Sudetendeutsches Museum München Kultur und Geschichte der Vertriebenen

08.04.2021

Sie hatten ein paar Kisten und Säcke auf klapprigen Leiterwagen. Im Frühjahr 1946, vor 75 Jahren, erreichten die Vertreibungen der Sudentendeutschen ihren Höhepunkt. Sie mussten ihre Heimat im heutigen Tschechien und der Slowakei verlassen. Das Museum zeigt ihre Geschichte.

Gegenstände, die Vertriebene aus ihrer alten sudetendeutschen Heimat nach Bayern gebracht haben.
Berührende Zeugnisse: Gegenstände, die Vertriebene aus ihrer alten sudetendeutschen Heimat nach Bayern gebracht haben. © Sudetendeutsches Museum/S.Weise

München - Im letzten Teil der Ausstellung fliegt scheinbar Gerümpel durch die Luft. Weidenkörbe, ein Rucksack, ein dick gefütterter Winteranzug, Bettwäsche, sogar ein Kruzifix. Am Boden steht ein Leiterwagerl. Es sind gespendete Objekte und die früheren Besitzer erzählen, warum diese Dinge für sie so wichtig waren. Die Inszenierung im Sudetendeutschen Museum macht deutlich, was die Vertreibungen bedeuteten, bei denen 1946 über zwei Millionen Menschen die heutige Tschechische Republik und die Slowakei verlassen mussten. Ihr ganzes Leben war durcheinander gewirbelt und nur das Allernotwendigste konnten sie mitnehmen. Die Vertreibung bedeutete das Ende einer vielfältigen Kulturlandschaft, die einer widrigen Natur abgetrotzt war. Das Gebiet der im Mittelalter angesiedelten, meist deutschsprachigen Siedler lag auf kargen Mittelgebirgszügen.

Kreatives Völkergemisch

Gleich zu Beginn der Schau sind Granit-, Quarz- und Basaltplatten aufgebaut. Über ihnen tönt aus Lautsprechern ein Stimmengewirr: verschiedene deutschböhmische Dialekte, tschechisch, aber auch jiddisch. „Wir wollen die unterschiedlichen Gruppen hörbar machen, die hier meistens friedlich zusammengelebt haben“, erklärt Michael Henker. Die rauften sich zu einer kreativen Mischung zusammen. Der Museumsleiter führt Besucher gerne vor eine sogenannte Egerer Intarsienarbeit: Es ist eine aus verschiedenen Hölzern zusammengesetzt Tür eines Reliquienschreins, die eine biblische Szene zeigt. Auf ähnliche Meisterwerke sind sogar Museen in London oder Paris stolz.

Ein solches Spitzenstück ist aber eher die Ausnahme im Sudetendeutschen Museums. Viel mehr zeigt und sammelt es die Alltagskultur vor und nach der Vertreibung. Der sudetendeutsche Gewerbefleiß und Erfindergeist genoss internationale Anerkennung. Dafür steht in der Dauerausstellung unter anderem eines der längsten Motorräder der Welt, das ein sudentendeutscher Tüftler und Mechaniker konstruiert hat. Fast drei Meter ist es lang und konnte, ohne Seitenwagen, eine vierköpfige Familie transportieren.

Religion als Halt der Vertriebenen

Egal ob Maschinenbau, Fahrräder, Textilien, die weltbekannten Thonet-Stühle oder das berühmte böhmische Glas: die Industrie blühte in den ehemaligen sudetendeutschen Gebieten. Dazu trugen vor 1938 auch über 120.000 jüdische Bürger bei. Wie die Nationalsozialisten sie verfolgten und ermordeten, spart das Museum nicht aus. Ebenso wenig die politische Radikalisierung weiter Teile der deutschsprachigen Bevölkerung in der damaligen Tschechoslowakei. Die war ein kleiner Vielvölkerstaat. An barrierefrei aufgebauten Flachbildschirmen können die Besucher dazu Karten und Statistiken aufrufen. Im 20. Jahrhundert verschärften sich die nationalistischen Gegensätze. Sogar Fahrräder mussten dafür herhalten: Die Ausstellung zeigt eines der Marke "Slavia" und eines der Marke "Germania", deren Weg sich gabelt und immer weiter auseinander läuft, obwohl sie beide aus böhmischen Fabriken kommen.

Das reiche religiöse Leben und oft gemeinsam gepflegte Brauchtum konnte die unterschiedlichen nationalen Gruppne in der damaligen Tschechoslowakei nicht aussöhnen und zusammenschweißen. In zwei großen Vitrinen sind Fotos von Synagogen, Heiligenfiguren, Christbaumschmuck aber auch ganze Reihen von Gebetbüchern ausgestellt. Verlage in Winterberg oder Neuhaus druckten sie millionenfach, auch für den Export in die Vereinigten Staaten.

Lebendiges Erinnerungsreservoir

Nach der Vertreibung wurde die Religion noch wichtiger. Michael Henker zeigt auf ein unscheinbares grünes Heft, das nach 1946 in fast jedem katholischen Sudentendeutschen Haushalt lag: „Es gab eine eigene Vertriebenenseelsorge und die hat sogar ein eigenes Gesangsbuch zusammengestellt.“ Nicht zuletzt der christliche Glaube hielt die Sudetendeutschen zusammen. Oft war er das Einzige, das die in Bayern massenhaft angekommen „Flüchtlinge“ mit der alteingesessenen Bevölkerung verband. Doch auch da ließen die Einheimischen die Vertriebenen spüren, dass sie nicht richtig dazu gehörten. Auf einer Texttafel ist die Erinnerung einer Frau zu lesen. Vor rund 70 Jahren feierte sie als Vertriebene in einem schwäbischen Dorf Erstkommunion.  Alle Kinder erhielten dazu von einer begüterten Bäuerin eine Glückwunschkarte und eine Tafel Schokolade: „Nur wir beiden Flüchtlingskinder, wir bekamen nur Karten.“ So erzählt das Sudetendeutsche Museum auch von den alltäglichen Verletzungen, die Flüchtlinge zu jeder Zeit und auch heute erleben.

Gleichzeitig dokumentiert es eine Integration, die sich 1946 wohl kaum jemand vorstellen konnte. Die durcheinander gewirbelten und traumatisierten Menschen fanden eine neue Heimat, ohne die alte zu vergessen. „Wir sehen das Haus als lebendiges Erinnerungsreservoir für eine reiche Kulturgeschichte mit vielen Einflüssen“, sagt Michael Henker. Den ideologischen und nationalistischen Hass, der im 20. Jahrhundert ihr Ende herbeigeführt hat, benennt das Sudetendeutsche Museum sachlich und klar. „Aber auch dass wir jetzt im 21. Jahrhundert auf einem anderen Weg sind.“ Und der Museumsleiter deutet auf Bilder, die tschechische und deutsche Pilger auf gemeinsamen Wallfahrten zeigen.

Das Sudetendeutsche Museum in der Münchner Hochstraße 8 ist pandemiebedingt zurzeit geschlossen. Die neuen Öffnungszeiten stehen noch nicht fest.

Audio

Beitrag im Münchner Kirchenradio über das Sudetendeutsche Museum

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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