Ikone, Asam-Porträt und Pestkarren Landesausstellung in Regensburg

30.09.2019

Das Haus der Bayerischen Geschichte zeigt seit dem vergangenen Wochenende „100 Schätze aus 1000 Jahren“, unter anderem mit bedeutenden Leihgaben aus dem Freisinger Diözesanmuseum.

Das Freisinger Diözesanmuseum besitzt einzigartige und begehrte Kostbarkeiten. Fünf Hauptwerke hat Sammlungsleiter Steffen Mensch jetzt an die Donau geschickt: Zur Landesausstellung „100 Schätze aus 1000 Jahren“ im neu errichteten Haus der Bayerischen Geschichte HDBG.

„Es sind wirklich Spitzenwerke aus unserem Bestand“, erklärt der Kunsthistoriker, „und wir freuen uns, sie bei dieser Gelegenheit wieder einmal der Öffentlichkeit zeigen zu können“. Denn die Kunstwerke sind seit sechs Jahren meistens im Depot: das Diözesanmuseum in Freising ist aus Brandschutzgründen geschlossen und wird saniert.

Als kostbarstes Stück hat Steffen Mensch das sogenannte Lukasbild ausgewählt, „eines der kostbarsten byzantinischen Kunstwerke überhaupt in Bayern“. Es stammt aus Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, und zeigt die Muttergottes. Der Legende nach hat sie der Evangelist Lukas gemalt, was für das hohe Alter und die große Verehrung der Ikone spricht, die 1440 auf verschlungenen Wegen nach Freising gekommen ist. Gut 200 Jahre später wurde es von einem oberbayerischen Künstler in einem prächtigen Gold- und Silberrahmen gefasst, der wie ein Altar aussieht, und Engelsfiguren umgeben. Diese barocke Fassung zeigt die neu einsetzende und staatlich geförderte Marienverehrung im 17. Jahrhundert, die das Land nachhaltig geprägt hat. Das Lukasbild weist aber auf „die internationalen Verflechtungen Bayerns“ hin, sagt Richard Loibl.

Lukasbild mit allem Drum und Dran

Er ist Direktor des HDGB und stolz darauf, das Lukasbild mit allem Drum und Dran zeigen zu dürfen. Diese Bereitschaft Neues und Fremdes zu schätzen und in die eigene Kultur aufzunehmen zieht sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Das zeigt sich auch an einer anderen Leihgabe aus dem Diözesanmuseum: Es ist das Gemälde „Der alte Bauer mit dem Kälbchen“, der offenbar den Verkauf seines Tieres ablehnen will, das ängstlich zu ihm aufschaut. Es stammt von Christopher Paudiß, der aus Norddeutschland stammt, Schüler von Rembrandt war und dann über Prag und Wien Hofmaler beim Fürstbischof in Freising wurde.

Eine andere Leihgabe aus dem Diözesanmuseum hat es Richard Loibl besonders angetan: Es ist das Selbstporträt Cosmas Damian Asam, auf dem er auch seine beiden Brüder dargestellt hat. „Da lässt sich bayerischer Humor drin erkennen“, so der HDGB-Chef, „es ist so eine Mischung aus Malerfürst und Fasching“. Denn der Rokokokünstler stellt sich mit wallendem roten Umhang, Perlenohrringen und einer schwarzen Pelzmütze dar. Er nimmt sich wichtig und gleichzeitig nicht ganz ernst und zieht gleichzeitig seinen ebenso begabten Bruder Egid Quirin auf, der im Hintergrund hervorspitzt und „wie ein Lehrbub ausschaut“. Eine bajuwarische Familien-Derbleckerei, die nicht nur etwas über den Charakter des Künstlers, sondern auch über den seines Volksstammes aussagt.

Ausstellung erzählt auch von Not

Die Ausstellung präsentiert aber nicht allein große Kunstwerke, die sogar aus dem Pariser Louvre oder den königlichen Sammlungen in Stockholm entliehen werden konnten. Genauso wichtig sind Richard Loibl und dem HDBG die Geschichte und die Leiden der sogenannten kleinen Leute. Da ist die berühmte Gotzinger Trommel aus dem Miesbacher Heimatmuseum. Sie soll während der Sendlinger Mordweihnacht geschlagen worden sein, als sich 1705 Bauern aus dem Oberland gegen die österreichische Besatzung auflehnte. Ein Gedenkkästchen aus der Gegend von Dingolfing zeigt einen kleinen groben Brotwecken. Eine Bäuerin hat ihn aufgehoben und in einem selbstverfertigten Kästchen aufbewahrt, um an eine Missernte zu erinnern, in der die Brote immer kleiner und immer teurer wurden. Und ein Pestkarren erzählt vom großen Sterben im Dreißigjährigen Krieg.

Objekte, die Richard Loibl genauso wichtig sind wie die aus Gold und Silber. Zu den tausend Jahren gehört immer wieder das durch Krieg, Seuchen oder auch Wetterextreme verursachte Massensterben: „Gerade von diesen Notsituationen hat sich kaum etwas Materielles erhalten und das sind dann in gewisser Weise sogar die eigentlichen Schätze, weil selten.“ Dazu gehören auch die herzzerreißenden Findelkindzettel aus dem Archiv des Erzbistums München und Freising. Ledige Mütter oder mittellose Eltern legten sie neben ihre Säuglinge. Darauf teilten sie den Vornamen des Kindes mit, ob es bereits getauft war und die flehentliche Bitte sich des Kindes anzunehmen. Die unscheinbaren Zettel stammen aus den Jahren 1807 und 1808, also aus der Napoleonzeit, mit der die Ausstellung endet. „Mit der Zeit danach beschäftigt sich unsere Dauerausstellung im Obergeschoss“, erklärt Richard Loibl, „so dass man sich an einem Ort die gesamte bayerische Geschichte vom frühen Mittelalter bis heute anschauen kann“.

Tonköpfe neben der Kirche

Eine Geschichte, die stark von Kirche und Religion geprägt ist, die den Alltag der Menschen, Kunst und Kultur weitgehend bestimmt haben. Eindrucksvoll ist das an der berühmten Rosenkranztafel zu sehen, die ebenfalls aus dem Freisinger Diözesanmuseum stammt. Es ist ein Wimmelbild, das einen mächtigen Rosenkranz zeigt, in den bildliche Beispiele für die zehn Gebote und eine Fülle von Heiligen hineingemalt sind. Daneben sind ein Mann und eine Frau im Fegfeuer und darunter eine Pieta zu sehen. Links und rechts von ihr kniet die Familie Herzog Wilhelms IV. zu sehen. Das Gemälde ist fast so groß wie eine Tischtennisplatte und ein Bekenntnis zum katholischen Glauben in den Auseinandersetzungen der Reformation. Es dokumentiert das Festhalten an der Fegfeuerlehre, der Heiligenverehrung und der Marienfrömmigkeit.

Wie dieser volkstümliche bayerische Katholizismus während der Aufklärungszeit in Bedrängnis geriet und als Aberglaube bekämpft wurde ist am Schluss der Ausstellung zu sehen: ein Fund von Köpfen aus Ton. Es sind Votivgaben aus der Sankt Theobaldskirche in Geisenhausen. Dorthin pilgerten die Menschen bei Kopfleiden und brachten als Opfergabe diese aus Ton geformten Köpfe mit. Als die staatlichen und kirchlichen Behörden das Wallfahrten Ende des 18. Jahrhunderts bekämpften und verboten, haben die Gläubigen die Votivgaben wahrscheinlich aus der Kirche entfernen müssen. Sie haben sie aber nicht nach Hause genommen oder gar zerschlagen, sondern würdig neben der Kirche beigesetzt. 50 Jahre danach kam die Wallfahrt übrigens noch einmal auf. Das Festhalten am Überlieferten und die Pflege von Traditionen gehört zu Bayern und auch das zeigt diese eindrucksvolle Landesausstellung.

Die Landesausstellung im Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg, Donaumarkt 1, ist bis zum 8. März 2020 täglich außer montags, von 9.00 bis 18.00 Uhr geöffnet. Vom Bahnhof in Regensburg ist die Ausstellung mit den Buslinien 12 und 13 oder zu Fuß in 15 Minuten zu erreichen.

Audio

Zum Nachhören

Beitrag im Münchner Kirchenradio über die Bayerische Landesausstellung

Der Autor
Alois Bierl
Chefreporter Sankt Michaelsbund
a.bierl@st-michaelsbund.de


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