Caritas-Ausstellung Leben. Lieben. Mensch sein.

05.04.2017

Warum sich die Kirche mit einer eigenen Ausstellung für die sexuelle Aufklärung von Flüchtlingen einsetzt und welche Eindrücke Besucher von dem Projekt haben, lesen Sie hier.

Liebe überwindet sprachliche und kulturelle Barrieren. © Fotolia/fotofrank

Warum ist es gut, dass Kirche so eine Ausstellung macht? Weil Kirche es als ihren Auftrag sieht, Geflüchtete dabei zu unterstützen, in vollem Umfang am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Dazu gehört ein Verständnis christlicher Werte genauso wie ein verantwortungsvoller, aufgeklärter Umgang mit der eigenen Sexualität.

Der Titel der Ausstellung beschreibt sehr treffend den Anspruch: "Only Human. Leben. Lieben. Mensch sein." Es geht um christliche Werte, Beziehungen und Gesundheit – Themen, die jeden betreffen und die in der Realität eng verbunden sind. Es ist gut, dass sich Kirche hier aktiv zeigt, statt anderen das Feld zu überlassen. Dies entspricht auch den Wünschen vieler Haupt- und Ehrenamtlicher in der kirchlichen Arbeit mit Geflüchteten, die Anfang 2016 genau mit diesem Wunsch an die Diözesanleitung herantraten. Generalvikar Peter Beer gab daraufhin im diözesanen Gremium zur Unterstützung der Arbeit mit Geflüchteten den Anstoß, diese Themen durch die katholischen Verbände aufzugreifen.

Daraus gingen zwei Projekte hervor, eine mobile Gesundheitsberatung für Mädchen und Frauen mit Fluchthintergrund, sowie eine Ausstellung zu den Themen Werte, Beziehung und sexuelle Gesundheit.

Viel wurde darüber diskutiert, wie explizit das Thema Sexualität behandelt werden sollte. Letztlich waren sich alle Beteiligten – von Geflüchteten über Sozialarbeiter bis hin zu Generalvikar und Caritasdirektor – einig, dass so eine Ausstellung nur dann ihren Zweck erfüllt, wenn sie sich auch gerade den Themen widmet, die anzusprechen oft schwerfällt, deren Dringlichkeit aber Realität ist.

Die Ausstellung kann nur durch geschultes Personal begleitet besucht werden und setzt bewusst auf Bildsprache, um die Inhalte sprachunabhängig zu vermitteln. Schließlich ist Sexualität ein Themenbereich, in dem die wenigsten Geflüchteten über den Kenntnisstand verfügen, der in Deutschland Standard ist.

Letztlich jedoch geht es in "Only Human" um alle Facetten des menschlichen Miteinanders. Dazu gehört ein verantwortungsvoller Umgang mit Sexualität genauso wie eine gleichberechtigte, respektvolle Beziehung der Geschlechter. All dies sind Voraussetzungen für gelingende Partnerschaften, die die Säulen des gesellschaftlichen Miteinanders bilden.

"Only Human. Leben. Lieben. Mensch sein." bildet einen Baustein des breiten kirchlichen Engagements in der Arbeit mit Geflüchteten. Der Anspruch ist letztlich eine umfassende Unterstützung, von der die Geflüchteten genauso profitieren wie der Rest der Gesellschaft. (Elisabeth Kirchbichler, die Autorin ist Leiterin des Projekts "Flucht, Asyl und Integration" im Erzbischöflichen Ordinariat)

 

Was hat die Ausstellung bei Ihnen bewirkt?

"Früher dachte ich, dass man schon vom Anfassen und Küssen AIDS und andere Krankheiten bekommen kann. Jetzt weiß ich mehr darüber. Ich habe keine Angst mehr. Ich weiß, dass jedes Mädchen anders ist. Also manche möchten länger warten, bis sie intim werden und manche weniger lang. Aber viele Mädchen reden gar nicht mit mir, weil sie keine Flüchtlinge mögen. In meiner Heimat ist es normal, wenn heterosexuelle Männer den Arm umeinander legen. Hier in Deutschland aber denken die Menschen, sie sind schwul, wenn zwei Männer sich an den Händen halten. Das stört mich, weil die Mädchen nicht denken sollen, dass ich schwul bin. Auch, wenn die Leute sagen, dass das nicht stimmt: Wenn man sich selbst befriedigt, wird man krank und geht psychisch kaputt. Aber wenn nicht, dann auch. Was soll man machen, wenn man keine Freundin hat?" (Ali M./Name von der Redaktion geändert)

Mohammed Nour Darwish (18) aus Syrien © Zöpfl

"Ich habe kein Problem damit, wenn jemand schwul ist. Aber früher war Homosexualität kein Thema für mich, weil über so etwas in meiner Heimat nicht gesprochen wird. Frauen und Männer sind gleich viel wert. Frauen können arbeiten, genau wie Männer. Aber wenn der Mann genug verdient, dann kann die Frau auch zuhause arbeiten, also putzen und kochen. Ich finde es schwierig, mit Mädchen in Kontakt zu kommen. Ich möchte nicht unhöflich sein und weiß nicht, wie und wo ich sie ansprechen kann. Früher wusste ich wenig über AIDS. Wird man eigentlich bestraft, wenn ein Mädchen schwanger von einem ist?"

Ulrich Pöppl, Sozialpädagoge an der Münchner Volkshochschule (VHS) © Zöpfl

"Der unmittelbare Effekt der Ausstellung ist schwer messbar. Ich denke, dass sie eher einen Langzeiteffekt hat. Sie hilft, einen entkrampften Umgang mit der Sexualität zu ermöglichen. Ich finde es sehr gut, dass Themen wie Homosexualität in dieser auch kirchlich getragenen Ausstellung angesprochen werden. In unserer "pornofizierten" Gesellschaft erwerben die meisten jungen Menschen ihre Kenntnisse über Sexualität hauptsächlich aus dem Internet. Unsere afghanischen Schüler beispielsweise haben ihre Mutter auch als Kind nie nackt gesehen. Es gibt dort teilweise keine innerfamiliäre Freizügigkeit. Außerdem gibt es dort eine strikte Geschlechtertrennung. Hier in Deutschland werden die Migranten mit ganz neuen sozialen Codes konfrontiert. Die Signale verstehen sie häufig nicht, oder deuten sie falsch. Wenn ein Mädchen beispielsweise jemanden anlächelt, heißt das nicht, dass sie ihn heiraten möchte."

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Flucht & Asyl

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