Aschermittwoch der Künstler Kunst und Kirche sind Partner

24.02.2020

Bilder sind mehr als Deko-Material, Literatur und Theater sollen nicht nur unterhalten. In der Kunst geht es um mehr, darum ist die Kirche als Gesprächspartner und Auftraggeber wichtig.

Künstlerseelsorger Rainer Hepler am Aschermittwoch im Münchner Dom
Künstlerseelsorger Rainer Hepler am Aschermittwoch im Münchner Dom © Kiderle

Der Dom wird wieder voll sein, der anschließende Empfang sowieso. Am Aschermittwoch der Künstler kommt zusammen, was zusammengehört: Kirche und Kulturschaffende. Maler, Schriftsteller, Schauspieler im Dialog mit Verantwortlichen aus dem Bistum. Denn Menschen brauchen Bilder, gemalte, geschriebene und gespielte, um ihr Innerstes besser begreifen zu können. Darum sind Religion und Kunst seit jeher Verbündete. Neue Ausdrucksformen sind im Abendland bis ins 18. Jahrhundert hinein zuerst in und mit der Kirche gefunden worden, die auch ein Bild- und Kunstmonopol verwaltet hat. Diese Verbindung ist seit 200 Jahren locker geworden, die Kunst versteht sich als unabhängige, autonome Größe.

Moderne ignoriert

Entwicklungen der Moderne sind von der Kirche lange ignoriert oder sogar abgelehnt worden. Das hat vor allem ihr selbst geschadet, sie ist von der Spitze der Erneuerer nach hinten gerutscht, oft genug ist kirchliche Kunst ins Sentimental-Kitschige und allzu glatt und schnell Verständliche abgerutscht. Nur keine Experimente, die Gläubigen ja nicht überraschen oder gar verstören. Das muss Kunst aber immer wieder tun, um die Sinne neu zu schärfen und die Seelen wachzurütteln. Auch die Sixtinische Kapelle mit ihren ursprünglich ganz nackten Figuren war einmal ein Skandal, auch die Messen von Mozart oder Schubert klangen einmal ganz ungewohnt.

Nach dem Schock des Zweiten Weltkriegs und des Judenmordes in Europa haben sich zeitgenössische Kunst und Kirche wieder versucht anzunähern. Unter anderem mit dem Aschermittwoch der Künstler. Nicht immer ist es ein einfacher Dialog. Denn die Kulturschaffenden bestehen auf ihre errungene Freiheit und Unabhängigkeit, die Kirche auf ein Werk, das den Glauben anschaulicher macht, den Betrachter berührt. Einig sind sich beide nur darin, dass ein Kunstwerk Fragen auslösen soll: nach dem, woher der Mensch kommt, wie er in seiner Gesellschaft verantwortlich lebt und wie er mit Gott und dem Kosmos in Verbindung steht. Große Fragen, die ebenso wie ihre Antworten immer wieder in neuem Gewand erscheinen.

Oberammergau als Beispiel

Dafür braucht es geistige und architektonische Räume, wie sie die Kirche zu bieten hat und Künstler, die dafür Ausdrucksformen und Ausdrucksideen finden. In München steht der Aschermittwoch in diesem Jahr unter dem Zeichen der Oberammergauer Passionsspiele. Sie fußen auf einer 400jährigen Tradition und Kontinuität und haben trotzdem in den vergangenen Jahrzehnten eine enorme künstlerische Entwicklung und Veränderung erfahren: im Bühnenbild im Text, in der Darstellung.

Sie sind ein Beispiel dafür, wie sich das Verhältnis zwischen Kirche und Kunst aussehen kann: Die Kirche bietet den Stoff und die theologische Reflexion dazu. Engagierte Künstler bilden ihn immer wieder neu ab. Sie geben ihn weiter mit den Erfahrungen und Erwartungen der Gesellschaft, die sie umgibt und die sie gleichzeitig auch kritisieren. Dafür müssen beide Seiten im streitbaren und gleichzeitig konstruktiven Dialog bleiben, nicht nur am Aschermittwoch der Künstler.

Audio

 

 

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

© Ingens-Defregger

Kunst „für die Ewigkeit“

Susanne Wagner gestaltet als freie Künstlerin unter anderem Innenräume von Münchner Kirchen. Neben Sternen kommen dafür auch Tomaten zum Einsatz.

16.03.2020

Schlicht und einfach - und voller Kunst - ist die Hauskapelle des Erzbischöflichen Ordinariats in München.
© SMB

"Sonst ist es keine Kirche."

Kirchen sind viel mehr als nur Räume, in denen man betet und Gottesdienste feiert. Sie sind auch immer die Orte, an denen sich Kunst und Kultur sammeln. Aber wie viel Kunst braucht es eigentlich in...

04.03.2020

Besucherin betrachtet ein Bild der Ausstellung
© Kiderle

Ausstellungseröffnung Licht und Dunkel

Nikolaus Hipp stellt seine Bilder in der Klostergalerie St. Ottilien aus. Der Glaube spielt für ihn bei seiner künstlerischen Arbeit eine wichtige Rolle.

02.03.2020

Portrait von Pater Karl Kern mit Kreuz im Hintergrund
© Barbara Just/KNA

Pater Kern im Interview Die Jesuiten sind bei Filmschaffenden hoch im Kurs

Er wird die Trauerfeier für den verstorbenen Regisseur Joseph Vilsmaier leiten. Im Interview spricht Pater Karl Kern über die Gemeinsamkeit von Jesus und Regisseuren.

28.02.2020

Szene von Jesus Einzug nach Jerusalem aus den Oberammergauer Passionsspielen
© imago images / imagebroker

Kunst und Kirche Passionsspiele prägen „Aschermittwoch der Künstler“

Am Mittwoch feiert Kardinal Reinhard Marx Gottesdienst mit Kulturschaffenden im Münchner Liebfrauendom. Christian Stückl und das Passionstheater Oberammergau sind an der Gestaltung beteiligt.

25.02.2020

Loomit stellt sein Graffiti für die Sankt Maximilians-Kirche in München fertig.
© Kiderle

Spirituell sprayen Graffiti-Künstler Loomit und die Kirchenmalerei

Loomit gehört zu den international bekanntesten Malern, die mit der Spraydose arbeiten. Dabei sieht er sich in der Tradition barocker Künstler.

20.02.2020

© Stefanie Kloss

Documenta, Biennale und Co. Braucht der Glaube die Kunst?

Tausende fahren in den Sommermonaten zu großen Kunstschauen, zur documenta nach Kassel zum Beispiel, und suchen Anregung, Denkanstöße, Freiräume. Wir fragen: Braucht der Glaube die Kunst?

27.06.2017

Galerieleiter Jean Stock geht in den Ruhestand Brückenbauer zwischen Kunst und Kirche

Neun Jahre lang hat Wolfgang Jean Stock die Deutsche Gesellschaft für christliche Kunst (DG) und ihre Galerie in München geleitet. Zum Ende dieses Jahres geht der 66jährige Publizist und...

28.11.2014

Bischöfe warten mit Kunstprojekt zum Konzil auf

Mit einem bundesweiten Kunstprojekt wartet die katholische Deutsche Bischofskonferenz im nächsten Jahr auf. Anlass ist der Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) vor dann 50 Jahren....

24.09.2014

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren