Kunst in der Corona-Krise Kulturschaffende sind in "dreifacher Not"

21.12.2020

Viele Kulturschaffende sind frustriert. Mit ihren Anliegen wenden sie sich an Ulrich Schäfert, Leiter des Fachbereichs Kunstpastoral im Erzbischöflichen Ordinariat. Er hält es für möglich, dass Pfarreien die Künstler unterstützen.

Lichtinstallation in der Münchner Kirche St. Korbinian
Lichtandachten an den Adventswochenenden: In der Münchner Kirche St. Korbinian setzen bekannte Lichtkünstler mit ihren Installationen ein Zeichen der Hoffnung. © Kiderle

mk online: Mit welchen Anliegen wenden sich derzeit Kulturschaffende an Sie?

Ulrich Schäfert: In vielen Gespräche zeigt sich aus meiner Sicht eine dreifache Not: Erstens ist es vielen ein großes Anliegen, überhaupt kommunizieren zu können in dieser Zeit. Das Gegenüber eines Künstlers ist das Publikum. Nur in diesem Dialog, in der Auseinandersetzung und im Kontakt mit Publikum kann Kunst entstehen. Das ist der Antrieb, das Herzblut eines jeden Künstlers. Weil alle Institutionen jedoch bis auf kommerzielle Galerien geschlossen sind, beziehungsweise nur online etwas machen können, fällt dies weg und wir als Kirche besitzen somit derzeit fast ein Kulturmonopol, vor allem im Bereich musikalischer Aufführungen oder schauspielerischer Lesungen.

Die zweite Not, mit der viele ringen, ist, dass sie gesellschaftlich fast völlig abgehängt sind. Es herrscht offen Verärgerung darüber, wie die Politik Kultur einschätzt und/oder mangelnd wertschätzt. Es frustriert, dass Kunstschaffende unter „Freizeiteinrichtungen“ laufen und bezüglich der Hygienevorschriften wie Bars und Bordelle eingeordnet werden.

Drittens leiden natürlich viele auch unter großer finanzieller Not. Sie berichten, dass sie bald keine Miete mehr bezahlen können, dass die Uhr der Großeltern, das alte Familienerbstück, jetzt verkauft werden muss, weil der Lebensunterhalt sonst nicht mehr zu finanzieren ist. Und es ist zudem kaum eine Perspektive in Sicht.

Ein Gesamtkonglomerat aus Verzweiflung, Perspektivlosigkeit und Frust …

Schäfert: Ganz genau. Wir haben Gott sei Dank auch hilfreiche Partner, wie etwa das „Paul-Klinger-Künstlersozialwerk“, das für Künstler unkompliziert Rechtsberatungen übernimmt oder den Künstlern hilfreiche Tipps gibt und ihnen Förderantragsmöglichkeiten aufzeigt.

Wie sieht es mit finanzieller Unterstützung aus?

Schäfert: Ich höre, wie frustrierend es ist, sich über Wochen und Monate mit komplizierten Anträgen auf Unterstützung auseinanderzusetzen, in denen oft auch der Künstlerstatus aus versicherungsrechtlichen Dingen infrage gestellt wird. Aus solchen und ähnlichen Gründen sind hier immer wieder ganze Gruppen durch das Raster gefallen. Viele Künstler sind aber auch sehr zurückhaltend und zu stolz, um lautstark etwas zu fordern.

Was können Pfarreien tun, um in Corona-Zeiten freischaffende Künstler zu unterstützen?

Schäfert: Alle Pfarreien haben einen Gottesdienst-Etat, und dieser sollte und muss hierfür ganz zentral angegangen werden. Es ist ein großes Geschenk, dass wir in diesen Zeiten die Freiheit haben, Gottesdienste vor Ort feiern und sie feierlich gestalten zu dürfen. Das bietet eine riesige Chance für Künstler und für unsere Pfarreien. Treten wir in einen gemeinsamen Dialog, bauen wir freischaffende Musiker, Schauspieler und Tänzer in die Liturgie ein, lassen wir sie ihr Persönlichstes hier mit einbringen, weil es die Not derzeit gebietet, aber auch, weil es uns selbst beschenkt und bereichert! Pfarrer Rainer Hepler und ich stehen dabei gern als beratende Ansprechpartner und für Kontakte zur Verfügung. (Interview: Florian Ertl, stv. Chefredakteur der Münchner Kirchenzeitung)

Der Fachbereich Kunstpastoral ist erreichbar unter 089/53819748 oder per Mail  und auf der Homepage der Erzdiözese zu finden.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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