwer und gefährden das der Opfer. Auch die Malteser haben diese Erfahrung schon gemacht.

Leider keine Seltenheit mehr: Passanten machen Fotos von Unfällen mit dem Smartphone und posten diese oft sogar in sozialen Netzwerken.
Leider keine Seltenheit mehr: Passanten machen Fotos von Unfällen mit dem Smartphone und posten diese oft sogar in sozialen Netzwerken. © imago

So mancher Autofahrer ärgert sich bei einem Stau über den Zeitverlust, dreht die Musik lauter – und überhört das Martinshorn; Platz für eine Rettungsgasse zu machen, hat er natürlich auch vergessen; und mit dem Handy versucht er noch, ein Gaffer-Video fürs Netz zu drehen. Alltag auf deutschen Autobahnen, der sich auch vor kurzem bei dem Busunfall mit 18 Toten in Oberfranken gezeigt hat. Karl Philipp Ehrler, Bürgermeister der Marktgemeinde Stammbach in der Nähe des Unfallorts, beobachtete, wie ein Pkw auf Höhe des ausgebrannten Busses „seelenruhig auf den Standstreifen fuhr und anhielt“. Der Fahrer sei sogar ausgestiegen, „um das Unglück in Ruhe betrachten zu können“, sagte der CSU-Politiker „Spiegel Online“.

Die Würde der Opfer schützen

Der Malteser Hilfsdienst ergänzt, dass es „immer schon schlimm“ mit Gaffern gewesen sei. „Aber in den letzten Jahren kommt nun auch noch das Filmen dazu“, beschreibt Sprecher Klaus Walraf den Eindruck vieler Helfer. In einigen Regionen versucht die Feuerwehr deswegen, mit großen Stellwänden die Unfallstellen abzuschirmen. „Damit soll primär die Würde der Opfer geschützt werden“, erläutert die Sprecherin des Deutschen Feuerwehr- Verbands, Silvia Darmstädter. Die Retter wollten aber auch den Effekt ausschalten, dass im Gegenverkehr die Aufmerksamkeit eines Fahrers abgelenkt werde, er abbremse und einen Folgeunfall verursache.

Neugier nicht grundsätzlich verteufeln

Neugier ist als eine Grundeigenschaft des Menschen laut ADAC nicht per se zu verteufeln. „Gewinnt aber die Sensationslust zu sehr an Bedeutung, werden sicherheitsrelevante Hemmnisse schnell über Bord geworfen“, heißt es beim größten Automobilclub Deutschlands. Vielen Schaulustigen fehle häufig das Bewusstsein für die tatsächliche Lage am Unfallort: „Sie können die Auswirkungen ihrer Handlungen nicht ermessen und stellen ihre eigenen Motive der Sensationsbefriedigung über die Bedürfnisse anderer.“ Ein Problem der Filmerei an Unfallstellen sei, dass „hohe Klickzahlen oder ‚Gefällt-mir-Angaben‘“ die Gaffer später in ihrem Verhalten bestätigten. Kritik dagegen bleibe oft aus. Stattdessen fungiert die Kamera dem ADAC zufolge häufig als Filter zwischen Schaulustigem und Situation „und verleiht dem Filmenden eine gewisse Anonymität, ein Versteck sozusagen“. Dabei entferne sich der Betreffende noch weiter von der schrecklichen Wirklichkeit des Unfalls.

Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren

Der Bußgeldkatalog sieht für die Ordnungswidrigkeit „Gaffen“ ein Bußgeld von 20 bis 1.000 Euro vor. Bei unterlassener Hilfeleistung oder dem Filmen handelt es sich sogar um eine Straftat, bei der eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe droht. Bayerns Innenminister Joachim Herr-ann (CSU) kritisierte nach dem Unfall ein „völlig unverantwortliches Verhalten“ mancher Autofahrer im Stau. Der ADAC sieht bei der Rettungsgasse im Gegensatz zum Gaffen allerdings eher ein unbewusstes Fehlverhalten der Autofahrer. Viele wüssten im Ernstfall schlicht nicht, wo sie ihr Gefährt hinsteuern sollten.

Aufklärung wichtig

Aufklärung tut not. „Wir werben in den Sozialen Medien für die Rettungsgasse“, betont Malteser-Sprecher Walraf. Auch der ADAC postete einen Tag nach dem Busunglück seinen Gassen-Clip: Auf mehrspurigen Autobahnen auf der linken Spur nach links und auf den anderen nach rechts ausweichen! Die Polizeigewerkschaft fordert ein Bußgeld von mindestens 200 Euro für „Rettungsgassenmuffel“. Den Helfern ist zudem aufgefallen, dass viele Fahrer nach dem ersten Rettungsfahrzeug die Gasse wieder schließen. Dabei sei in den seltensten Fällen nur ein Einsatzwagen unterwegs. „Bei jedem weiteren Versuch, die Gasse zu bilden, verkeilen die Autos mehr und die Retter benötigen noch länger“, betont eine ADAC-Sprecherin. Sie verweist zudem auf einen positiven Nebeneffekt für alle Fahrer: Der Stau löst sich am schnellsten auf, wenn die Retter zügig am Unfall ankommen und dementsprechend auch schneller wieder abziehen können. (Rainer Nolte)

Tassilo Maier in einem Einsatzwagen der Malteser
Tassilo Maier in einem Einsatzwagen der Malteser © privat

Schaulustige am Unfallort machen ihn wirklich sauer
Tassilo Maier (43) ist Rettungsassistent bei der Malteserwache München Land in Gräfelfing.

MK: Wurden Sie schon von Schaulustigen beim Rettungseinsatz behindert?
MAIER: Es gibt leider immer wieder Schaulustige und Gaffer. Aber durch mein Auftreten, ich bin 1,95 Meter groß, passiert es mir relativ selten, dass ich an meiner Arbeit gehindert werde. Ich verschaffe mir da meinen Platz, um mich voll und ganz auf den Patienten konzentrieren zu können. Manchmal muss man auch mal jemanden eindeutig zur Seite schieben oder bestimmt zurecht weisen. Hin und wieder berichten Kolleginnen, dass am Unfallort Herumstehende behaupten, es besser zu wissen, und ihnen versuchen, Anweisungen zu geben, wie sie zu handeln hätten. Das ist schon
störend.

MK: Können Sie sich an eine Situation besonders erinnern?
MAIER: Ich erinnere mich an einen Fall, als ein Lastwagen zwei Frauen vor einem Supermarkt überfahren hat. Es war ein Samstag und der Parkplatz war voller Schaulustiger, als der Rettungshubschrauber gelandet ist. Die Feuerwehr hat dann die Unfallstelle mit tragbaren Sichtschutzwänden vor den Blicken der Gaffer geschützt, so dass wir in Ruhe arbeiten konnten.

MK: Wie haben Sie diese Situation empfunden?
MAIER: Ich war wirklich sauer. Es gibt einfach zusätzlichen Stress, wenn ich meine Arbeit nicht in Ruhe verrichten kann. Stressfaktoren gibt es am Unfallort bereits genug, da kann man das nicht gebrauchen. Ich habe auch in der Situation gar keine Zeit, mich mit störenden Gaffern auseinanderzusetzen oder ihretwegen die Polizei zu rufen. In der Notfallvorsorge zählt jede Sekunde und wir brauchen hundertprozentig unsere Konzentration für die Versorgung des Patienten.

MK: Was denken Sie über Schaulustige?
MAIER: Auf Autobahnen sieht man ständig, dass Leute ihre Handys rausholen, um Bilder vom Unfallort, von total zerstörten Autowracks zu machen. Ich will nicht wissen, wie oft ich schon auf Facebook zu sehen war. Viele interessiert auch nicht, dass die Behinderung von Einsatzkräften auch strafrechtliche Folgen hat. Je spektakulärer ein Unfallgeschehen ist, zum Beispiel wenn ein Hubschrauber landet, desto eher werden Handys gezückt und Fotos gemacht.

Interview: Florian Ertl


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