Ausstellung Kunst zum Thema Demenz

15.02.2019

In der ehemaligen Karmeliterkirche in München hat die Künstlerin Karolin Bräg eine Stele mit Zitaten zum Thema Demenz gestaltet. Kardinal Reinhard Marx hat die Ausstellung eröffnet.

Die Künstlerin Karolin Bräg vor der von ihr gestalteten Stele mit Zitaten von Menschen, die Demente betreuen.
Die Künstlerin Karolin Bräg vor der von ihr gestalteten Stele mit Zitaten von Menschen, die Demente betreuen. © Krauß

München – Es ist das Band von oben. Das gemeinsame Gebet gibt mir Kraft. Wir sind schon im Verborgenen miteinander verbunden.“ Es sind Sätze wie diese, gesprochen von einer Frau, die eine demente Angehörige pflegt, die Karolin Bräg gesammelt hat wie kostbare Edelsteine. Jetzt sind sie zu lesen auf einer fünfseitigen Stele aus Holz, die in der ehemaligen Karmeliterkirche in der Münchner Innenstadt unter dem Titel „… weil du mich berührst“ ausgestellt wird. Den aufgedruckten Zitaten beigefügt sind Fotos von Händen. Sie erzählen von Zuneigung und Berührung, aber auch von Schwäche und Hilflosigkeit. Worte und Bilder spiegeln, dass Menschen aus dem Glauben heraus für die ihnen Anvertrauten sorgen – aber es gibt auch die Verzweifelten, die sagen: „Gott ist nicht mehr da!“

"Meine tiefste Erfahrung ist die Nächstenliebe"

Die Künstlerin Karolin Bräg, 1961 in Köln geboren und dort aufgewachsen, ist von ihren Eltern evangelisch erzogen worden, aber sie wurde auch von ihrer katholischen Großmutter geprägt, die ihr eine große Stütze war. „Ich habe beide Seiten intensiv erlebt“, sagt sie heute, „habe die Rituale und Traditionen erlebt. Das Verbindende ist die Menschlichkeit: Meine tiefste Erfahrung ist die Nächstenliebe!“ Es ist wohl diese Haltung, die Bräg befähigt hat, behutsam eine Tür zu öffnen zu Menschen, die demente Angehörige pflegen. Einige von ihnen müssen 24 Stunden täglich an sieben Tagen in der Woche für die Betroffenen da sein, weiß Maria Kotulek, die als Referentin der Fachstelle Demenz in der Abteilung Seniorenpastoral des Erzbischöflichen Ordinariats München arbeitet. Über ihr Netzwerk hat die Künstlerin Kontakt bekommen zu 25 Menschen, die Demente betreuen. Ihnen stellte sie allen dieselbe Frage: „Was gibt mir Kraft, um für meine Angehörigen da zu sein, und was nimmt mir die Kraft?“

Kardinal Reinhard Marx im Gespräch mit Karolin Bräg und Maria Kotulek (von links)
Kardinal Reinhard Marx im Gespräch mit Karolin Bräg und Maria Kotulek (von links) © Kiderle

Die stille Not

Die Antworten, die Bräg erhielt, sind „Zitate in der Zerrissenheit zwischen Liebe, Trauer, Wut und Ohnmacht“, wie der Untertitel der Ausstellung lautet. „Genau so verschieden, wie wir Menschen sind, wird eine solche Situation erlebt – und das muss man auch so stehen lassen.“ Die Künstlerin selbst hat in ihrer Familie erfahren, wie viele Schmerzen es bereitet, wenn über Verborgenes, Tabuisiertes nicht gesprochen wird. „Wenn ich im Geheimnis bleibe, dann bleibe ich in der Vergangenheit. Wenn ich darüber spreche, dann kann ich etwas Zukünftiges entwickeln“, davon ist sie überzeugt. Eine weitere Station ihres Weges war ein Aufenthalt in Japan, wo sie die tiefe Angst vor einem Erdbeben spürte, aber niemand darüber reden wollte. „Ich wollte damals durch Gespräche diese Angst teilen – und dadurch habe ich sie halbiert!“ Deshalb ist es Bräg auch wichtig, einen Weg zu suchen in die stille Not der im Verborgenen lebenden Menschen, die Demente pflegen. „Die Gesellschaft kann hier neue Wege gehen, die Bürokratie muss kleiner werden, und die Betroffenen sollten sich selbst Vertraute suchen dürfen, die mit ihnen in Kontakt stehen.“

"Wir müssen aufeinander achten"

Kardinal Reinhard Marx, der die Ausstellung eröffnete, betonte ebenfalls: „Es geht um die Menschlichkeit! Wir müssen aufeinander achten, damit niemand aus dem Boot geworfen wird!“ Und er fragte weiter: „Was kann die Kirche tun, damit diese Herausforderung bewältigt werden kann? Denn Liebe kann ich nicht kaufen, Zeit wird verschenkt – und von diesem Überschuss, der in Familien erbracht wird, lebt die Gesellschaft!“ Auch seine eigene Familie war von der Krankheit betroffen: „Meine beiden Tanten waren dement – die eine war fröhlich, konnte aber nicht mehr kommunizieren. Die andere war eher nicht fröhlich.“
Das Kunstwerk von Karolin Bräg soll nun sichtbar machen, was es heißt, mit dieser Krankheit umzugehen. Pfarrgemeinden sind eingeladen, die Stele, die zerlegbar und gut transportabel ist, von der Fachstelle Demenz auszuleihen, sie aufzustellen und – unterstützt durch eine Broschüre und Informationsmaterialen – ein Gespräch über das Thema anzuregen. In der Seelsorge für Betroffene bieten sich vier Schritte an, wie Referentin Kotulek erläutert: Zuerst das Hören – auch auf die Achterbahn der Gefühle von Betroffenen. Dann das Mit-Gehen – auch durch das Angebot von Kursen, umzu zeigen, dass der Einzelne nicht allein ist. Drittens das Mit-Suchen von Ressourcen, die Kraft schenken. Und schließlich das Mit-Deuten gerade auch von verzweifelten Situationen. „Als Seelsorgerin kann ich dann mit dem eigenen Da-Sein auch Gottes Da-Sein ausdrücken.“ (Annette Krauß)

Bis zum 15.02.2019 ist die Installation in der Karmeliterkirche (Karmeliterstraße 1) zugänglich, ab 18.02 (bis 22.02.) wird sie im Foyer der Kapellenstraße präsentiert. Ab März können Interessierte die Holz-Stele unter Telefon 089/2137-4306 für eigene Ausstellungen ausleihen.


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