Aufarbeitung Kunstprojekt zur Prävention von Kindesmissbrauch

01.07.2020

Künstler und Betroffene setzen mit Lichtkunst, Tanz und Lesungen ein Zeichen gegen Missbrauch. In der Heilig-Geist-Kirche in München wurde die Inszenierung gezeigt.

Eingehüllt in einem Kokon aus halb transparenten Stoff liegen die Tänzer auf dem Boden und versuchen sich zu befreien.
Eingehüllt in einem Kokon aus halb transparenten Stoff liegen die Tänzer auf dem Boden und versuchen sich zu befreien. © Kiderle

München – Vier junge Menschen liegen - jeder eingehüllt in einem Kokon aus halb transparenten Stoff – auf dem Boden. Sie strengen sich an, um sich aus ihrem Gefängnis zu befreien. Zunächst ohne Erfolg. Nach einem langen Kampf schaffen sie es endlich: Sie taumeln über die Bühne, immer wieder fallen sie hin. Aufrecht zu stehen fällt ihnen sichtbar schwer.  Es gelingt kaum. So wird bei dem Kunstprojekt „Shadowlight“ das Leben nach einem sexuellen Missbrauch tänzerisch dargestellt. Dazu wechselt das Licht in der Heilig-Geist-Kirche in der Münchner Innenstadt immer wieder vom Hellen ins Dunkle.  Beim Zuschauen macht sich ein beklemmendes Gefühl breit. Es ist bedrückend, den Menschen bei ihrem Kampf zuzusehen. Dazu hört der Zuschauer die Stimme einer Frau. Sie gehört Agnes Wich, die ihre eigene Geschichte erzählt. Als junges Mädchen wurde sie von einem Priester sexuell missbraucht. In ihrem Text berichtet sie von ihren Qualen, aber auch davon, wie sie sich davon befreit hat. Sie hat schon immer geschrieben, sagte sie gegenüber mk online. Dabei kann sie sich ausdrücken und es gab ihr in der damaligen Situation die Möglichkeit, Verbindung zu sich selbst zu halten.

Stetiger Wechsel von Licht und Schatten

Für das Projekt war die aktive Mitarbeit von Betroffenen sehr wichtig, betont Andrea-Elisabeth Lutz, Leiterin des Kulturmanagements des Erzbistums München und Freising. Sie hat „Shadowlight“ ins Leben gerufen und dazu in den letzten eineinhalb Jahren mit vielen Betroffenen gesprochen. Aufstehen, gehen, hinfallen – diese Spirale hat sie bei vielen Betroffenen miterlebt. Dieses Gefühlsleben spiegelt sich nicht nur in der Darstellung, sondern auch im Titel „Shadowlight“ wieder: „Die Opfer treten ins Licht und fallen wieder in den Schatten“, erklärt Lutz.

Etwas in Bewegung setzen

Pater Hans Zollner, Leiter des „Centre for Child Protection“ (CCP) der Päpstlichen Universität Gregoriana, ist neben Agnes Wich ein Protagonist der Inszenierung. Das Stück endet mit einem Dialog zwischen den beiden und einem Aufruf des Jesuiten: „Wenn Sie auch nur den geringsten Verdacht haben, dass sexueller Missbrauch geschehen sein könnte: Bitte, gehen Sie diesem nach! Jedes Wegsehen, Verschweigen, Vertuschen verlängert Leid und zerstört Leben. Täter dürfen nicht unerkannt bleiben. Täter dürfen nicht mehr geschützt werden. Wer vertuscht und wegsieht, macht sich mit schuldig.“ Zollner glaubt, dass so ein Stück Ebenen erreiche – in der Seele, im Empfinden, in den Gefühlen – die ein einzelner Text oder Film nicht erreichen könne: „Es setzt etwas in Bewegung.“ Man sehe, spüre, höre und merke, dass es einen wirklich angeht und betrifft. Das sei das Gute an dieser Art von Kunst, so Zollner.

Bei Verdachtsfällen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Kleriker, Ordensangehörige oder andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst können sie sich an die Missbrauchsbeauftragten des Erzbistums München und Freising wenden.

Diplompsychologin Kirstin Dawin St. Emmeramweg 39 85774 Unterföhring Telefon: 089 / 20 04 17 63 Sie können auch eine Mail schreiben.

Dr. jur. Martin Miebach Pacellistraße 4 80333 München Telefon: 0174 / 300 26 47 Fax: 089 / 95 45 37 13-1 Sie können auch eine Mail schreiben.

Auch der Münchner Generalvikar Christoph Klingan sieht durch die Kunst hier etwas zum Ausdruck gebracht, was man in Worte kaum fassen kann. Er saß an dem Abend in der ersten Reihe, ganz nah am Bühnenrand. Von seinem Sitzplatz hörte er die Geräusche laut und deutlich, als ein ganz in schwarz gekleideter maskierter Mann andere Menschen auf die harten Holzdielen warf. Das und auch die Lichteffekte trugen bei Klingan dazu bei, dass ihn das Stück „aufgewühlt“ hat. Es würden Erfahrungen von Menschen in Szene gesetzt, die man als Außenstehende nicht beschreiben könne.

Er sieht in der Aufarbeitung des Missbrauchs eine entscheidende Aufgabe und hebt im Interview mit mk online den präventiven Aspekt des Stücks hervor. Es gehe darum, Menschen für Räume zu sensibilisieren – auch in der Kirche – in denen so etwas geschehen kann. Es sei eine zentrale Aufgabe, alles dafür zu tun, dass wir das in Zukunft unterbinden. „Shadowlight“ soll zukünftig bei Veranstaltungen, Schulungen und e-learning zur Aufklärung und Prävention von Kindesmissbrauch eingesetzt werden.

Die stummen Schreie

Agnes Wich wünscht sich, dass die Inszenierung die Menschen erschüttert und berührt. Sie sollen verstehen, was ein Kind durchlebt – an Krisen, Zweifeln, Hoffnungen, Sehnsüchten und Lebenswünschen.  Es sei wichtig, dass die Menschen spüren, wie wichtig es ist, hinzuschauen, zu unterstützen und zuzuhören, wenn Hilfe nötig ist. Sie sollen „die nicht geschrienen Schreie der Kinder hören“. Dem Stück gelingt es, die stummen Schreie hörbar zu machen. So hat keiner der Menschen auf der Bühne während des Stücks einen Ton gesagt. Und doch waren die Schreie im Kirchenraum nicht zu überhören.

Die Autorin
Katharina Sichla
Teamleiterin mk online
k.sichla@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Kirche und Missbrauch

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