Wilhelm Schmidbauer über seinen Glauben Landespolizeipräsident betet vor kritischen Situationen

16.11.2018

Christliche Werte sind sein Fundament, nach denen er beruflich wie privat handelt, erzählt Bayerns oberster Polizist. Wilhelm Schmidbauer wird täglich mit schweren Verbrechen konfrontiert. Den Glauben an die Nächstenliebe verliert er dabei nicht.

Bayerns oberster Polizist, Wilhelm Schmidbauer, betet vor kritischen Situationen.
Bayerns oberster Polizist, Wilhelm Schmidbauer, betet vor kritischen Situationen. © Polizei Bayern

Noch heute liest er in seiner Schulbibel, die er einst von seiner Großmutter bekommen hat. Bayerns oberster Polizist und Chef von rund 40.000 Beschäftigen der Polizei, Wilhelm Schmidbauer, nennt als Lieblingsstelle in der Bibel die Bergpredigt. „Das ist ein moralisches Fundament für eine gute Gesellschaft“, erklärt der Landespolizeipräsident. Markiert hat er allerdings keine Zeile in seiner Bibel, „das hat mir die Oma schon gesagt: Da darfst ja net umeinanderstreichen da drin“, lacht der 60-Jährige. Werte hat der Katholik von klein auf mitbekommen. „Das konservative Elternhaus, in dem ich behütet und christlich aufgewachsen bin, hat mich sehr geprägt“, blickt der Jurist und Bayerns oberster Polizist zurück. Sein Vater war ebenfalls Polizeibeamter, „er hat mir nicht nur seine beruflich-ethische Anschauung mitgegeben, sondern auch sein Werteverständnis“.


Glaube gibt Kraft


Ein Fundament, das Wilhelm Schmidbauer in seiner Arbeit auf vielfältige Weise hilft. Sein Lieblingsgebot ist „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, doch angesichts der schrecklichen Verbrechen, mit denen er seit Jahrzehnten konfrontiert wird, „neigt man nicht unbedingt zur Aussage, dass Nächstenliebe den Menschen angeboren ist“. Doch er kämpfe täglich darum, dass diese menschlichen, diese christlichen Werte, die von fundamentalem Interesse seien und auf die unser Staat stolz sein könne, auch realisiert würden. Und, ja, natürlich – trotz all dieser menschlichen Abgründe, mit denen ein Polizeibeamter täglich konfrontiert wird – glaubt er an Gott. Dieser Glaube gebe ihm auch die Kraft, die man für einen derartig anstrengenden Beruf benötige. Selbstverständlich bete er auch. „Insbesondere vor kritischen und anstrengenden Situationen spreche ich mit Gott“, verrät der Landespolizeipräsident, „vielleicht häufiger, als ich in die Kirche gehe.“ Aus beruflichen Gründen schaffe er es nicht mehr jeden Sonntag in den Gottesdienst. Sendet er auch Stoßgebete gen Himmel? „Natürlich gibt’s auch die“, lächelt er, „wenn die Herausforderung besonders kritisch ist – und zum Glück erhört Gott mich sehr häufig.“


Selbst in Krisensituationen ruhig


Wilhelm Schmidbauer bleibe aber selbst in Krisensituationen besonnen und ruhig, beschreiben ihn seine Mitarbeiter. Der promovierte Jurist poltert nicht. Hektik, Ungerechtigkeit und Oberflächlichkeit sind nicht Seins. Auch deshalb macht er sich grundsätzlich gerne persönlich ein Bild von der Lage – beispielsweise während der Flüchtlingskrise in Passau. Manche Aktionen allerdings werden öffentlich verurteilt. Als Münchner Polizeipräsident geriet Schmidbauer 2011 unter Beschuss, weil er sich vier Jahre zuvor von der lybischen Botschaft zu einem Essen mit dem Sohn des damaligen Herrschers Muammar al-Gaddafi im Bayerischen Hof hatte einladen lassen, um ihm „zu erklären, was wir von ihm erwarten, wenn er sich hier in München aufhält. Das war richtig, das sehe ich heute noch so“. Gaddafis Sohn, so die damalige Vermutung, sei in Kriegswaffenhandel verstrickt. „Es wurde ermittelt, es gab auch entsprechende Waffentransporte, aber dass Gaddafis Sohn der Auftraggeber war, konnte nicht nachgewiesen werden“, berichtet Schmidbauer. „Generell ist es für die Polizei schwierig, einen Auftrag gerichtsfest zu beweisen, wenn dieser nur mündlich erteilt wurde.“ Als 2011 öffentlich Kritik laut wurde, „konnten wir nicht alles offenlegen, was wir damals wussten, das lag an den entsprechenden Datenschutzvorschriften, die auch Täter schützen“.

Susanne Hornberger, Chefredakteurin der Münchner Kirchenzeitung, traf Wilhelm Schmidbauer in seinem Büro im Innenministerium.
Susanne Hornberger, Chefredakteurin der Münchner Kirchenzeitung, traf Wilhelm Schmidbauer in seinem Büro im Innenministerium. © Privat

Glaube an Nächstenliebe nicht verlieren


Wie geht man mit Kritik um in so einer schwierigen Situation? Schmidbauer überlegt. Man brauche in dem Beruf ein dickes Fell. „Kritik erträgt sich vielleicht ein bisschen leichter, wenn man für sich selber weiß, dass diese Kritik unberechtigt ist und man sich nichts vorzuwerfen hat“, sagt der gebürtige Regensburger. Hilft ihm eben auch in diesen schwierigen Situationen der Glaube? Oder hat der Katholik auch mal an der Existenz Gottes gezweifelt? „Ja, natürlich“, sagt Schmidbauer bestimmt, „vor allem, wenn man im Berufsleben dem Tod begegnet.“ Er erinnert sich an seine erste Stelle in verantwortlicher Position, als er als stellvertretender Leiter der Polizeidirektion Kempten im Allgäu der Erste bei einem schweren Autounfall war. Der Fahrer sei in seinen Armen gestorben. Oder beim Amoklauf in München 2016. „Da fragt man sich doch, warum mussten all die unschuldigen Menschen so jung sterben? Welcher Sinn steckt dahinter?“ Aber man müsse sich, antwortet Schmidbauer gleich selbst, damit abfinden, dass der Mensch nicht Gott sei und damit die Sinnhaftigkeit des Handelns Gottes nicht erfassen könne. „Man darf trotzdem den Glauben an die Nächstenliebe nicht verlieren“, bekräftigt der groß gewachsene Mann, „das ist ganz wichtig, um das Elend dieser Welt ertragen zu können.“


„Ich glaube an Schutzengel“


Dabei hilft ihm auch seine Familie. Kraft schöpft Wilhelm Schmidbauer obendrein beim „Auspowern“, also echter körperlicher Arbeit. Deshalb verbringt der Landespolizeipräsident seine wenigen freien Wochenenden gerne auf dem Grundstück seines Vaters mit „Rasen mähen, Sträucher zuschneiden, Holz hacken“. Dann bekommt er den Kopf mal frei, ohne sich über irgendwelche Probleme den Kopf zu zermartern. Glaubt der Jurist an Engel? „Ich glaube an Schutzengel“, lächelt er vielsagend, „sie haben mich schon ein paarmal vor Schlimmerem bewahrt.“ Wenn man sich übermüdet ins Auto setzt, da gebe es viele Situationen, wo ein Schutzengel aufgepasst habe, „sonst wäre man heute vielleicht gar nicht mehr da“. Das Paradies stellt sich Wilhelm Schmidbauer sehr bajuwarisch vor. Wir hätten ja vom ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer gelernt, grinst er, dass Bayern schon die Vorstufe des Paradieses sei. „Also muss es eine Steigerung zu Bayern sein“, führt er schmunzelnd fort, „ich hoffe, dass es jedenfalls sorgenfrei ist.“

Die Autorin
Susanne Hornberger
Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de


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